ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2003Migranten: Ausgezeichneter Beitrag

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Migranten: Ausgezeichneter Beitrag

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): A-1863 / B-1551 / C-1459

Katzenmeier, F.

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LNSLNS Dem ausgezeichneten Beitrag der Kollegin ist in allen Punkten zuzustimmen, besonders wichtig für das Verständnis der oft sehr bunten und vordergründig dramatischen Symptomatik sind ihre Ausführungen zum kulturellen Blickwinkel auf Krankheitsvorstellungen und die Bedeutung sprachlicher Verständigung. Nach eigener Erfahrung in der Praxis und zuletzt als Gutachter bei der Rentenversicherung möchte ich noch ergänzen, dass die geschilderte Problematik nicht nur auf türkische Migranten, sondern auch auf viele andere Anwohner des Mittelmeerbereichs zutrifft, seien sie nun Migranten, Asylanten oder Flüchtlinge.
Über die Problemlage für die Behandlung in Praxis und Krankenhaus hinaus gibt es eine weitere, nämlich den Bereich der sozialrechtlichen Begutachtung.
Die statistischen Angaben z. B. hinsichtlich höherem Krankenstand türkischer Arbeitnehmerinnen oder die höhere Herzinfarktrate bei Männern sollen in ihrer Wertigkeit keinesfalls bestritten werden. Andererseits sieht man aber als Gutachter sehr häufig eine „Medikalisierung von Sozialkonflikten“, wobei kulturspezifische Probleme innerhalb der Familienstruktur über die medizinischen Versorgungssysteme „abgewickelt“ werden, wobei eigentlich hier eine soziale Beratung im weitesten Sinne am Platz wäre. Es ist dann schwer bis unmöglich zu vermitteln, dass die zunehmend chronifizierenden funktionellen Störungen in der Beurteilung des Leistungsvermögens nicht denselben Stellenwert haben wie im subjektiven Erleben des Betroffenen und seiner Umgebung. Die oftmals extrem häufigen (und ebenso frustranen wie teuren) Untersuchungen einschließlich invasiver Diagnostik tragen, trotz bester Absicht, zu einer iatrogenen Fixierung bei. Damit soll keinesfalls behauptet werden, dass dies nur für türkische Patientinnen und Patienten gilt. Es scheint mir bedenklich, dass in zunehmendem Umfang für soziokulturelle Besonderheiten dieser Bevölkerungsgruppe psychiatrische Diagnosen bemüht werden. Ein solches Vorgehen führt dann zu der eingangs genannten Medikalisierung von Problemlagen, die eigentlich außerhalb medizinischer Kompetenz und Zuständigkeit liegen.
Dr. med. F. Katzenmeier, Gärtnerstraße 12 a, 86153 Augsburg
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