ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2003Famulatur in Boston: Ausbildungskultur

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Famulatur in Boston: Ausbildungskultur

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): A-1896 / B-1572 / C-1480

Hartmann, Stephan

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Foto: Joker
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Boston ist eine merkwürdige Mischung aus Wolkenkratzern und schön restaurierten Gebäuden aus dem 16. Jahrhundert. Man sagt, es sei eine europäische Stadt: Sie hat eine grüne Lunge aus Parks, ist umgeben von Seen, und die Straßen sind nicht wie Planquadrate angeordnet. Boston strahlt eine Gemütlichkeit aus, man fühlt sich schnell heimisch. Die Menschen sind freundlich, auf den Straßen geht’s nur selten hektisch zu.
Am Montag beginnt meine Famulatur im Cambridge Hospital, einem Krankenhaus der Grundversorgung. Es ist ein Lehrkrankenhaus der Harvard University und bietet einen hohen Standard der Lehre und Ausbildung. Die medizinische Ausstattung ist exzellent.
In der Frühbesprechung der residents um sieben Uhr werde ich den anderen Ärzten vorgestellt und „meinem“ resident Jeffrey zugewiesen. Als subintern auf der Inneren Station „fourth west“ bin ich jetzt Teil eines Teams, bestehend aus Jeffrey, zwei interns und zwei Pharmazeutinnen. Jeder intern ist für acht Patienten zuständig. Der Tag beginnt um sieben Uhr mit dem Durchsehen der Patientenbefunde. Um acht Uhr ist die Übergabe, bei der die Nachtwache die eingelieferten Patienten im morning report vorstellt. Danach beginnt der eigentliche report, in dem die interns dem resident und einer nurse über die Fortschritte ihrer Patienten berichten. Das dauert in der Regel bis halb elf. Zwischendurch werden einzelne Patienten in einer lockeren Visite besucht. Um elf Uhr startet das teaching des besuchenden Arztes, in dem die Patienten und Krankheitsbilder besprochen werden. (Jeder von uns war hierfür stets gut vorbereitet, denn man konnte abgefragt werden.) Um halb eins wird in der Mittagskonferenz ein Vortrag zu einem medizinischen Thema gehalten. Am Nachmittag werden Therapiepläne besprochen, andere Ärzte konsultiert und Neuaufnahmen im emergency room getätigt.
Der Tagesablauf und vor allem das Arbeitsklima lassen mich am deutschen Ausbildungssystem zweifeln. Es scheint so, als wenn hier alles aus einem ständigen gegenseitigen Sich-Versichern und Wissensaustausch bestehe. Ein Beispiel: Zwei ältere Herren in Jacket und Krawatte stehen, wie zufällig, mit fünf residents zusammen und stellen einige Fälle aus ihrem Berufsleben vor. Die jüngeren Ärzte hören zu und stellen zwischendurch Nachfragen. Ein gemütlicher Plausch. Kein Zeitdruck. Kein Leistungsdruck. Ich gewinne den Eindruck, dass die Amerikaner die Aufgaben auf mehr Leute verteilt haben, sodass allen Beteiligten mehr Zeit zum Kommunizieren bleibt.
Außerdem gibt es viel mehr Spezifikationen in den einzelnen Bereichen. Für EKGs oder Blutabnahmen ist beispielsweise kein Arzt, sondern eine nurse zuständig. Beeindruckend, wie gut die Aufgaben auch sonst verteilt sind. Allerdings ist der Verwaltungsaufwand für den Arzt mindestens genauso hoch wie in Deutschland.
Als ich davon Wind bekomme, dass die Ärzte in den USA deutlich mehr verdienen als ihre deutschen Kollegen, betrachte ich sie nicht mehr als vom puren Idealismus getragene Weltverbesserer oder Menschenhelfer. Arztsein ist in den USA ein erstklassiger Job, bei dem neben der Bestätigung, Menschen helfen zu können, ein erstklassiges Gehalt herausspringt. Überstunden und Nachtdienste sind dann sicher besser zu ertragen.
Die Ärzte, mit denen ich zu tun habe, sind workaholics. Sie gönnen sich kaum eine Pause. Während sie essen, schreiben sie gleichzeitig oder nehmen an Konferenzen teil. Ich würde nicht in dieser Hektik leben wollen. Auch Laura Duncan, die intern, mit der ich am meisten zu tun habe, ist sehr fleißig. Gleichzeitig schafft sie es, immer höflich zu bleiben – und nicht nur das, sie ist sogar zuvorkommend! Ich frage mich, wie sie das macht, und woher sie die Kraft nimmt.
Die Famulatur am Cambridge Hospital war eine tolle Erfahrung. Traurig macht mich im Nachhinein nur eins: Ich weiß jetzt, dass die Ausbildung in Deutschland im Vergleich zu Amerika schlecht ist. Warum? In Boston gibt es Ärzte, die ins Krankenhaus kommen, um zu lehren. Das ist meines Erachtens das Geheimnis. Wenn man das Gefühl hat, den Ausbildern ist daran gelegen, einem etwas beizubringen, schwindet auch die Angst, Fragen zu stellen.
Stephan Hartmann

Langfassung im Internet:
www.aerzteblatt.de/plus2703
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