ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Ausbildung Psychologischer Psychotherapeuten: Lange Mängelliste

POLITIK

Ausbildung Psychologischer Psychotherapeuten: Lange Mängelliste

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 306

Rabbata, Samir

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Bei den eingeladenen Politikerinnen Birgitt Bender (Bündnis 90/ Die Grünen – links) und Annette Widmann-Mauz (CDU) schaffte die Tagung Problembewusstsein. Fotos: Deutscher Bundestag / gruener-service.de
Bei den eingeladenen Politikerinnen Birgitt Bender (Bündnis 90/ Die Grünen – links) und Annette Widmann-Mauz (CDU) schaffte die Tagung Problembewusstsein.
Fotos: Deutscher Bundestag / gruener-service.de
Zu lange Praktika, unzureichende Vergütung und eine unklare Rechtslage sind nur einige Kritikpunkte angehender Psychotherapeuten an ihrer Ausbildungssituation.

Für die Gesundheitsexperten der im Bundestag vertretenden Parteien ist der diesjährige Sommer besonders schweißtreibend. Noch vor den Parlamentsferien Anfang Juli soll die rot-grüne Gesundheitsreform den Bundestag passiert haben. Angesichts der erforderlichen Mammutsitzungen im Gesundheitsausschuss und den unweigerlich folgenden Beratungen zwischen Bundestag und Bundesrat müssen andere drängende Probleme zunächst zurückstehen. Dies verdeutlichten Vertreter von Regierung und Opposition in ungewohnter Einigkeit bei einem Expertenhearing der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) zum Stand der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung Mitte Mai in Berlin. Beim derzeitigen Ringen um die große Reform verhallen Forderungen nach Änderungen am Psychotherapeutengesetz (PsychThG) ungehört. Daran ließen Birgitt Bender (Bündnis 90/Die Grünen) und Annette Widmann-Mauz (CDU) keinen Zweifel. Besser sei es, das laufende Gesetzgebungsverfahren abzuwarten und sich erst dann an den Gesetzgeber zu wenden, rieten die Politikerinnen.
Finanzielle Ausbeutung im praktischen Jahr
Für Auszubildende und Ausbildungsinstitute nur ein schwacher Trost. Finanzielle Ausbeutung im praktischen Jahr, Rechtsprobleme um den Status der Ausbildungstherapeuten in den Institutsambulanzen oder die vom Gesetzgeber vorgegebene – und von vielen als unsinnig empfundene – Unterscheidung in Voll- und Teilzeitausbildung sind nur einige Punkte auf der langen Mängelliste der Therapeuten.
Kein Wunder, dass die Bewertung des PsychThG insbesondere durch angehende Psychotherapeuten vernichtend ausfällt. So wurde das Gesetz nach Meinung der beiden Diplom-Psychologen Alexandra Winzer (Hamburg) und Klaus Ditterich (Hannover) „in seiner Endphase mit der heißen Nadel gestrickt“. Um überhaupt einen Konsens zu erreichen, sei man frei nach dem Motto vorgegangen, „besser ein schlechtes Psychotherapeutengesetz als gar keines, und nachbessern lässt sich immer noch“.
Im Mittelpunkt ihrer Kritik steht dabei die im Gesetz vorgeschriebene praktische Tätigkeit im Rahmen der Ausbildung. Sie umfasst insgesamt 1 800 Stunden (1 200 Stunden stationär und 600 Stunden ambulant oder stationär), die an anerkannten psychiatrischen Einrichtungen geleistet werden müssen. „Zu viel“, meint Ditterich, wie sei es sonst möglich, dass viele Kolleginnen in ihrem Klinischen Jahr nach kurzer Einarbeitungszeit das volle Aufgabenspektrum einer Psychologenstelle in der psychiatrischen Regelversorgung übernehmen würden? Ditterich: „Der einzige Unterschied zu einer regulären Stelle besteht darin, dass sie keine Bezahlung bekommen und rechtlich unklar abgesichert sind.“
Die unklare Rechtslage spiegelt sich oftmals in für Praktikanten problematischen Vorschriften zur Behandlungsdokumentation wider. Nicht selten muss aus den Aufzeichnungen hervorgehen, dass Behandlungen ärztlich geleitet wurden, egal ob dies zutrifft oder nicht. Der Grund: Krankenkassen haben in der Vergangenheit immer wieder die Bezahlung von Leistungen verweigern können, weil sie belegen konnten, dass eine Behandlung, statt von einem Arzt, von einem Diplom-Psychologen geleitet wurde. Diese Praxis führe zu tief gehenden Verunsicherungen, bis hin zu dem Gefühl der Entwertung, warnte Dr. Hubert Hermes, Vorsitzender des Bundesverbandes der Krankenhauspsychotherapeuten.
Rückendeckung bekommen die angehenden Therapeuten auch von den Ausbildungsstätten selbst. So forderte DGVT-Ausbildungsleiter Dr. Steffen Fliegel auf dem Hearing seiner Fachgesellschaft, ein Ende „der Ausbeutung in den kooperativen Einrichtungen“. Der Gesetzgeber müsse dafür sorgen, dass die praktische Tätigkeit verpflichtend angemessen vergütet werde. Dies dürfe allerdings bei staatlichen Einrichtungen nicht zu einem Abbau von Ausbildungsplätzen führen. Notwendig sei außerdem mehr Flexibilität bei der Zulassung von Praktikaanbietern. Dies gelte insbesondere für die Zulassung über die Grenzen der einzelnen Bundesländer hinaus.
Probleme bereiten auch der Status und die Finanzierung der Ausbildungsteilnehmer in Ambulanzen und Lehrpraxen. Erst auf Betreiben der Institute sei durchgesetzt worden, dass Therapeuten als Auszubildende nicht sozial­ver­sicherungs­pflichtig würden, erläuterte Fliegel. Für eine leistungsgerechte Bezahlung fordern die Institute mit Nachdruck, die Finanzierung der qualifizierten Behandlung ohne Abschläge sicherzustellen – ein andauerndes Streitthema, wie der Berliner Fachanwalt für Sozialrecht, Dr. Martin Stellpflug, berichtete. Rechtsstreitigkeiten richteten sich vor allem gegen die Höhe der Punktwerte und so genannte sachlich-rechnerische Richtigstellungen, mit denen die Vergütung bestimmter Leistungen abgelehnt wird. Umstritten sei auch, ob die Vergütung um einen Abschlag für Forschung und Lehre gemindert werden dürfe. Von besonders aktueller Bedeutung sei, ob durch das Fallpauschalengesetz für Krankenhäuser nunmehr die Vergütung für die Ausbildungsstätten direkt mit den Krankenkassen zu vereinbaren sei, erläuterte Stellpflug.
Derlei ungelöste Probleme scheinen vielen Universitätsabsolventen die Lust an einer Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung verleidet zu haben. Schon jetzt verzeichnen etliche Institute einen deutlichen Nachfragerückgang. Um den Teilnehmerschwund zu stoppen, hofft DGVT-Ausbildungsleiter Fliegel auf eine „strukturelle und teilnehmerfreundliche Gesetzesrevision“. Es müsse verhindert werden, dass die Ausbildung vom organisatorischen und finanziellen Aufwand her künftige Psychotherapeuten abschreckt und diese sich anderen beruflichen Schwerpunkten zuwenden. Die Aussicht, erst nach zwei umfassenden Ausbildungen berufstätig werden zu dürfen und für die zweite Ausbildung noch 12 000 bis 20 000 Euro zahlen zu müssen, sei nicht sehr attraktiv. „Und nur die Kinder reicher Eltern sind für uns Verantwortliche in den Ausbildungszentren keine motivierende Vision“, betonte Fliegel.
Zumindest scheint die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie bei der Grünen-Politikerin Bender und ihrer CDU-Kollegen Widmann-Mauz Problembewusstsein geschaffen zu haben. Beide begrüßten es, dass die Sorgen der Auszubildenden und der Verantwortlichen in den Instituten deutlich angesprochen wurden. Nur so würden Zusammenhänge deutlich, die für Außenstehende nicht zu überblicken seien, sagte Bender. Ob dies bedeute, dass sich die Politik, nach Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens für die große Gesundheitsreform, erneut dem Psychotherapeutengesetz zuwenden wird, wollten Bender und Widmann-Mauz allerdings nicht versprechen. Samir Rabbata
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