ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Katathym-imaginative Psychotherapie: Imaginationen gewinnen an Bedeutung

WISSENSCHAFT

Katathym-imaginative Psychotherapie: Imaginationen gewinnen an Bedeutung

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 325

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Katathym-imaginative Psychotherapie hat sich bei psychosomatischen Störungen bewährt. Auch stark rationalisierende, emotional blockierte Patienten profitieren von der bildhaften Symbolisierung.

Blumen, Tiere, Bäume, Häuser, Wiesen, Bäche, Berge – was sich wie malerische Details einer alpenländischen Landschaftsidylle anhört, kann zur psychischen Veränderung und Heilung genutzt werden. Eine Therapieform, die darauf spezialisiert ist, mit solchen Bildern und Symbolen zu arbeiten, ist die Katathym-imaginative Psychotherapie (KiP). Das Wort „katathym“ kommt aus dem Griechischen. „Kata“ bedeutet „gemäß“, „thymos“ steht unter anderem für die Seele, die Lebenskraft und die Gemütsbewegung. Als „katathymios“ werden Dinge bezeichnet, die einem im Sinn, in den Gedanken oder auf dem Herzen liegen. Diese spiegeln sich in Bildern wider, unabhängig vom bewussten Wollen. Die KiP, auch unter den Bezeichnungen „Katathymes Bilderleben“ und „Symboldrama“ bekannt, ist ein anerkanntes Verfahren und als spezielle Behandlungsmethode der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie kassenärztlich abrechenbar. Seine Wirksamkeit wurde schon in zahlreichen Publikationen, insbesondere in Einzelfallstudien, belegt. Zurzeit wird die Wirksamkeit des Verfahrens bei Depressionen und Angsterkrankungen an der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Halle evaluiert.
In Deutschland gibt es rund 270 KiP-Therapeutinnen und -Therapeuten. Unter ihnen finden sich nicht nur Diplom-Psychologen, sondern auch Ärzte, Psychoanalytiker und psychoanalytisch ausgebildete Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten. Diese Berufsgruppen sind zur Weiterbildung zugelassen. Die Grundkurse können auch von Medizin- und Psychologiestudierenden höherer Semester besucht werden. KiP-Therapeuten sind in verschiedenen Verbänden organisiert. Dachverband ist die Internationale Gesellschaft für Katathymes Bilderleben und imaginative Verfahren in Psychotherapie und Psychologie (IGKB) mit Sitz in Göttingen. Ihr gehört die Deutsche Gesellschaft für katathym imaginative Psychotherapie (DGKiP) an, die wiederum die Mitteldeutsche Gesellschaft für Katathymes Bilderleben und imaginative Verfahren in der Psychotherapie und Psychologie e. V. (MGKB) mit Sitz in Halle/Saale und die Arbeitsgemeinschaft für Katathymes Bilderleben und imaginative Verfahren in der Psychotherapie e. V. (AGKB) mit Sitz in Göttingen koordiniert.
Höchste Zuwachsraten in Osteuropa
Die AGKB ist mit rund 770 Mitgliedern die größte Vereinigung in Deutschland, gefolgt von der MGKB mit etwa 400 Mitgliedern. Im deutschsprachigen Raum gibt es außerdem die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für katathym-imaginative Psychotherapie (ÖGATAP/ÖAGKIP) mit etwa 900 Mitgliedern und die Schweizer Arbeitsgemeinschaft (SAGKB) mit rund 400 Mitgliedern. Im nicht-deutschsprachigen Raum sind die Mitgliederzahlen niedriger. „Zurzeit liegen die höchsten Zuwachsraten im östlichen Europa“, erklärt Klaus Krippner, erster Vorsitzender der AGKB und Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Witten.
Die KiP wurde in den Fünfzigerjahren von dem Göttinger Psychiater, Neurologen und Psychoanalytiker Hanscarl Leuner entwickelt. Er entdeckte, dass Tagtraumbilder in verlässlicher und reproduzierbarer Weise die innerseelische Situation spiegeln. Diese inneren Vorstellungen, die auch als „Imaginationen“ oder „katathyme Bilder“ bezeichnet werden, sind hypnotisch-suggestiv und willentlich nicht beeinfluss-bar und werden von jeder gesunden Psyche gebildet. Sie knüpfen im Unbewussten an Symbole an und treten dann über Wortvorstellungen ins Bewusstsein. Die Beobachtung und der Umgang mit Imaginationen spielen daher in der KiP eine bedeutende Rolle.
Um den Imaginationsprozess anzustoßen, werden dem Patienten verschiedene Motive vorgegeben, beispielsweise „Wiese“, „Bach“, „Berg“, „Haus“ oder „Waldrand“. Diese Landschaftsmotive dienen als Projektionsflächen, die dem Patienten Raum lassen für die Darstellung der Befindlichkeit oder aktueller Konflikte. Landschaftsmotive gehören der so genannten Unterstufe an. Die Motive der Mittelstufe wie „Rosenbusch“ und „Autofahrt“ zielen auf aggressive und libidinöse Antriebsbereiche sowie auf Selbst- und Objektvorstellungen. In der Oberstufe ermöglichen es Motivvorgaben wie „Sumpfloch“, „Höhle“ und „Vulkan“, vorbewusste und unbewusste tiefe Konfliktbereiche zu beobachten und bewusst werden zu lassen. Die Imaginationen des Patienten werden nicht systematisch gesteuert oder realistisch geplant, sondern sollen sich individuell und kreativ entfalten. Der Patient soll die inneren Szenen mit allen Sinnesmodalitäten erleben, handeln und seine Eindrücke, Erlebnisse und Gefühle dem Therapeuten schildern. Der Therapeut greift das Gesagte auf und deutet es. Dabei geht er auf unbewusste Motivationen, Konflikte und Strukturen ein und achtet auf Widerstand und Übertragung. Auf der Symbolebene entstehen dann im Dialog zwischen Patient und Therapeuten wesentliche Veränderungen des Erlebens und Verhaltens.
Neben der Verdeutlichung und Bearbeitung von Konflikten auf der Symbol-
ebene hat die KiP aber noch zwei weitere Wirkdimensionen. Zum einen ermöglicht sie es, affektive Lücken durch Erlebnisse innerhalb der Imaginationen aufzufüllen. Durch Entspannung und Sich-den-Bildern-Überlassen entsteht ein geschützter Raum mit kontrollierter Regression, in dem sonst verdrängte, verleugnete und abgewehrte Impulse auftauchen und befriedigt werden können. Zum anderen hilft KiP dem Patienten dabei, seine Kreativität zu entfalten und Ressourcen zu entdecken.
Geeignet bei stark rationalisierenden Patienten
Die Darstellung innerseelischer Prozesse auf der Bildebene ermöglicht es dem Patienten, sich maskiert zu bewegen und sich seinen Konflikten zu nähern. Das bringt Vorteile für die Arbeit an Widerständen. „Der Zugang zu unbewussten Konflikten ist äußerst schonend. Widerstände können dadurch schneller bearbeitet werden“, erklärt die Saarbrücker Ärztin und KiP-Therapeutin Eva-Maria Rolshoven. Dieser Effekt kann die Therapiedauer verkürzen, weshalb sich KiP für Kurztherapien von 15 bis 30 Sitzungen eignet. Eine weitere Besonderheit der KiP ist, dass das eloquente Verbalisieren des Erlebten nicht das primäre Therapieziel darstellt. Im Vordergrund steht vielmehr das Erleben auf der Bildebene und das Probehandeln sowie die Suche nach neuen Lösungsmöglichkeiten im symbolisierten Kontext. Die KiP eignet sich deshalb vor allem für Patienten, die weniger gut verbalisieren und reflektieren können. Nur in wenigen Fällen ist die Methode nicht indiziert. „Auf KiP sollte verzichtet werden, wenn Patienten Bilder nicht mögen und sich nicht darauf einlassen möchten“, sagt die Psychologische Psychotherapeutin Leonore Kottje-Birnbacher aus Düsseldorf. Kontraindiziert ist KiP auch während akuter Psychosen oder akuter schwerer, depressiver Zustände.
Zu den klassischen Behandlungsfeldern zählen psychosomatische Störungen. Die KiP hat sich für diese Störungsgruppe bewährt, da die bildhafte Symbolisierung zwischen Körperempfinden und Emotionen vermittelt. Daneben wird KiP häufig bei Patienten mit festgefügten Abwehrstrukturen und bei stark rationalisierenden, emotional blockierten oder unentwickelten Patienten eingesetzt. Die Patienten werden durch die katathymen Bilder auf einer Fühl- und Spürebene angesprochen. Darüber hinaus hat sich KiP bei neurotischen und funktionellen Beschwerden bewährt. KiP wird außerdem zur Kriseninterven-
tion und Traumabehandlung eingesetzt. Nach Krippner wurde erst kürzlich für die Behandlung traumatisierter Patienten ein schlüssiges Konzept vorgelegt. Zu den neueren Behandlungsfeldern zählen außerdem Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. In den letzten Jahren wurden beispielsweise spezifische Vorgehensweisen der KiP für Border-
line-Patienten entwickelt. KiP kann dazu beitragen, die eingeschränkte Symbolisierungsfähigkeit von Borderline-Patienten zu erweitern. Inzwischen gibt es auch für viele andere Beschwerdebilder wie Kolitis, Morbus Crohn, Asthma, Anorexie, Bulimie, Herzneurosen, Ängste, Depressionen und Zwangsstörungen spezifische Behandlungskonzepte.
Da Katathym-imaginative Psychotherapie prinzipiell bei allen Indikationen eingesetzt werden kann, bei denen Psychotherapie angezeigt ist, werden sich in naher Zukunft sicherlich noch viele neue Behandlungsfelder für KiP-Therapeuten auftun. Sollte sich folgende Einschätzung von Klaus Krippner bestätigen, werden sich möglicherweise auch Therapeuten anderer Schulen an den Methoden der KiP orientieren: „Imaginationen scheinen in der Psychotherapie zunehmend an Bedeutung zu gewinnen. Der KiP wird als bester strukturierter Tagtraummethode dadurch besondere Bedeutung zukommen“, meint Krippner. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Kottje-Birnbacher L: Katathym-imaginative Psychotherapie. In Reimer C, Rüger U: Psychodynamische Psychotherapien. Springer 2000; 151–176.
Leuner H: Lehrbuch der Katathym-imaginativen Psychotherapie. Hans Huber 2003 (Nachdruck von 1994).

Informationen und Ansprechpartner:
Dr. med. Klaus Krippner
Wiesenstraße 19–21, 58452 Witten
Telefon: 0 23 02/5 10 81, Fax: 0 23 02/5 10 82
E-Mail: klaus_krippner@web.de

Arbeitsgemeinschaft für Katathymes Bilderleben
und imaginative Verfahren in der Psychotherapie (AGKB) e. V., Bunsenstr. 17, 37073 Göttingen
Telefon: 05 51/4 67 54, Fax: 05 51/48 79 30
E-Mail: agkb.goettingen@t-online.de
Internet: www.agkb.de
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