THEMEN DER ZEIT

Mode

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): A-1853 / B-1542 / C-1450

Böhmeke, Thomas

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Gerne denke ich in den jetzigen optimismusinhibierten Zeiten an sie zurück – an die Diagnosen und Medikamente vergangener Jahrzehnte, denen mitunter nur eine kurze Blüte beschieden war, gleich den Launen emporeilender und wiederum fallender Rocksäume. Können Sie sich noch an die vegetative Dystonie erinnern, die mehr Löcher in die Phalanxen wissbegieriger Schüler riss als die Spanische Grippe, echte Gefahr für Leib und Leben aber nur simulierte? Therapeutisch war sie ganz unproblematisch, solange man Placebo forte verordnete. Ähnlich harmlos gebärdete sich das Mitralklappenprolapssyndrom, das mit der Einführung der Echokardiographie vorzugsweise attraktive junge Damen befiel. Zunächst Stoff unzähliger Publikationen und gar Promotionen, ist davon heute kaum noch die Rede. Nicht so das Metformin: War es noch zu meinen Studienzeiten der laktazidotische Killer, so erlebt es derzeit eine UKPDS(United Kingdom Prospective Diabetes Study)-Renaissance. Aber jetzt das: Die ALLHAT-Lipidsenker-Begleitstudie hat Pravasin als Placebo überführt (BDI aktuell 02-2003, S. 16). Ach du heilige HMG-CoA-Reduktase! Jahrelang hatte auch ich mit pharmakologisch verbrämter Inbrunst meinen sklerotischen Patienten die Statine eingehämmert. Muss ich ihnen diese wieder entreißen? Wie begegne ich den bohrenden Fragen, warum sie das Risiko einer Rhabdomyolyse auf sich nehmen mussten? Ist nicht der prognostische Gewinn ins Gegenteil verkehrt?
In dieser Zeit der wissenschaftlichen Verwirrung suche ich Beistand bei anderen Fachdisziplinen. Ich gehe also ins Wartezimmer und nehme diejenige Publikation zur Hand, durch deren Studium ich mir erhoffe, meine momentane mentale Misere zu meistern: die Modezeitschrift. Darin entdecke ich die Wiedergeburt der unsäglichen Schlaghosen, die, vergleichbar dem Metformin, während meiner Jugendzeit kurzfristige Triumphe feierten und zwischenzeitlich als optische Beleidigung gehandelt wurden. Nun sind sie wieder da, um mit Schlabberfransen die Stoffwechselendprodukte vierbeiniger Begleiter aufzuwischen. Aber je genauer ich das Journal inspiziere, desto klarer sehe ich: Keines der abgebildeten Models ist unglücklich darüber. Nein, sie tragen alle einen ausgesprochen fröhlichen Gesichtsausdruck spazieren. Und damit bahnt sich eine wohltuende Erkenntnis den Weg. Niemand wird mir böse sein, wenn ich die CSE-Hemmer vorübergehend dem Müllplatz der Medizingeschichte anvertraue. Schließlich regt sich auch keiner darüber auf, dass der lange Rock vom letzten Sommer heute völlig out ist. Im Gegenteil – die vielen glücklichen Gesichter, die mir aus dem Heft entgegenstrahlen, scheinen zu fordern: Gib es mir, dann nimm es mir wieder weg, und gib es mir später wieder. Zutiefst zufrieden lege ich die fachfremde Lebenshilfe beiseite, Ärger ist nicht zu befürchten. Einen Haken hat die Sache aber: Schlaghosen haben keine Nebenwirkungen. Dr. med. Thomas Böhmeke
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