ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Qualitätssicherung in der Psychotherapie: Alternative zum Gutachterfahren?

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Qualitätssicherung in der Psychotherapie: Alternative zum Gutachterfahren?

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 308

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Techniker Krankenkasse plant ein Modellprojekt, bei dem die Wirksamkeit der Psychotherapie mithilfe von Patientenbefragungen überprüft werden soll.

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat nach eigenen Angaben im Vergleich zu anderen Krankenkassen überdurchschnittlich viele Versicherte, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen. Das liege unter anderem an den überdurchschnittlichen Verdiensten der TK-Versicherten. Zwar sind psychische Erkrankungen weder schichts-, alters- noch geschlechtsabhängig (Wittchen et al. 2001), jedoch ist die höhere Inanspruchnahme von Psychotherapie wohl mit dem Wissensstand der Versicherten zu erklären. Die TK hat bereits vor dem Psychotherapeutengesetz mit dem Kostenerstattungsmodell versucht, die Ansprüche ihrer Klientel zu befriedigen, die damit auch damals schon direkt einen Psychologischen Psychotherapeuten aufsuchen konnten.
Diesmal engagiert sich die TK in der Qualitätssicherung der Psychotherapie, an der sie die Patienten teilhaben lassen will. Die Krankenkasse plant ein Modellvorhaben zum „Qualitätsmonitoring in der ambulanten Psychotherapie“, das voraussichtlich Ende dieses Jahres in den Bereichen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) Hessen und Südbaden getestet werden soll. Die Verhandlungen dazu sind noch nicht abgeschlossen, denn die Meinungen sind geteilt.
Das Modellvorhaben nach § 63 Abs. 1 SGB V soll auf freiwilliger Basis bei 600 ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten unterschiedlicher Therapierichtungen und rund 3 000 neuen erwachsenen Patienten getestet werden. Die Patienten sollen mithilfe psychometrischer Tests die Fortschritte ihrer Psychotherapie beurteilen, das heißt, möglichst internetgestützt, Fragen in Selbstbeurteilungsbögen beantworten. Ein softwaregesteuertes Qualitätsmonitoring-System ermittelt dann nach einer bestimmten Sitzungsanzahl, die je nach Psychotherapiemethode unterschiedlich ist, „empirisch gestützte Entscheidungsempfehlungen“, die Therapie zu beenden oder weiterzumachen. Die endgültige Entscheidung soll nach Angaben des Projektleiters, Andreas Nagel, jedoch beim Therapeuten liegen. „Die Patienten empfinden diese Mitarbeit als Stärkung ihrer eigenen Befähigung, als ,empowerment‘“, glaubt Nagel. Durch den Austausch zwischen Patienten, Psychotherapeuten und Gutachtern werde zudem mehr Transparenz geschaffen.
Die mangelnde Transparenz wird häufig als Kritikpunkt des traditionellen Gutachterverfahrens angeführt. Die Techniker Krankenkasse will deshalb das Modellprojekt als alternatives Gutachterfahren testen, umso auch die „externe Qualitätssicherung“ zu optimieren. Jeweils die Hälfte der beteiligten Psychotherapeuten und Patienten soll deshalb in der randomisierten Studie als Kontrollgruppe nach dem traditionellen Gutachterverfahren arbeiten.
Die Psychoanalytikerin Christa Leiendecker, kooptiertes Vorstandsmitglied der KV Hessen und Integrationsbeauftragte, begrüßt grundsätzlich das Interesse der Krankenkasse an der Qualitätssicherung in der Psychotherapie. An dem Modellvorhaben hat sie allerdings einiges zu kritisieren. Ihre Meinung deckt sich in den wesentlichen Punkten mit der des Hessischen Fachausschusses Psychotherapie, der in Verhandlung mit der TK steht. Nicht akzeptieren kann Leiendecker, dass die Kassen damit Zugang zu den Patientendaten erhalten. Die müssten bei den Behandlern beziehungsweise bei den KVen bleiben. Ob und wie Patientendaten eventuell in anonymisierter Form weitergegeben werden können, muss noch geklärt werden. Die Vermischung von Wissenschaftlichkeit und Wirtschaftlichkeit sei „unseriös“, findet Leiendecker. Der TK gehe es nicht nur um Qualitätssicherung, sondern auch um kostengünstige Therapien. Unklar sei auch, wer die Therapie beendet, ob Therapeut oder Gutachter. „In der Beschreibung des Modellvorhabens befinden sich dazu widersprüchliche Aussagen.“ Auch das Argument, mit dem Modell würde die Patientensouveränität gestärkt, entkräftet sie: Der Patient werde nicht darüber aufgeklärt, dass seine Angaben ein Ende der Therapie bedeuten könnten. Wenig geeignet sei das Modellvorhaben, um die Wirksamkeit der analytisch begründeten Psychotherapieverfahren zu überprüfen. Denn diese richteten sich nicht in erster Linie auf eine schnelle Symptomreduzierung, sondern auf die Bearbeitung aktualisierter Konflikte. Fragen nach einer bewussten Einschätzung seien für Patienten in einer Analyse, in der unbewusste Konflikte bearbeitet werden, „kontraproduktiv“, erklärt Leiendecker.
Patientenperspektive
kommt bisher zu kurz
Der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer Detlef Kommer hingegen begrüßt das TK-Modell. „Man muss dem Vorurteil entgegentreten, Psychotherapeuten würden eigentlich keine krankheitswertigen Störungen, sondern nur Befindlichkeitsstörungen behandeln.“ Dieses Qualitätssicherungssystem könne nach außen hin dokumentieren, dass eine Psychotherapie zu einer nachweislichen Gesundung des Patienten führt. Als positiv erkennt er an, dass die Perspektive der Patienten eingebaut wird. Dies komme im traditionellen Gutachterverfahren zu kurz; in diesem sei ebensowenig Transparenz gewährleistet. Mit Leiendecker stimmt der Präsident in dem Punkt überein, dass die Vorschläge der TK noch besser der Vorgehensweise der analytischen Verfahren angepasst werden müssten. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Petra Bühring
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