ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2003Wissenschaft für Nachtschwärmer: „Ich war in der Gesundheitsecke“

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Wissenschaft für Nachtschwärmer: „Ich war in der Gesundheitsecke“

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): A-1854 / B-1543 / C-1451

Rühmkorf, Daniel

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Großes Interesse am Informationsangebot Berliner Kliniken und Institute

Mitte Juni luden die Berliner Wissenschaftler dazu ein, sich die vielfältigen Angebote der Hochschulen, der außeruniversitären Forschungsinstitute und Technologiefirmen anzusehen. Die „Lange Nacht“ begann vor einigen Jahren mit der Öffnung der Museen. Schon im ersten Jahr war der Ansturm gewaltig. Seit zwei Jahren haben die Wissenschaften mit einer eigenen Nacht gleichgezogen. Mehr als 20 000 Besucher wollten zu ungewöhnlichen Zeiten ein ungewöhnliches Programm genießen. Um beispielsweise auf den Campus Berlin-Buch der Charité zu gelangen, musste man schon bis an den nördlichen Rand der Metropole fahren. Aber der weite Weg lohnte sich.
Es riecht nach Gegrilltem. Jazzmelodien wehen über die weiten Anlagen des Nordberliner Forschungskomplexes. Menschen mit Lageplänen laufen über den Campus Berlin-Buch, um ihr nächstes Ziel, das genetische Kreativspiel „Gen-O-Poly“ im Helmholtz-Haus zu finden. Andere Nachtschwärmer machen schon einmal Pause und lassen sich bei Bratwurst, Bier und Live-Musik nieder.
Besucher der „Langen Nacht der Wissenschaften“ konnten ihren Blutzuckerwert bestimmen lassen. Foto: Thomas Oberländer
Besucher der „Langen Nacht der Wissenschaften“ konnten ihren Blutzuckerwert bestimmen lassen. Foto: Thomas Oberländer
Im Max-Delbrück-Zentrum sammeln sich derweil mehrere Gruppen, um eine Führung in einer der vielen Forschungsstätten mitzumachen. An die Karten für die Führungen in den verschiedenen Instituten, kam man nur, wenn man früh genug vor Ort war. „Was soll’s“, sagt eine junge Frau, „bei der Langen Nacht der Museen habe ich auch schon einmal zwei Stunden gestanden, um in die jüdische Synagoge zu kommen.“ Die Mühe lohnt sich. Die Forscher schaffen es, schwierige und komplexe Sachverhalte anschaulich aufzubereiten. Schließlich sollen die Besucher nicht nur staunen, sondern auch aktiv teilnehmen. Eine Besucherin: „Es ist toll, was man heute alles machen kann.“ Sagt es und verschwindet im „Gläsernen Labor“, um sich von ihrer Mundschleimhaut das DNA-Profil zu erstellen.
In der Halle des Max-Delbrück-Zentrums präsentieren sich nicht nur die einzelnen Kliniken. Hier finden auch Selbsthilfegruppen Platz, um ihre Arbeit darzustellen. „Das ist aber kalt“, protestiert ein Kind, das gerade Ultraschall-Gel auf den Bauch verteilt bekommt. Trotzdem bleibt es ruhig liegen und lässt sich sonographieren. Denn bei „Was ist los in meinem Bauch“, werden die kleinen Besucher über alles kindgerecht unterhalten und informiert.
Auf neonatologischen Stationen konnte man sich informieren, wie Frühgeborene versorgt werden. Foto: Daniel Rühmkorf
Auf neonatologischen Stationen konnte man sich informieren, wie Frühgeborene versorgt werden. Foto: Daniel Rühmkorf
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„Ich war in der Gesundheitsecke“, sagt eine übergewichtige Rentnerin. „Ich versuche immer, gesund zu leben. Jetzt weiß ich, dass mein Cholesterin zu hoch ist. Ab morgen gibt’s bei uns keine Butter mehr.“ Der Oberarzt Dr. Hans- J. Kleiner, Kardiologe an der Franz-Volhard-Klinik, hat seine Abteilung seit Monaten auf diese Nacht vorbereitet. „Wir möchten den Menschen die Angst nehmen vor der Kardiologie. Hier können die Besucher sehen, was geschieht, wenn sie bei uns auf Station liegen. Aber wir haben auch eine ,Gesundheitsecke‘. Hier sind ohne drohenden Zeigefinger die frischen und gesunden Lebensmittel aufgebaut. Denn unser wichtigstes Anliegen ist und bleibt die Prävention. Die ärztliche Kompetenz fängt schließlich nicht erst dann an, wenn man einen Fehler behebt, sondern wenn sich der Patient noch gesund fühlt. Wir machen den Menschen klar, dass sie mit Bewegung und einer veränderten Esskultur einer kardiologischen Behandlung vorbeugen können.“
Eine Rentnerin schwärmt: „Diese Veranstaltung wird immer besser. Ich bin jetzt schon zum dritten Mal in Berlin-Buch dabei. Hier wird so viel auf unterschiedlichem Niveau geboten. Durch diese Lange Nacht bekomme ich neue Anregungen und kann Zeitungsartikel besser verstehen.“
Sparpolitik gefährdet die Wissenschaften
Um den „OP 2000“ zu sehen, müssen die Besucher erst einmal durch die gekachelten Kellergewölbe der Robert-Rössle-Klinik laufen. Hier riecht es noch nach alten Desinfektionsmitteln. Der Aufzug bringt sie von der Klinikantike in die Moderne. Ein Stockwerk höher ist alles renoviert und neu. Zwei Informatiker zeigen, wie sich zukünftig bei der Tumorresektion Gewebe schonen ließe, wenn es erst einmal gelänge, alle Untersuchungsbefunde in ein 3-D-Modell zu projizieren. Im OP 2000 können die Zuschauer selbst das infrarotgesteuerte Skalpell beim virtuellen Patienten einsetzen. Nach einem ersten Staunen wollen die Zuschauer meistens wissen: „Und wie viel kostet so eine
Behandlung?“
Die Lange Nacht informiert aber auch über die politische Dimension der Forschung. „Die Sparattacken des Berliner Senats gefährden unseren Wissenschaftsstandort und die Zukunft unserer Stadt“, beklagte der Präsident der Technischen Universität Berlin und Vorsitzender des Kuratoriums der Langen Nacht der Wissenschaften, Prof. Dr. med. Kurt Kutzler. Er forderte den Senat in einer Stellungnahme auf, den Stellenwert der Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu erkennen und die 85 000 Studienplätze zu erhalten. Innerhalb der letzten 10 Jahre habe Berlin 30 000 Studienplätze und 43 Prozent seiner Wissenschaftlerstellen eingebüßt. Dr. med. Daniel Rühmkorf

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