ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1996Klinische Standards: Steiniger Weg

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Klinische Standards: Steiniger Weg

Dtsch Arztebl 1996; 93(45): A-2893 / B-2461 / C-2305

Prozsolt, Franz

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LNSLNS Standards zur Diagnostik und Therapie variieren zwischen Klinikzentren erheblich, obwohl die zugrundeliegende Datenbasis für alle identisch ist. Ursache dieser Variation kann demnach nur eine unterschiedliche Datenselektion und/oder eine unterschiedliche Interpretation der selektierten Daten sein. Eine Ulmer Studie zur Qualität von Standards, die zusammen mit 15 Tumorzentren durchgeführt wurde, zeigte, daß die von einem Zentrum zur Begründung ihrer Standards verwendete Literatur von mehr als der Hälfte der anderen Zentren als "nicht relevant" abgelehnt wurde. Schlimmer noch: Wenn zehn Ärzte die Qualität der gleichen publizierten klinischen Studie auf einer Skala von 0 bis 100 Punkte einschätzten, waren Streuungen von 10 bis 90 Punkten keine Ausnahme. Alle der zur Bewertung der wissenschaftlichen Qualität vorgelegten publizierten Studien erzielten – auch wenn sie keine Daten, nur Ansichten, enthielten – im Median mindestens 40 Punkte. Ein Tribut an die Fairneß gegenüber Kolleginnen und Kollegen?
Eine vorsichtige Interpretation dieser Ergebnisse läßt vermuten, daß die von Expertengremien erstellten Standards möglicherweise mehr die gemeinsame Erwartung der Experten als die wissenschaftliche Evidenz der Studien reflektieren – aber eben nur möglicherweise.
Was könnten wir tun, um besser zu werden? Vor etwa zehn Jahren wurde in angelsächsischen Ländern eine in der Medizin neue Strategie etabliert: Evidence Based Medicine. Dieser Ansatz fordert, Entscheidungen durch systematisch erstellte wissenschaftliche Evidenz zu belegen. Die auf diesem Weg erzielten Entscheidungen stimmen bei weitem nicht immer mit konventionell erarbeiteten Entscheidungen überein. Damit Hand in Hand geht die Bemühung der weltweiten Organisation der Cochrane Centres, die sich die Aufgabe gestellt haben, das Problem der großen Informationsmenge in der Medizin zu lösen. Um beispielsweise im Gebiet der allgemeinen Inneren Medizin auf dem laufenden zu bleiben, müßte eine Ärztin/ein Arzt täglich 19 Artikel lesen – und das 365mal im Jahr. Die Cochrane Collaboration wählt verläßliche medizinische Information aus und faßt diese in strukturierten Übersichtsarbeiten zusammen. Deutschland ist eines der wenigen Industrieländer, die dieser Collaboration noch nicht beigetreten sind. Zur Verbesserung der mangelhaften und wenig professionellen Kommunikation zwischen Arzt und Patient wurden bei den Angelsachsen systematische Trainings-Programme für Ärzte entwickelt, die großes Interesse finden. Die wissenschaftlich fundierte Messung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität ist in vielen europäischen Ländern ein gutes Stück weiterentwickelt. Auch dort gibt es nur zwei Gründe, zum Arzt zu gehen: entweder um länger oder um besser leben zu können als ohne die Hilfe des Arztes. Deshalb sollte der Wert der medizinischen Maßnahmen in diesen beiden Dimensionen, der gewonnenen Lebenszeit und Lebensqualität, beschrieben werden.
Ohne Unterstützung können diese Ziele, Evidence Based Medicine, Cochrane Centre, Kommunikation und Messung der Lebensqualität, kaum erreicht werden. Diese vier Ziele sind anzustreben, wenn die Standards nachhaltig verbessert werden sollen. Dies geht nur mit vereinten Kräften.
Prof. Dr. med. Franz Prozsolt, Ulm
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