POLITIK

Stumme Experten

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): A-1840 / B-1530 / C-1438

EB

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LNSLNS 138 Verbände und Interessenorganisationen, 15 Einzelsachverständige: Sie alle wurden eingeladen, um den GMG-Entwurf und konkurrierende Anträge der Opposition mehrere Tage lang zu beraten. Doch zu Wort kam in etwa nur jeder fünfte Experte – alle anderen mussten zuhören. Dies ist auch dann die Pflicht eines Experten, wenn er glaubt, eine Frage sachkundiger als ein anderer beantworten zu können oder gar eine falsche Antwort korrigieren zu können.
Dies findet Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen problematisch. Der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) war am vergangenen Montag als Einzelsachverständiger geladen, um zum Thema Qualität der Versorgung/ Deutsches Zentrum für Qualität in der Medizin Stellung zu nehmen. Er hatte jedoch seiner Auffassung nach nicht in ausreichendem Maß Gelegenheit, Behauptungen wie die zu widerlegen, dass es weder für die deutsche Ärzteschaft noch die Patientenschaft irgendeine industrieunabhängige Information zu Nutzen und Risiken von Arzneimitteln in Deutschland gebe. In seiner Stellung-
nahme heißt es:
„Wie selbst der ,Spiegel‘ in seiner Ausgabe vom 31. 3. 2003 schrieb, besitzt die verfasste Ärzteschaft in Form der Arznei­mittel­kommission eine Institution, die neutrale, kritische, industrieunabhängige Information liefert. Diese Information steht allen deutschen Ärzten und Ärztinnen in vielfacher Form, das heißt als Printmedium oder im Internet, zur Verfügung. Alle zwei Jahre erscheint das Buch ‚Arzneiverordnungen‘, das schon vor vielen Jahren eine quasi ärzteeigene Positivliste mit knapp 800 ausdrücklich empfohlenen Wirkstoffen darstellte. Viermal im Jahr wird zudem das Bulletin ‚Arzneiverordnung in der Praxis‘ veröffentlicht, das zur internationalen Gesellschaft der pharmaunabhängigen kritischen Drug Bulletins (ISDB) gehört. Die hierin enthaltene Information wird zudem in Deutschland durch weitere unabhängige, pharmakritische Informationsblätter wie ‚Arzneimittelbrief‘ oder ‚arznei-telegramm‘ optimal ergänzt.
Entsprechend Nr. 14 der Arzneimittelrichtlinien erstellt die AkdÄ seit Jahren evidenzbasierte Leitlinien, die von der im europäischen Vergleich als ausgesprochen hochkarätig anzusehenden Clearingstelle, dem Ärztlichen Zentrum Qualitätssicherung, sehr positiv zertifiziert wurden. Die Vertragsärzteschaft ist verpflichtet, den Inhalt dieser Leitlinien zur Kenntnis zu nehmen.
Sie stellen auch die Grundlage für das nationale Leitlinienprogramm der Bundes­ärzte­kammer dar, das in den vergangenen Monaten gezeigt hat, dass die verfasste Ärzteschaft in der Lage ist, auch unter massivem Zeitdruck qualitativ hochwertige nationale Versorgungsleitlinien zu erstellen. Die ,Therapieempfehlungen‘ sind weiterhin Basis für leicht verständliche Patientenbroschüren, die von Krankenkassen gemeinsam mit der Arznei­mittel­kommission erstellt und in Millionen Exemplaren verteilt worden sind. Im Deutschen Ärzteblatt berichtet die AkdÄ zudem regelmäßig unabhängig und kritisch über neue Arzneimittelrisiken.
Selbstverständlich ist das Problem des starken Einflusses der pharmazeutischen Industrie auf die ärztliche Fortbildung ein gravierendes Problem, zu dem die Kommission unzählige Male kritisch Stellung genommen hat. Aber jedem deutschen Arzt und jeder deutschen Ärztin steht der Weg zur unabhängigen Information offen: Er oder sie muss sie nur nutzen!“ EB
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