ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2003Weltärztebund: Zwischen Sacharbeit und Selbstkritik

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Weltärztebund: Zwischen Sacharbeit und Selbstkritik

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): A-1858 / B-1547 / C-1455

Doppelfeld, Elmar

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Der Vorstand hat eine Resolution verabschiedet, die im Konfliktfall zwischen ethischer Überzeugung und Gesetz für den Arzt den Vorrang ethischer Normen postuliert. Daneben beschäftigte man sich allerdings auch kritisch mit Verbandsinterna.

Die 164. Sitzung des Vorstands (Council) des Weltärztebundes (World Medical Association, WMA) in Divonne-les-Bains vom 15. bis 18. Mai verlief über weite Strecken außerhalb gewohnter Bahnen und frei von der üblichen Selbstzufriedenheit. Dieser Verlauf deutete sich schon bei der Wahl des Vorsitzenden an. Entgegen der üblichen Perpetuierung von Amtsperioden wurde der bisherige Vorsitzende, Dr. R. Smoak, nach nur einer Amtsperiode von seiner entsendenden Organisation, der American Medical Association (AMA), nicht zur Wiederwahl vorgeschlagen. In einer Stichwahl setzte sich Dr. Y. Blachar (Israel) gegen Dr. M. Aärima (Finnland) als neuer Präsident des Councils durch. Die Wiederwahl des Vizepräsidenten Dr. T. J. Moon (Südkorea) erfolgte, wie gewohnt, problemlos. Auch der künftige Vorsitzende des Ausschusses „Medizinische Ethik“ musste durch eine Stichwahl bestimmt werden: Dr. J. G. Snaedal (Island) gaben die Wähler den Vorzug gegenüber Dr. T. K. S. Letlape (Südafrika). Die Vorsitzenden des Ausschusses „Planung und Finanzen“, Dr. Y. D. Coble (AMA) und des Ausschusses „Sozialmedizinische Angelegenheiten“, Dr. H. Hoshi (Japan) wurden durch Akklamation gewählt, die Wiederwahl des Schatzmeisters, Prof. Dr. Dr. h.c. K. Vilmar, begleitete eindrucksvoller Beifall.
Zur Kommentierung der im Verlauf der Sitzung auch von namhaften Delegierten kritisierten Deklaration von Helsinki 2000 waren, eher ungewöhnlich, drei externe Sachverständige eingeladen worden: Dr. Bernard Schwetz, US Department of Health and Human Services, Prof. Dr. Juhana Idanpään-Heikkillä, Generalsekretär des Council for International Organizations of Medical Sciences (CIOMS), und Prof. Dr. Alex Capron, Leiter der Arbeitsgruppe „Ethik“ bei der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO). Die Experten befassten sich nahezu ausschließlich mit Artikel 30 der Deklaration und führten aus, dass Ergebnisse einer einzigen Studie in aller Regel der Bestätigung durch weitere Forschung bedürfen, dass Indikationen und Kontraindikationen, Wirkungen und Nebenwirkungen, auch bei Langzeitgebrauch, nicht so klar durch eine einzige Studie festgestellt werden können, dass die in Artikel 30 enthaltene Forderung wissenschaftlich begründet wäre. Hinzu kommt, dass die Zulassung einer Substanz zur medizinischen Versorgung immer von der Entscheidung einer nationalen Behörde abhängt, eine vorzeitige Anwendung erhebliche haftungsrechtliche Probleme birgt. Zum Artikel 19 wurde angemerkt, dass Forschung ohne unmittelbar erkennbaren Nutzen für eine Population wertvollen Wissenszuwachs liefern könne. Einige Experten rieten dazu, die Frage des Nutzens für die Population beziehungsweise der Weiterbehandlung nach Studienabschluss in dem jeweiligen Forschungsprotokoll zu klären und die Studienteilnehmer auf dieser Grundlage aufzuklären. Dann bedürfe es weder einer zum jetzigen Zeitpunkt untunlichen Änderung des Textes oder einer „Note for Clarification“, die eben keine Klarstellung, sondern eine materielle Änderung des Textes sein müsse – als eine solche materielle Änderung der Deklaration klassifizierte ein Experte auch die zu Artikel 29 (Einsatz von Placebos) verabschiedete „Klarstellung“. Die Arbeitsgruppe „Helsinki“ soll nun prüfen, ob der angesprochene Sachverhalt durch eine klarstellende Fußnote oder durch Textänderung bereinigt werden kann.
Nach eingehender Diskussion wurde eine Resolution verabschiedet, die für den Konfliktfall zwischen ethischer Überzeugung und Gesetz – ein uraltes, schon in der griechischen Antike formuliertes Thema der Menschheit! – auch für den Arzt den Vorrang ethischer Normen postuliert. Die Frage nach verbindlichen ethischen Normen – sie könnten übrigens auch die Forderung einer Öffnung als zu restriktiv empfundener Gesetze begründen – blieb offen. Eine Bemerkung, Ethik in der Medizin könne nicht von den Ärzten alleine und wohl auch nicht mit Geltung für die gesamte Welt beschrieben, müsse vielmehr von der Gesellschaft formuliert werden, fand teils Zustimmung, überwiegend allerdings nachdrückliche Ablehnung. Weitere Themen des „Ethik-Ausschusses“ waren Patiententestament, Beziehungen zwischen Ärzten und Wirtschaftsunternehmen, biologische Waffen, Probleme der Beachtung der Menschenrechte und Schärfung des Blicks der Ärzte für Hinweise auf Folterungen sowie bessere Betreuung von Menschen, die gefoltert wurden. Weltweit soll ein Tag der Ethik in der Medizin begangen werden. Die WMA hat, für zunächst drei Jahre, eine Arbeitsgruppe „Ethik in der Medizin“ unter Leitung von Prof. Dr. J. Williams (Kanada) gebildet.
Ebenso wie im Ausschuss „Ethik“ wurden auch vom Komitee „Sozialmedizinische Angelegenheiten“ Beschlussvorlagen zur weiteren Erörterung an Arbeitsgruppen oder an die nationalen Ärzteorganisationen weitergeleitet. Einige Projekte wurden aufgegeben, da es in mehrjähriger Beratung nicht gelang, einen Konsens zu finden. Hierzu gehören „Ärzteautonomie“ und „Sicherung der Gesundheitssysteme“. Gegen den Verzicht auf dieses Projekt wandten sich Vertreter aus so genannten Entwicklungsländern, hätten sie doch in einer solchen Erklärung eine Unterstützung für ein verbessertes System der ärztlichen Versorgung in ihren Ländern begrüßt. Einige Delegierte sahen in einem solchen Engagement den vorrangigen oder auch ausschließlichen Sinn eines Weltärztebundes!
Im Zusammenhang mit der Sitzung des Ausschusses „Planung und Finanzen“ wurde in einer für das Gremium ungewöhnlich offenen und selbstkritischen Weise die Planung künftiger Strategien erörtert. Mehrere Delegierte forderten die rückhaltlose Offenlegung aller Finanzquellen einschließlich finanzieller Spenden und der Bekanntgabe der Bedingungen, unter denen Zuwendungen erfolgen. Der Generalsekretär, Dr. D. Human, verwies in diesem Zusammenhang auf die in der Geschäftsordnung der WMA niedergelegten Bedingungen für die Entgegennahme von Drittmitteln. Er betonte, dass Spendengelder niemals für die Arbeitssitzungen von Gremien der WMA verwendet würden. Allerdings sei mit ihrer Hilfe das Rahmenprogramm – Galadinners, Ausflüge – bei der Generalversammlung der WMA in Washington 2002 finanziert worden. Der Präsident des Councils habe ausdrücklich auf diese Art der Finanzierung hingewiesen, die spendenden Pharmaunternehmen hätten entsprechende Hinweisschilder bei den von ihnen finanzierten Veranstaltungen angebracht.
Zahlreiche Delegierte wünschten eine Präzisierung der Aufgaben und Ziele der WMA. Soll sie sich auf Ethik in der Medizin und Menschenrechte beschränken, soll sie ihr Interessenfeld erweitern auf Gesundheitsversorgung, Umwelt sowie Sicherheit, Qualität und Ethik der täglichen ärztlichen Arbeit, soll sie die Frage der Verteilungsgerechtigkeit zu ihrem Anliegen machen? Kritisiert wurde als Monokultur, dass die WMA im Wesentlichen nur wegen der Deklaration von Helsinki bekannt sei, die in ihrer letzten Fassung unverändert eine ungewöhnlich scharfe interna-
tionale Kritik hervorrufe. Andere Gruppen, wie CIOMS oder die WHO, seien der WMA auch auf diesem Gebiet, was die Praktikabilität angehe, deutlich überlegen. Mit diesen und ähnlichen Gruppen müsse man zusammenarbeiten, um Sachverstand auf möglichst breiter Basis heranzuziehen, guter Wille alleine reiche offenbar nicht aus. Der Generalsekretär soll in Zukunft in stärkerem Maße als bisher die Umsetzung aller Deklarationen der WMA bei den Mitgliedsorganisationen analysieren, damit man verlässliche Angaben über die Effektivität des Verbands gewinnt.
In einigen Regionen der Welt bilden sich überregionale Ärzteorganisationen, so in der Karibik und Mittel- und Südamerika. Die Repräsentanten dieser Vereinigungen regten an, auf der Grundlage dieser Formationen die immer wieder von der WMA diskutierte Einrichtung kontinentaler Regionalsekretariate vorzunehmen.
Besondere Beachtung fand der Vorschlag von Dr. R. F. Corlin (AMA), durch eine Analyse die Gründe für die unzureichende Repräsentanz ärztlicher Organisiationen in der WMA abzuklären. Zu prüfen sei, wie viele der in den zurzeit bestehenden 195 Staaten gebildeten Ärzteverbände die Bedingungen für eine Mitgliedschaft erfüllen, zu erforschen seien die Gründe für ein Abseitsstehen. Es sei für die Zukunft der WMA wichtig zu wissen, warum nur 81 nationale Organisationen Mitglieder seien, von denen nur 70 die statutengemäßen Beiträge zahlen und daher stimmberechtigt sind. Beunruhigend sei auch, dass die Sacharbeit im Wesentlichen nur von etwa 20 Mitgliedsverbänden getragen werde. Bei gegenwärtigen und künftigen Mitgliedern sei der Organisationsgrad der Ärzteschaft in dem jeweiligen Land zu prüfen: Besteht eine freiwillige oder gesetzlich vorgeschriebene Mitgliedschaft mit lückenloser Erfassung? Auf dieser Grundlage sollten dann die Angaben der nationalen Ärzteorganisationen über die der WMA gemeldeten Mitglieder – zwischen drei Prozent und 40 Prozent der Berufsangehörigen eines Landes! – bewertet werden. Der Anspruch der WMA, die Ärzte der Mitgliedsorganisationen oder gar der ganzen Welt zu repräsentieren, müsse nachvollziehbar begründet sein. Detaillierte Kenntnisse über die Mitgliedschaftsverhältnisse dürften auch die Beitragszahlungen erhöhen, sodass die WMA der Gefahr einer zunehmenden Abhängigkeit von Sponsoren, insbesondere der pharmazeutischen Industrie, begegnen könne. Die WMA müsse attraktiv werden, Beitrittswillige und derzeitige Mitglieder müssten klare Entscheidungsgrundlagen für eine mit doch erheblichen Beitragszahlungen verbundene Mitgliedschaft in der WMA haben. „Man muss wissen, was man für sein Geld bekommt“, sagte Dr. Corlin – ein gewiss ungewöhnliches Statement bei einer WMA-Sitzung! Prof. Dr. med. Elmar Doppelfeld
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