ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2003Interview: „Gebremst in der Erforschung von Traumatisierungen“

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Interview: „Gebremst in der Erforschung von Traumatisierungen“

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): A-1856 / B-1545 / C-1453

Bühring, Petra

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Prof. Dr. med. Peter Riedesser ist Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, in der auch die „Flüchtlingsambulanz“ untergebracht ist. Foto: Petra Bühring
Prof. Dr. med. Peter Riedesser ist Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, in der auch die „Flüchtlingsambulanz“ untergebracht ist. Foto: Petra Bühring
Der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Peter Riedesser über die Folgen von Krieg für Kinder, und warum relativ spät Behandlungskonzepte entwickelt wurden.

DÄ: Die Psychoanalytikerin Anna Freud fand bereits 1944 heraus, dass an der Seite der Eltern erlebte Bombardierungen für Kleinkinder weniger traumatisierend sind als die Trennung von den Eltern, zum Beispiel durch eine Evakuierung. Warum dauerte es trotzdem bis in die späten 80er-Jahre, bis ein schlüssiges Konzept zu den Auswirkungen extremer Traumatisierungen bei Kindern entwickelt wurde?
Prof. Dr. Peter Riedesser: Manche Meinungen halten sich hartnäckig. Zum Beispiel, dass ein Kind, wenn es mit zwei oder drei Jahren etwas Schlimmes erlebt, dies entweder gar nicht mitbekommt oder folgenlos wieder vergisst – eine Meinung, die viele heute noch haben.
Es dauerte bis weit in die 50er-Jahre, bis das Phänomen der Kindesmisshandlung als Massenphänomen auch in Deutschland bekannt geworden ist. Das Thema sexueller Missbrauch bei Kindern hat auch erst in den 70er- bis 80er-Jahren bei uns Auftrieb bekommen. Es waren häufig die Frauengruppen, die darauf hingewiesen haben. Solche bewusstseinsverändernden Aufklärungsprozesse brauchen oft Jahrzehnte, weil sie eingefahrene Denksysteme infrage stellen. Zum Beispiel wurde über Jahrhunderte bis heute das Vorurteil tradiert, dass man ein Kind nachts schreien lassen soll, denn Schreien kräftige die Lungen. Dass besonders Kinder durch Kriege massiv traumatisiert werden, ist auch erst seit den 90er-Jahren durch Hilfe von Unicef und Wissenschaftlern, die mit ihnen kooperiert haben, in das Bewusstsein gedrungen.
DÄ: Warum sind für Kinder von Menschen verursachte Traumatisierungen, wie eben Kriege, viel schlimmer als Traumatisierungen durch Naturkatastrophen?
Riedesser: Naturkatastrophen kommen von außen, es ist kein Mensch daran schuld – im Gegenteil: Menschen, Nachbarn, Verwandte helfen zusammen, um dem Kind bei der Bewältigung des Ereignisses zu helfen. Bei den so genannten man-made disasters ist es so, dass diese von Menschen absichtlich hervorgerufen werden. Dadurch beschädigen sie das Vertrauen des Kindes in die Welt der Erwachsenen. Wenn sogar Familienangehörige zum Angreifer und damit zur Ursache des Traumas werden, hat dies eine ganz tief gehende Erschütterung des Kindes zur Folge: Sie verlieren das Vertrauen. Wenn die primäre Bindungsperson, bei der das Kind in Stunden der Not Hilfe sucht, selbst zum Angreifer wird, dann hat das Kind niemanden mehr, zu dem es fliehen kann.
DÄ: Ein Abstecher in die Geschichte: Traumatisierungen, die die Deutschen selbst im Zweiten Weltkrieg erlebt haben, wurden lange Zeit totgeschwiegen. Selbst Psychiater haben in eigenen Lehranalysen nicht darüber gesprochen. Steht das in einem Zusammenhang mit dem späten Bearbeiten der Probleme kriegstraumatisierter Kinder?
Riedesser: Das Schuld- und Schamgefühl – auch das der zweiten Generation, wie bei mir – über die Massenverbrechen der Nazis an der jüdischen Bevölkerung war so groß, dass wir uns zuerst darum bemüht haben, die Traumatisierung der jüdischen Opfer zu verstehen. Auch ich war gebremst in der Erforschung der Problematik traumatisierter deutscher Kinder, weil ich unbewusst befürchtete, dass damit eine Äquivalenz zu den Opfern hergestellt würde: Deutsche und jüdische Kinder haben gelitten wegen des Krieges, deswegen: „lasst uns jetzt zur Tagesordnung übergehen“. Es kommt hinzu, dass der größte Teil oder fast alle kompetenten Kinderpsychologen und -analytiker zur Emigration gezwungen waren, dass also in Deutschland ein gewaltiger Aderlass von Wissen um die Innenwelt von Kindern stattgefunden hat. Dieser ist bis heute noch nicht voll aufgearbeitet und kompensiert. Wir haben Jahrzehnte gebraucht, mithilfe von emigrierten jüdischen Kollegen dieses Wissen wieder nach Deutschland zurückzuholen. Es waren Emigrantinnen wie Judith Kestenberg, die uns die Augen geöffnet haben über die Verletzlichkeit der kindlichen Psyche*. Es gab generell eine Tendenz, nach dem fürchterlichen Grauen der Vergangenheit wieder nach vorne zu schauen und das andere zu vergessen. Nun ist Vergessen auch gut, auch das Vergessen von traumatischen Ereignissen ist wichtig. Wenn allerdings die Traumatisierung noch dynamisch wirksam ist in den Symptomen der Unruhe, Schlafstörungen, der tiefen Depressivität oder psychosomatischen Symptomen, dann ist die Traumatisierung nicht wirklich vergessen, sondern muss psychotherapeutisch bearbeitet werden.
DÄ: Erstaunlich ist, dass Psychoanalytiker selbst in eigenen Analysen das Thema nicht bearbeitet haben.
Riedesser: Ja, es gab einen großen Bereich, der ausgespart wurde, auch in sehr intensiven und langen Analysen in Deutschland, aber auch in den USA. Judith Kestenberg berichtete, dass in langen Lehranalysen von jüdischen Analytikern mit jüdischen Analysanden dieses Thema nie aufgetaucht ist. Das zeigt, dass tiefe, averbal ablaufende Vorgänge der Schonung, der Verleugnung, des Vergessenwollens stattgefunden haben, dass man sich lieber auf ein anderes, weniger schlimmes Thema geeinigt hat. In Israel war es so, dass die Überlebenden nicht noch als psychisch gestört gelten wollten. In dem Sinne: Das haben wir jetzt überstanden, wir sind Überlebende und keine Leidenden, haltet uns bitte für gesund. Das ließ sich allerdings nicht durchhalten, vor allem nicht bei der zweiten Generation, da brach die die Problematik dann verstärkt auf.
DÄ: Nun führt nicht jedes belastende Ereignis zwangsläufig zu einer Traumatisierung. Warum entwickeln manche Menschen eine und andere nicht?
Riedesser: Ein Schutzfaktor sind vorhergegangene gute Lebens- und Beziehungserfahrungen. Wer zehn Jahre oder 15 Jahre in einer guten Umgebung gelebt hat, dann schwer durch ein Verbrechen traumatisiert wurde, kann trotzdem wieder an die Zukunft glauben. Ein weiterer protektiver Faktor ist, wenn ein Kind trotz schrecklicher Erlebnisse mit einer konstanten guten Bezugsperson zusammenbleiben kann, beispielsweise, wenn es mit seiner Mutter ins Konzentrationslager eingeliefert und befreit wurde. Dann gibt es neurobiologische Phänomene, die kann man noch nicht richtig formulieren. Aber es gibt Temperamenteigenschaften, die Fähigkeit zu leichterer Selbstregulation, die auch biologische Anteile hat. Vielleicht auch die Fähigkeit, gute Erinnerungen festzuhalten, und die Fähigkeit, schlechte abzuspalten. Die Fähigkeit, in schlimmen Situationen zu dissoziieren ist auch ein protektiver Faktor, so wie viele Ärzte bei körperlich Schwerstverletzten ihre Empathie zurückziehen können und in eine Art intellektualisierten dissoziativen Zustand kommen müssen, um handlungsfähig zu sein.
DÄ: Sie behandeln in der „Flüchtlingsambulanz“ an Ihrer Klinik Kinder mit kriegsbedingten Traumatisierungen. Welche Voraussetzungen benötigt ein Therapeut, um Kinder zu behandeln, die aus teilweise sehr fremden Kulturkreisen kommen?
Riedesser: Wir haben seit zehn Jahren in Hamburg eine Spezialambulanz für Flüchtlingskinder und ihre Familien, die seit einigen Jahren finanziell unterstützt wird von Steffi Graf, die auch unsere Projekte im Kosovo und im südlichen Afrika fördert. Die Daten von mehr als 300 Kindern und Jugendlichen und ihren Familien aus Ex-Jugoslawien, Afghanistan, Tschetschenien und Westafrika haben wir bisher statistisch erfasst und ausgewertet. Es ist eine große Herausforderung, das interkulturelle Krankheits- und Entstehungskonzept einer Familie zu verstehen. Dabei sind wir als Diagnostiker, die oft Dolmetscher brauchen, in einer schwierigen Situation. Doch wenn man das Problem offen thematisiert und sagt, dass man verstehen möchte, was die Bedeutung des gezeigten Verhaltens in dieser Kultur ist, dann wird die Behinderung geringer. Es wäre ideal, muttersprachliche Therapeuten zu haben.
DÄ: Stehen Ihnen Muttersprachler zur Verfügung?
Riedesser: Ganz selten haben wir bei türkischen oder bei iranischen Patienten Muttersprachler. Bei der großen Zahl von Sprachen, die wir in unserer Ambulanz haben, ist das jedoch nicht machbar. Wir haben einen Dolmetscherdienst zur Verfügung, der mehr als 50 Sprachen abdeckt. Manchmal sprechen Patienten allerdings eher über intrafamiliäre Zusammenhänge gegenüber jemandem, der völlig fremd ist und nicht zu der eigenen Population gehört, bei dem sie befürchten müssten, dass ihr Fall bekannt werden könnte.
DÄ: Nur wenige vom Krieg im Irak oder in Afghanistan traumatisierte Kinder kommen nach Deutschland. Wie könnte man den Kindern vor Ort effektiv helfen?
Riedesser: Als Ärzte sind wir besonders dazu aufgerufen, an internationalen Friedensordnungen mitzuwirken, zum Beispiel über die IPPNW (Ärzte für Frieden und soziale Verantwortung). Es gibt einzelne Initiativen muttersprachlicher Kollegen, Hilfe in den betroffenen Ländern zu organisieren. Doch das reicht nicht aus. Es ist zu hoffen, dass die kulturellen Rituale im Irak oder in Afghanistan helfen, die Menschen wieder zu stabilisieren. Die Kinder bräuchten die Möglichkeit, darüber viel zu erzählen. Die Lehrer sollten breitflächig sensibilisiert werden für geschehene, psychische Traumatisierungen von Kindern. Dies könnte der großen Zahl traumatisierter Kinder helfen. Vielleicht würden einige Hundert oder Tausende übrig bleiben, die wir in den nächsten Jahren besonders psychologisch und pädagogisch betreuen müssten und deren Familien begleitet werden sollten.
DÄ: Ist das realistisch?
Riedesser: Im Grunde ist das eine Utopie, denn wir brauchen viel mehr internationale Kooperationsbereitschaft der Ärzte der mitteleuropäischen Länder und der USA. Uns obliegt die Verantwortung, den Dauerskandal der dramatischen, medizinischen und psychotherapeutischen Unterversorgung in Osteuropa und in der Dritten Welt zu lösen. Wenn eine ausreichende Zahl von deutschen Ärzten und Psychologen mitmachen würde, könnten wir in vielen Ländern langfristig für die Kinder Gutes tun. Damit könnten wir schon morgen anfangen, unabhängig davon, ob in einem Land Krieg ist oder nicht. Der tägliche Krieg, dass die Kinder nicht ausreichend geimpft sind, dass sie unterernährt sind, dass sie keine psychosozialen Zukunftschancen haben, bleibt. Unsere Kinder werden uns später fragen, warum wir nichts gegen die Probleme in der Dritten Welt unternommen haben.
DÄ-Fragen: Petra Bühring

* Kestenberg, Judith (Hrg.): Als Eure Großeltern jung waren. Mit Kindern über den Holocaust sprechen. Hamburg: Krämer 1998.
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