ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2003Börsebius rund ums Geld: Stoppt Stopploss!

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius rund ums Geld: Stoppt Stopploss!

Dtsch Arztebl 2003; 100(27): [76]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Vorsicht, Sie sollten sich genau überlegen, ob Sie diese Zeilen wirklich weiterlesen wollen. Könnte sein, dass Sie liebgewordene Vorurteile über Bord werfen müssen, was uns Gewohnheitstieren ja bekanntlich recht schwer fällt. Dies gilt umso mehr, wenn sich das dermaßen Angewöhnte unter der Rubrik „schlau gehandelt“ im Hinterkopf irgendwo einsortiert hat. Es geht, ich weiß, Sie warten nunmehr doch voller Spannung darauf, was jetzt kommt, um so genannte Stopploss-Orders.
Für Stopploss steht die Idee, dass man jederzeit eine Aktie zu einem vorher festgelegten Kurs verkaufen kann. Beispiel: Ich kaufe heute die Telekom-Aktie für 13,50 Euro und setze sofort eine Stoppmarke etwa derart, „wenn der Wert unter 11 fällt, verkaufe, Du Bank, den Titel auf der Stelle“.
Eine gehörige Portion Größenwahn, verzeihen Sie bitte, ist dieser Strategie immanent. Erstens suggeriert das Setzen(können) dieser Marke eine gewisses Maß an Börsenverkehrssicherheit, weist einen gar als Experten aus, der weiß, wo es langgeht, und zweitens führt die Nennung einer Hausnummer (11 Euro) zum Irrglauben, der Anleger sei auch noch mit Zahlen und Fakten so sicher, dass er sogar einen bestimmten Kurs definieren kann, bei dem genau er die Reißleine zieht und wieder aussteigt.
In Wirklichkeit ist das Setzen einer Stopploss-Marke pure Lotterie. Kein Mensch weiß, ob ein Kurs, zu dem ich eine Aktie verkaufe, weil sie vielleicht 20 Prozent gefallen ist, genau die Wendemarke darstellt, von der aus es wieder nach oben geht. Ein anderer mag die Stopploss-Grenze bei einem Verlust von 30 Prozent setzen, jemand anders sieht die Hürde bei 15 Prozent, also sehr willkürlich; die Einstiegskurse sind sowieso allesamt unterschiedlich. Genau betrachtet wird es also zu jedem denkbaren Börsenkurs soundsoviele Stopploss-Orders geben wie auf der Gegenseite Kauforders. Das kann nicht effizient sein, den eigenen Kaufkurs als Maß der Dinge zu setzen, von der narzisstischen Befindlichkeit einmal abgesehen.
Wer etwas von Aktien versteht, darf gar keine Stopploss-Orders setzen, schon gar nicht, wenn er von dem Titel überzeugt ist. Wenn sich die Nachrichtenlage des Unternehmens negativ ändert, muss der Wert sowieso aus dem Depot raus, mit und ohne Stopploss und auch ohne Ansehen des bereits erzielten Verlustes.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Stopploss (wie auch das Cost-Averaging, über das ich nächste Woche schreiben werde) von den Banken auch deswegen auf den Markt gebracht wurde, um die Kunden zu mehr Börsengeschäften zu bewegen. Haben wir damit den berühmten Nagel auf den Kopf getroffen? Bekanntlich macht es ja die Masse, und viel Kleinvieh ergibt auch genügend Mist. Es gibt also durchaus Weisheiten, die auch nach einem Börsebius-Beitrag weiter Bestand haben, aber eben nicht alle. Honi soit qui mal y pense.
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