ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2003Präparate aus menschlichem Gewebe: „Ethik hat ihren Preis“

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Präparate aus menschlichem Gewebe: „Ethik hat ihren Preis“

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): A-1842 / B-1531 / C-1439

Rieser, Sabine

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Rechtsfragen, die beim Umgang mit anatomischen Präparaten auftreten, behandelte Brigitte Tag im Titelaufsatz von Heft 15/2002.
Rechtsfragen, die beim Umgang mit anatomischen Präparaten auftreten, behandelte Brigitte Tag im Titelaufsatz von Heft 15/2002.
Ein Arbeitskreis hat Empfehlungen für den Umgang mit Präparaten in anatomischen, pathologischen und gerichtsmedizinischen Sammlungen vorgelegt.

Die vielerorts gezeigte „Körperwelten“-Ausstellung Prof. Dr. med. Gunther von Hagens’ hat monatelang kontroverse, hitzige Debatten ausgelöst. Ein zentraler Reibungspunkt war und ist, ob seine Plastinate die Würde der verstorbenen Menschen wahren oder preisgeben. Doch eine solche Frage stellt sich zuweilen auch angesichts einiger Präparate in den „normalen“ Sammlungen Deutschlands.
Manche stammen von Hingerichteten, andere von Menschen, die sich selbst getötet haben, einige von Personen, deren Leichnam nach einer Obduktion nicht vollständig bestattet wurde. Etliche gibt es, deren Herkunft gar nicht bekannt ist. Wie aber soll man mit Präparaten umgehen, deren Herstellung früher aus rechtlicher Sicht nicht zu beanstanden war, aber aus heutigem Empfinden und Rechtsverständnis durchaus?
Präparate sind „achtungsvoll“ zu behandeln
Antworten auf diese und andere Fragen hat ein unabhängiger, interdisziplinär zusammengesetzter Arbeitskreis aus Ärzten, Historikern, Juristen, Theologen und anderen Fachkundigen auf Initiative des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden in zweijähriger Arbeit gefunden. Sie wurden in „Empfehlungen zum Umgang mit Präparaten menschlicher Herkunft in Sammlungen, Museen und öffentlichen Räumen“ fixiert. Ziel ist es, den für die einschlägigen Sammlungen Verantwortlichen Richtlinien an die Hand zu geben, mit denen sich die ethischen und rechtlichen Probleme im Umgang mit entsprechenden Exponaten lösen lassen. Darauf wies der Sprecher des Arbeitskreises, Prof. Dr. phil. Robert Jütte, in der vergangenen Woche in Berlin bei der Vorstellung der Empfehlungen hin. Sie gelten aber nicht für Sektionen, soweit entsprechende landesgesetzliche Regelungen bestehen.
Der Arbeitskreis legt Wert darauf, dass die Herstellung und Sammlung von Präparaten grundsätzlich zulässig ist. Sie müssten allerdings „achtungsvoll“ behandelt werden. Dazu gehöre, sie in
optimalem Konservierungszustand und anonymisiert zu präsentieren.
Im Licht des Grundgesetzes müsse zudem im Regelfall eine wirksame schriftliche Einwilligung des Verstorbenen vorliegen. Arbeitskreis-Mitglied Prof. Dr. jur. utr. Brigitte Tag erläuterte, das sei heute Konsens. Früher war eine derartige Einwilligung gleichwohl nicht üblich. Tag warnte jedoch vor Radikallösungen. Alle Präparate zu bestatten, bei denen keine Einwilligung eines Spenders vorgelegen habe, werde möglicherweise weder dessen Anliegen noch dem der Sammler gerecht.
Generell empfiehlt der Arbeitskreis allerdings, die Herkunft von Präparaten mithilfe von Recherchen aufzuklären. Für solche Untersuchungen enthalten die Empfehlungen Handreichungen. Für die Zeit der Überprüfung sollten die betroffenen Präparate aus dem Präsentationsbereich genommen werden. Jütte räumte ein, dass diese Empfehlung nicht überall auf Begeisterung stoßen wird, weil Recherchen Geld kosteten und die Sammlungen sowieso wenig Mittel zur Verfügung hätten. Wenn man jedoch würdevoll mit Präparaten umgehen will, sei dies notwendig: „Ethik hat ihren Preis.“
Art und Ziel der Präsentation
Ein eigener Passus ist dem Umgang mit Präparaten aus der Zeit des Nationalsozialismus gewidmet, während der die Leichen von getöteten Regimegegnern, die von Zwangsarbeitern oder die der Opfer von Menschenversuchen Sammlungen zur Verfügung gestellt wurden. Der Arbeitskreis hat sich für einen differenzierten Umgang mit einzelnen Präparaten statt einer unterschiedslosen Entfernung aller zwischen 1933 und 1945 entstandenen Präparate ausgesprochen. Hier greifen allerdings auch strafrechtliche Regelungen und ein Beschluss der Kultusministerkonferenz der Länder. Sie hatte 1989 die Bundesländer aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Präparate von NS-Opfern und Präparate ungeklärter Herkunft, die zeitlich nicht eingeordnet werden können, sofort aus den Sammlungen zu nehmen und würdig zu bestatten sind.
Weitere Empfehlungen des Arbeitskreises betreffen die Art und das Ziel der Präsentation. So wird verlangt, die menschliche Leiche nicht zur beliebigen Sache zu degradieren: „Künstlerisch verfremdete Präparate aus menschlichem Gewebe sollten weder hergestellt noch aufbewahrt noch der Öffentlichkeit präsentiert werden.“ Darin spiegelt sich die Auseinandersetzung mit von Hagens’ Plastinaten wider, der im Übrigen auch um Stellungnahme zu den Empfehlungen gebeten wurde. Sabine Rieser

Die Empfehlungen können im Internet abgerufen werden unter www.aerzteblatt.de/plus2703. Literatur: Bogusch, Graf, Schnalke:„Auf Leben und Tod, Beiträge zur Diskussion um die Ausstellung ‚Körperwelten’“, ISBN 3-7985-1424-0; Ley, Ruisinger:„GEWISSENlos. Menschenversuche in Konzentrationslagern“, ISBN 3-925325-51-4.
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