ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2003Patientenautonomie: Zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung

POLITIK

Patientenautonomie: Zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung

Dtsch Arztebl 2003; 100(26): A-1785 / B-1483 / C-1391

Rabbata, Samir

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Gezielte Lebensverkürzung gehört nicht in den Verantwortungsbereich der Palliativmedizin. Foto: epd
Gezielte Lebensverkürzung gehört nicht in den Verantwortungsbereich der Palliativmedizin. Foto: epd
Ärzte, Politiker und Ethikräte suchen in Deutschland nach Antworten auf ethische Fragen zum Ende des menschlichen Lebens.

Der Bausatz kostet etwa 55 Euro und lässt sich von geübten Heimwerkern problemlos selbst zusammenbasteln. Im wahrsten Sinne des Wortes todsicher soll die Bedienung der „Selbstmordmaschine“ sein, die der australische Arzt und Sterbehilfe-Aktivist Philip Nitschke Ende Mai bei einer Konferenz in Sydney vorgestellt hat. Das Gerät stößt Kohlenmonoxid aus und lässt den Benutzer nach Angaben des Erfinders friedlich entschlafen.
Nitschkes bizarrer Sterbeapparat soll unheilbar Kranken helfen, ihr Leben selbstständig zu beenden. Was aber, wenn der Tod wegen der Schwere der Erkrankung nicht selbst herbeigeführt werden kann oder der Patient nicht mehr in der Lage ist, seinen Todeswillen klar zu bekunden? Zu welchem Zeitpunkt dürfen lebenserhaltene Instrumente abgeschaltet werden, um unnötiges Leiden zu verhindern?
Zwei Jahre nach der Entscheidung des niederländischen Parlaments, ärztlich gestützte Euthanasie zuzulassen, entbrennt in Deutschland ein weiteres Mal die Debatte über ethische Grenzfragen zum Ende des menschlichen Lebens. So befasste sich im Mai der 106. Deutsche Ärztetag in Köln mit der palliativmedizinischen Versorgung in Deutschland und sprach sich zudem eindeutig gegen aktive Sterbehilfe aus. Auch die Ethikenquete des Bundestages setzte die Themen Sterbehilfe, Sterbebegleitung und Palliativmedizin ganz oben auf ihre Agenda. Mitte Juni befasste sich schließlich der Nationale Ethikrat in einem Expertenforum in Berlin mit der sensiblen Problematik.
Privatdozent Dr. Christof Müller-Busch vom Palliativzentrum Berlin-Brandenburg bezeichnete auf dem Forum des Ethikrats die Anerkennung von Patientenautonomie als ein Grundelement medizinischen Handelns. Nach Ansicht des Experten bleibe dennoch die Frage: „Wann sagen wir, dass Behandlungen bei diesen Menschen sinnlos geworden sind, unvernünftig, aus sonstigen Gründen nicht möglich oder nicht indiziert?“ Letztlich stünden ethische Handlungsprinzipien der modernen Medizin nicht in einer hierarchischen Ordnung, sondern in einem Spannungsfeld mit unterschiedlicher Gewichtung im konkreten Fall.
Die Krankengeschichte von Herrn R., die Müller-Busch vortrug, verdeutlicht dies: Herr R. (65), ein ehemaliger Bankkaufmann, befindet sich seit über einem Monat in palliativmedizinischer Behandlung. Ein Prostata-Karzinom und mehrere Schlaganfälle, die unter anderem zu einer sensorisch-motorischen Aphasie geführt hatten, waren seiner Einweisung vorangegangen. Kommunikation oder gar verbale Willensäußerungen sind seither unmöglich. Herr R. schreit bei jeder passiven Bewegung vor Schmerz, während er in Ruhephasen teilnahmslos, gelegentlich auch lächelnd fernsieht.
Müller Busch: „Wer entscheidet, unter welchen Bedingungen oder wann die Erkrankung dieses Menschen einen irreversiblen tödlichen Verlauf genommen hat? In welcher rechtlichen Grauzone bewegen wir uns?“ Die Betreuung eines sterbenskranken Menschen sei immer ein sehr individueller und häufig auch anstrengender Prozess für alle Beteiligten, der Verständnis und Respekt verlange, schließlich aber auch die Bereitschaft beinhalte, das Sterben und den Tod dieses Menschen mittragen und mitverantworten zu können. Müller-Busch wies darauf hin, dass Palliativmedizin einen Orientierungsrahmen biete, der verantwortliche Entscheidungen bei aussichtsloser Lebensperspektive ermögliche, ohne dass der Rahmen der rechtlich zulässigen Sterbehilfe verlassen werde. „Gezielte Lebensverkürzung gehört nicht in den Verantwortungsbereich der Palliativmedizin“, stellte Müller-Busch klar.
Erleichtert wird Ärzten und Angehörigen die Entscheidung über Leben und Tod, wenn eine so genannte Patientenverfügung vorliegt, die darauf abzielt, im Falle der Einwilligungsunfähigkeit einen selbstbestimmten Umgang des Betroffenen mit dem eigenen Leben zu garantieren. Die rechtliche Bedeutung von Patientenverfügungen unterstrich zuletzt der Bundesgerichtshof in seinem Urteil vom 17. März (XII ZB 2/03). Demnach müssten lebenserhaltende oder -verlängernde Maßnahmen unterbleiben, wenn dies dem zuvor in Form einer Patientenverfügung geäußerten Willen entspreche. Dies folge aus der Würde des Menschen, die es gebiete, sein in einwilligungsfähigem Zustand ausgeübtes Selbstbestimmungsrecht auch dann noch zu respektieren, wenn er zu eigenverantwortlichem Entscheiden nicht mehr in der Lage sei, urteilten die Richter. Samir Rabbata
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