ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Kompetenznetze in der Medizin: Der wahre „Egoist“ kooperiert

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Kompetenznetze in der Medizin: Der wahre „Egoist“ kooperiert

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 317

Koch, Klaus

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„Body-Check: Unbegrenzte Informationsvernetzung“ nennt Dr. med. Beate Haberecht (Berlin) eines ihrer Werke, das beim Deutschen Ärztekongress in Berlin im Rahmen von „Aeskulap malt“ ausgestellt wurde. Foto: Pohl-Boskamp
„Body-Check: Unbegrenzte Informationsvernetzung“ nennt Dr. med. Beate Haberecht (Berlin) eines ihrer Werke, das beim Deutschen Ärztekongress in Berlin im Rahmen von „Aeskulap malt“ ausgestellt wurde. Foto: Pohl-Boskamp
Das Förderkonzept des BMBF trägt Früchte: Die Forschungsverbünde liefern interessante Ergebnisse und finden immer mehr Interessenten.

Die Bestandsaufnahme der klinischen Forschung in Deutschland zeichnet seit einigen Jahren ein zwiespältiges Bild. Auf der einen Seite gibt es auch nach internationalen Maßstäben hervorragende Ärzte- und Wissenschaftlergruppen, die sich mit Forschung am Patienten beschäftigen. Doch gemessen etwa an der Zahl der Universitäten und Lehrstühle ist die Quote hochklassiger Publikationen eher mager, und es hapert an der Umsetzung von aktuellen Forschungsergebnissen. Acht Jahre, so die Schätzung, dauert es in der Regel, bis sich neue Erkenntnisse im Praxisalltag durchsetzen.
Diese Bestandsaufnahme war bereits vor vier Jahren ein Anlass für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), ein neues Förderkonzept aufzulegen. Seit 1999 stellt das Ministerium 205 Millionen Euro an Fördermitteln für so genannte Kompetenznetze in der Medizin zur Verfügung. Wer das Geld haben will, muss eine wesentliche Bedingung erfüllen: In diese Projekte müssen neben Forschern alle an der Versorgung beteiligten Ärztefachgruppen eingebunden sein.
Wie es scheint, hat die Idee dazu beigetragen, zumindest einige Inseln funktionierender Zusammenarbeit zu etablieren. Dr. Gabriele Hausdorf vom BMBF ist sich sicher, dass das Geld gut angelegt ist. „Das ist eine unserer interessantesten und spannendsten Fördermaßnahmen“, sagte die Leiterin des Referats Gesundheitsforschung im Bundesministerium bei dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden. Die Netze sollen fördern, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: Ärzte und Forscher müssen eng kooperieren. Die wachsende Zahl der Kompetenznetze spricht dafür, dass die Rechnung durchaus aufgeht. Ursprünglich waren vor vier Jahren neun Kompetenznetze von internationalen Gutachtern ausgewählt worden, seitdem sind acht neue Gruppen hinzugekommen, ein weiteres Kompetenznetz ist geplant. Im Zentrum der Netze steht jeweils eine Krankheit oder Gruppe von verwandten Krankheiten, bei denen wichtige Fragen unbeantwortet sind und wo es bei der Versorgung der Patienten auf die Kooperation verschiedener Spezialisten ankommt: Lymphome und Leukämien, Parkinson, Depressionen, HIV/Aids, Schizophrenie, Hepatitis und ambulant erworbene Pneumonien gehören beispielsweise dazu.
Jedes Netz ist selbst eine Sammlung aus meist mehr als einem Dutzend Teilprojekten, die sich auf einzelne Aspekte der Krankheiten konzentrieren. Im Zentrum steht dabei immer auch die Optimierung der Therapie. Beispielsweise haben es die Netzwerke, die sich auf Lymphome und Leukämien konzentrieren, geschafft, alle deutschen Gruppen zu koordinieren, die seit Jahren Krebstherapien verbessern wollen. „Wir haben gelernt, an einem Strang zu ziehen“, sagte Prof. Volker Diehl (Köln) als Sprecher des „Lymphom“-Netzes, das im Jahr 2000 seine Arbeit aufgenommen hat.
Ähnliches berichtet Prof. Rüdiger Hehlmann von der Universitätsklinik Mannheim über das Kompetenznetz „Akute und Chronische Leukämien“. „Uns ist es gelungen, fünf konkurrierende Studiengruppen unter dem Dach des Netzwerks zusammenzufassen“, sagt Hehlmann. Derzeit laufen fünf Studien, in denen neue Chemotherapien gegen akute myeloische Leukämie erprobt werden. Die Besonderheit: Die fünf Gruppen haben sich darauf geeinigt, ein und dasselbe Behandlungsschema als Standard einzusetzen. Auf diese Weise ist dafür gesorgt, dass die Ergebnisse der fünf Studien auch untereinander verglichen werden können.
Eine wichtige Aufgabe der Netzwerke liegt auch darin, niedergelassene Ärzte zur Zusammenarbeit anzuwerben. „Bislang ist die klinische Forschung weitgehend auf die Universitätskliniken beschränkt“, sagte Prof. Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover. Doch bei manchen Krankheiten – wie etwa durch Hepatitis-C-Viren ausgelöste Leberentzündungen – ist das ein schwerwiegender Nachteil, weil die meisten Patienten von Hausärzten und niedergelassenen Spezialisten behandelt werden.
„Wenn man Therapien schnell und realitätsnah erproben will, muss man auch diese Ärzte erreichen“, sagte Manns. Ein Erfolg des „Kompetenznetzes Hepatitis“ sei es, „dass annähernd alle Patienten mit einer frischen Hepatitis-C-Infektion heute nach einem definierten Protokoll behandelt werden“. In jetzt anlaufenden Studien wollen die Ärzte erproben, ob sich Dosis und Länge des Therapieregimes verringern lassen. Ähnliches gilt für Patienten mit Lungenentzündungen, auf die sich ein weiteres Kompetenznetz konzentriert. An einer bundesweiten Studie, die 5 000 Patienten mit ambulant erworbenen Pneumonien erfassen soll, nehmen etwa 600 niedergelassene Ärzte teil, sagte Prof. Norbert Suttorp von der Humboldt Universität in Berlin. Die Beteiligung der niedergelassenen Ärzte ist auch ein Zeichen eines langsamen Meinungswandels im Umgang mit klinischen Studien. Bislang hatten klinische Studien bei vielen Ärzten und ihren Patienten keinen besonders guten Ruf. „Doch langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Patienten in Studien sehr gut betreut werden“, sagte Diehl. Zudem seien Ärzte, die selbst an klinischen Studien teilnehmen, schneller bereit, neue Erkenntnisse aus solchen Studien dann auch an ihren Patienten anzuwenden.
Derzeit arbeiten die Netzwerke auch daran, den Austausch von Informationen und den Zugriff auf die Daten zu organisieren. Von Anfang an gehörte der Aufbau einer computerbasierten Kommunikationsstruktur zum Ziel aller Netzwerke. „Doch mit der Zeit ist klar geworden, dass die damit verbundenen Schwierigkeiten unterschätzt wurden“, sagte Prof. Otto Rienhoff von der Universität Göttingen. Anstatt jedes Netz nach einer eigenen Lösung suchen zu lassen, fördert das BMBF jetzt eine zentrale Gruppe, die die technischen Voraussetzungen unter anderem für Datenübermittlung und Speicherung klären soll. „Datenschutz spielt dabei eine zentrale Rolle“, sagte Rienhoff.
Dass die Rechnung des Forschungsministeriums in vielen der Netze aufgeht, ist freilich kein Zufall, sondern beruht auf einer strengen Vorauswahl. Meist sind bei der Zuteilung der Fördergelder Gruppen zum Zuge gekommen, die schon vor der Gründung des Kompetenznetzes internationales Niveau hatten. Mit anderen Worten: Gute Forschergruppen haben durch die Netzwerke die Möglichkeit bekommen, noch besser zu werden. Klaus Koch

www.kompetenznetze-medizin.de
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