ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Private Kran­ken­ver­siche­rung: Diskussion belebte das Geschäft

POLITIK

Private Kran­ken­ver­siche­rung: Diskussion belebte das Geschäft

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 311

Flintrop, Jens

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LNSLNS Die private Kran­ken­ver­siche­rung hat auch im Jahr 2002 wieder mehr neue Mitglieder gewonnen. Seit Anhebung der Versicherungspflichtgrenze läuft das Geschäft schleppender.

Die private Krankheitsvollversicherung verzeichnete im Jahr 2002 einen Nettoneuzugang von 221 000 Personen (2001: 216 000). Damit wuchs der Bestand auf 7 931 000 Versicherte. Dies geht aus dem Rechenschaftsbericht 2002 hervor, den der Verband private Kran­ken­ver­siche­rung e.V. (PKV), Köln, am 12. Juni bei der Mitgliederversammlung in Dresden präsentierte. Der erneute Anstieg des Zuwachses ist offenbar insbesondere auf die Debatte über die Erhöhung der Versicherungspflichtgrenze in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) zurückzuführen.
Zur Erinnerung: Ende 2001 hatte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium angekündigt, die Versicherungspflichtgrenze von 3 375 Euro auf 5 100 Euro im Monat anzuheben. Nach massiven Protesten der PKV – sie fürchtete um ihr Geschäft im Bereich der Angestellten –, wurde die Grenze zum 1. Januar 2003 „nur“ auf 3 825 Euro angehoben. Infolge der seitdem geltenden höheren Einkommensgrenzen läuft das PKV-Neugeschäft in diesem Jahr deutlich schleppender. PKV-Verbandsdirektor Dr. Volker Leienbach geht deshalb davon aus, dass der Zuwachs an Versicherten 2003 um 40 000 bis 50 000 Personen geringer ausfallen wird als 2002.
Die zunehmende Diskussion über Leistungseinschränkungen in der GKV hat der PKV darüber hinaus einen Zuwachs bei den Zusatzpolicen beschert: In der ambulanten Zusatzversicherung erhöhte sich die Zahl der Versicherten um rund 466 000 auf 5 074 000.
Die 50 Mitgliedsunternehmen des PKV-Verbandes haben im Jahr 2002 rund 14 720 000 Euro für Kran­ken­ver­siche­rungsleistungen ausgegeben – 5,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Bestandsbereinigt, das heißt ohne den Kostenanstieg infolge des Mitgliederzuwachses, betrug der Anstieg 3,6 Prozent. Mit Ausnahme des Krankenhausbereichs fiel die Ausgabenerhöhung in allen Bereichen geringer aus als in 2001 (Tabelle).
Mit vier Prozent überproportional gestiegen sind die Erstattungsleistungen für die ambulante Arztbehandlung. Bei unveränderter Gebührenordnung sei diese Steigerung nur dadurch zu erklären, dass die Ärzte enger werdende Finanzierungsspielräume der GKV durch steigende Forderungen bei Privatpatienten zu kompensieren versuchten, lautet der immer wieder benutzte Vorwurf der Privatassekuranz. In der GKV stiegen die Kosten für ambulante Arztbehandlung im gleichen Zeitraum um zwei Prozent. Eine Reform der Gebührenordnung sei überfällig, meint der PKV-Verband.
Mit 6,5 Prozent überdurchschnittlich gestiegen sind auch die Ausgaben für Arznei- und Verbandmittel. Hier beklagt die PKV, dass die GKV-Kostendämpfungsgesetze nicht für sie gelten. Den Krankenkassen seien durch die Aut-idem-Regelung sowie Großhandels-, Hersteller- und Apothekerrabatte Möglichkeiten zur Kostensenkung gegeben, der privaten Konkurrenz nicht.
Mehr noch als die Kostensteigerungen bei der ambulanten Arztbehandlung und den Arzneimitteln macht der Branche die Situation auf den Kapitalmärkten zu schaffen. Trotz anhaltender Börsenkrise sei jedoch noch „kein Cent“ der PKV-Alterungsrückstellungen – die belaufen sich mittlerweile auf 76 Milliarden Euro – verlorengegangen, betonte der PKV-Verbandsvorsitzende Reinhold Schulte in Dresden. Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, hatte zuvor eine Senkung des PKV-Rechnungszinses angeregt. Dieser ist die Kalkulationsgrundlage für die Alterungsrückstellungen. Eine Herabsetzung würde die Unternehmen zwingen, die Rückstellungen mit mehr Kapital zu unterlegen. Dafür müssten höhere Prämien gefordert werden, von denen die Versicherten im Alter allerdings wieder profitieren könnten. Derzeit ist für den Rechnungszins eine Obergrenze von 3,5 Prozent festgelegt, die meist ausgeschöpft wird.
Mit Sorge verfolgt die Branche auch die Diskussion zur Refom der GKV. Setzt sich Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach mit seiner Idee einer Bürgerversicherung durch, würde die PKV gleich ganz abgeschafft. Das geringere Übel wäre ein Kopfpauschalensystem, wie es Prof. Dr. Bert Rürup favorisiert. Dann müsste die PKV mit den Krankenkassen konkurrieren, wobei diese einen Vorteil hätten, weil sie keine Alterungsrückstellungen bilden müssen. Schulte lehnt beide Wege ab. Er plädiert dafür, Leistungen aus der GKV auszugliedern, was der PKV einen neuen Markt eröffnete. Jens Flintrop
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