ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Psychische Krankheiten: Widerspruch

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Psychische Krankheiten: Widerspruch

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 323

Zimmermann, Telse

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LNSLNS Dieser Meldung muss ich aufs Heftigste widersprechen!
Mein Mann, Augenarzt, geboren 1920 in Schlesien, war von 1943 bis 1947 in französischer Gefangenschaft in Afrika. Die Bedingungen waren zum Teil unmenschlich. In Marokko in der Wüste bekamen sie einen halben Liter Wasser pro Tag zum Waschen und Trinken. Trotzdem gab es in diesem Lager weder Depressionen noch Suizide.
Ich wurde 1929 als Arzttochter in einem westlichen Elbvorort Hamburgs geboren. Mein Vater starb 1944. Ich habe in den Bombennächten von 1940 bis 1945 gezittert. Tagsüber war Schule, wenn auch oft verkürzt. Daneben aber waren alle Villen mehr oder weniger in landwirtschaftliche Nutzbetriebe umfunktioniert. Ich hatte Hühner, Enten, bis zu 40 Kaninchen und ein Milchschaf zu versorgen. Außerdem wurden die Gärten zu Ackerland. Wenn ich bis zur Währungsreform einmal gesagt hätte: „Ich kann heute nicht melken und ausmisten, ich bin depressiv“, hätte mich meine Familie fassungslos angestarrt. Nach der Währungsreform musste ich von 100 DM Waisenrente der Ärztekammer leben. Im Herbst 1948 nahm ich mein Medizinstudium auf. Alle, aber auch alle Arbeiten, die Geld einbrachten, habe ich wie auch die meisten meiner Kommilitonen gemacht. Von der Putzfrau für 68 Pfennige pro Stunde, Lottoscheinauswerten in der Nacht, von der Zigarettenarbeiterin bis zur Autowaschanlage am Band. Keiner von uns war depressiv oder verübte Suizid. Im Gegenteil, wir waren zumeist sehr vergnügt! Meine einzige, wohl endogene, Depression hatte ich 1983, als es mir in je-
der Beziehung hervorragend ging. Ich persönlich habe eine Erklärung für die heutige Zunahme der Depressionen, überlasse die Deutung aber Ihnen.
Dr. med. Telse Zimmermann, Beethovenweg 18, 52349 Düren
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