ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Psychisch Kranke in Nigeria: Versteckt in der dunklen Ecke

THEMEN DER ZEIT

Psychisch Kranke in Nigeria: Versteckt in der dunklen Ecke

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 321

Barke, Antonia; Klecha, Dorothee

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Nur wenige haben die Möglichkeit zur Sprechstunde in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses in Ibadan zu kommen. Fotos: Dorothee Klecha
Nur wenige haben die Möglichkeit zur Sprechstunde in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses in Ibadan zu kommen. Fotos: Dorothee Klecha
In Nigeria werden psychisch Kranke, oftmals von traditionellen Heilern misshandelt, in den Städten rudimentär und auf dem Land gar nicht versorgt. Ein Verein in Freiburg will helfen.

Der Gang zum Psychiater oder das psychiatrische Bett in Krisensituationen – was bei uns eine Selbstverständlichkeit ist, ist in Nigeria fast völlig unbekannt. Nach Angaben des Staatschefs Olusegum Obasanjo anlässlich des Weltgesundheitstags im Juni 2000, der unter dem Thema „Psychische Gesundheit“ stand, leiden 30 bis 40 Millionen Nigerianer unter psychischen Problemen (6). Für diese Menschen stehen in Nigeria lediglich 110 Psychiater zur Verfügung (11). Bei einer Einwohnerzahl von 120 Millionen bedeutet dies, dass es in Nigeria nur einen Psychiater und weniger als einen Psychologen für eine Million Einwohner gibt (5, 10). Im Vergleich dazu kommen in Deutschland auf 15 000 Einwohner ein Psychiater und drei Psychologen (10).
In Nigeria werden psychisch Kranke zum größten Teil durch die zahlreichen traditionellen Heiler versorgt. Diesen wird eine große Macht zugemessen, da der Glaube herrscht, dass sie mit der Welt der Geister in Kontakt stehen (4, 7, 8). Deshalb werden von ihnen besondere Fähigkeiten erwartet, zum Beispiel eine Diagnose ohne mit den Patienten zu sprechen – allein dadurch, dass der Heiler Geister oder Orakel befragt. Psychische Erkrankungen werden im Allgemeinen als durch übernatürliche Kräfte verursacht angesehen, zum Beispiel durch böse Geister oder Verhexung.
Die Behandlung erschöpft sich in Geisterbeschwörungen und Opfern, die die Götter beschwichtigen sollen, verbunden mit der Gabe von Kräutern. Solche Heiler haben oft eigene inoffi-zielle „Anstalten“, in denen Kranke
festgehalten werden. Einem Bericht
der British Broadcasting Corperation (BBC) (1998) zufolge würden die Patienten bei ihrer Ankunft brutal geschlagen und auch in den folgenden Monaten misshandelt (1). Die Kranken würden in heißen, feuchten Zellen ohne Licht eingeschlossen und über Monate an metallene Fußfesseln gekettet. Das rostende Metall führe häufig zu Infektionen, die unbehandelt bleiben. Oft verließen die Menschen solche Verliese mit Gangränen an den Füßen, die teilweise spätere Amputationen notwendig machen (1, 4). Diese Methoden werden gesellschaftlich akzeptiert, weil psychische Erkrankungen hochgradig stigmatisiert sind. Nicht nur die kranke Person, sondern auch ihre Familie und alle, die mit ihr zu tun haben, leiden darunter (1, 7, 9, Gureje/persönliche Mitteilung). Deshalb verstecken Angehörige ihre Kranken oft in einer dunklen Ecke des Hauses (9) oder bringen sie selbst zu den „Heilern“.
Selbst wenn die Betroffenen nicht in die Hände solcher Heiler fallen, haben Nigerianer auf der Suche nach Hilfe
für psychische Erkrankungen mit nahe-
zu unüberwindlichen Hindernissen zu kämpfen. Grund: Die Landbevölkerung kann den weiten Weg zu den in den Städten gelegenen psychiatrischen Einrichtungen wegen fehlender Transportfahrzeuge und -wege oft nicht zurücklegen, oder die Menschen können sich die Behandlung nicht leisten.
In Nigeria müssen die Patienten bei einer Aufnahme ins Krankenhaus das Essen, die Unterkunft, die Medikamente und medizinische Eingriffe aus der eigenen Tasche bezahlen – eine Behandlung, die sich viele nicht leisten können (10). Trotz Nigerias Rohstoffreichtums (insbesondere Ölvorkommen) leben nach Schätzungen aus dem Jahr 2000 rund 45 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze (3). Professor Oye Gureje, der Leiter einer der wenigen psychiatrischen Abteilungen, berichtet, dass sich in dem von ihm geleiteten Lehrkrankenhaus in Ibadan circa zehn bis 15 Prozent der Patienten selbst die älteren nebenwirkungsreicheren Medikamente, wie Haldol oder Imipramin, nicht leisten könnten. Zwar gebe es in seinem Krankenhaus einen kleinen aus Spenden finanzierten „Helpers’ Fund“, aber von diesem Geld lasse sich – wenn überhaupt – nur die Akutbehandlung bezahlen. Wenn die Patienten entlassen werden, ist die Weiterbehandlung ungesichert. Der Einsatz neuerer Medikamente ist ein völlig unbezahlbarer Wunsch. Trotz besonderer Vereinbarungen mit den Herstellern von Risperdal, einem neuen Antipsychotikum, kostet beispielsweise eine monatliche Behandlung mit 3 mg Risperdal pro Tag so viel, wie der monatliche Mindestlohn beträgt. Da fast die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt und Betroffene infolge ihrer Erkrankung oft nicht arbeiten können, hat die Mehrheit der Menschen praktisch keinen Zugang zu modernen Medikamenten. Dieses Problem verschärft sich insofern, als
psychiatrische Medikamente oft über einen längeren Zeitraum, nicht selten auch lebenslang, eingenommen werden müssen, um den Gesundheitszustand der Betroffenen zu stabilisieren.
1998 war mehr als ein Zehntel der weltweiten Krankheitslast auf psy-
chische Störungen zurückzuführen (2). Warum gerade die Versorgung psy-
chisch Kranker in Entwicklungsländern so desolat ist, liegt an der Armut, dem Fehlen einer Infrastruktur und stabiler politischer Verhältnisse sowie an dem Mangel an zuverlässigen Statistiken zur Schätzung des Bedarfs. Daneben führen gravierende Gesundheitsprobleme, wie Infektionen, Unterernährung, verschmutztes Trinkwasser und eine hohe Mütter- und Kindersterblichkeit, dazu, dass psychische Erkrankungen vernachlässigt werden. Zudem gelten psychische Krankheiten in vielen Ländern immer noch als unheilbar;
politische Entscheidungsträger investieren deshalb nicht in diesen Sektor. Ein weiterer Faktor ist das lange Zeit herangezogene Kriterium der Mortalität als einzigen Indikator für Gesundheitsprobleme. Erst in den letzten Jahren wurde ein Parameter eingeführt, der auch die durch Erkrankungen verursachten Belastungen einbezieht (die so genannten disability adjusted life years) und damit die Bedeutung psychischer Erkrankungen als Verursacher von menschlichem Leid gesundheitspolitisch anzeigt.
Die meisten psychisch Kranken haben keinen Zugang zu notwendigen Medikamenten.
Die meisten psychisch Kranken haben keinen Zugang zu notwendigen Medikamenten.
Um psychisch erkrankten Menschen zu helfen, hat sich in Freiburg ein ge-meinnütziger Verein „Seelische Gesund-heit Afrika e. V.“ gegründet. Dieser unterstützt die in Ibadan tätigen Psychiater mit Geld- und Sachmittelspenden bei der Versorgung der ärmsten Patienten. Der Verein sammelt Medikamente, die in Deutschland nicht mehr benötigt werden, um die medikamentöse Behandlung der Patienten in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses in Ibadan zu verbessern. In Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus ist ein Projekt geplant, durch das eine psychiatrische Versorgung in der ländlichen Um-gebung von Ibadan ermöglicht werden soll. Bestehende Stützpunkte der Pri-märversorgung in der ländlichen Umgebung, die in der Regel durch Schwe-
stern und Pfleger besetzt sind, sollen genutzt werden, um eine mobile psychiatrische Ambulanz einzurichten. Diese Stützpunkte sollen jeweils an bestimmten Wochentagen von Ärzten der Klinik in Ibadan besucht werden. Psychisch kranke Patienten, die sonst keinen Zugang zu psychiatrischer Versorgung hätten, können zu diesen Terminen einbestellt werden, um ein Behandlungskonzept auszuarbeiten. Zum Aufbau dieses ambulanten, mobilen psychiatrischen Teams werden ein geländegängiges Auto, zwei Pflegekräfte, Medikamente und eine apparative Ausstattung benötigt. Es entstehen Kosten in Höhe von rund 70 000 Euro, für deren Deckung der Verein Spenden sammelt.
Durch Aufklärung der Patienten und deren Angehöriger über die Natur psychischer Störungen im Rahmen der Visiten und die für alle sichtbare Tatsache, dass psychische Erkrankungen behandelbar sind, kann auch der Stigmatisierung psychisch Kranker und ihrer Angehörigen entgegengewirkt werden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 1662–1663 [Heft 24]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über das Internet unter www.aerzteblatt. de/lit2403 abrufbar ist.

Anschriften der Verfasserinnen:
Dr. med. Antonia Barke
Institut für Psychologie, Abteilung Allgemeine Psychologie, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt
Mertonstraße 17, Postfach 11 19 32
60054 Frankfurt/Main
E-Mail: barke@em.uni-frankfurt.de

Dr. med. Dorothee Klecha
Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie mit Poliklinik, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychosomatik der Albert-Ludwigs-Universität, Hauptstraße 5
79104 Freiburg
E-Mail: dorothee_klecha@psyallg.ukl.uni-freiburg.de


Aufruf zur Hilfe
Der Verein „Seelische Gesundheit Afrika e.V.“ sucht weitere Mitglieder. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 15 Euro pro Jahr. Vereinsmitglieder erhalten regelmäßig Informationen über den Fortschritt der Projekte.
Für die geplante Einrichtung des ambulanten psychiatrischen Dienstes und die Versendung der Medikamente werden vor allem Geldspenden benötigt. Spendenbescheinigungen können ausgestellt werden.
Praxisinhaber und Klinikärzte können ihre Patienten bitten, nicht mehr benötigte psychiatrische Medikamente abzugeben. Die Medikamente müssen noch mindestens ein Jahr haltbar sein. Auf diese Weise konnten beispielsweise in Freiburg innerhalb von vier Monaten Medikamentenspenden im Wert von mehr als 23 000 Euro gesammelt werden. Informationen für Ärzte und Patienten stellt der Verein zur Verfügung.
Im Rahmen der Vereinstätigkeit fallen viele Aufgaben an, wie zum Beispiel Anschreiben potenzieller Geldgeber, Öffentlichkeitsarbeit und anderes. Mitarbeit ist willkommen.

Seelische Gesundheit Afrika e.V.
c/o Dr. Dorothee Klecha
Schwarzwaldklinik – Neurologie
Im Sinnighofen 1
79189 Bad Krozingen
Telefon: 0 76 33/93 18 20
E-Mail: Seelische_Gesundheit@hotmail.com
Internet: www.seelische-gesundheit-afrika.de

Spendenkonto:
Seelische Gesundheit Afrika e.V.,
BLZ: 680 900 00,
Konto-Nummer: 16 736 503
Volksbank Freiburg
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1.
BBC Newsitem 76130 (10.4.1998). 6. Februar 2002 http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/africa/76130.stm.
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3.
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5.
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7.
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10.
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