ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Internet-Recherche: Sexuelle Gewalterfahrung und ihre Folgen

THEMEN DER ZEIT

Internet-Recherche: Sexuelle Gewalterfahrung und ihre Folgen

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 327

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS Im Web stehen viele Ressourcen zur Verfügung, die sich an Personen wenden, die in ihrer Kindheit oder jüngeren Vergangenheit Opfer von sexueller Gewalt waren. Darüber hinaus finden Fachkreise Informationen zum Umgang mit betroffenen Erwachsenen.
Der Begriff „sexuelle Gewalt“ beschreibt jede sexuelle Handlung zwischen zwei Personen, bei der eine der beteiligten nicht mit dem Handlungsgeschehen einverstanden oder nicht in der Lage ist, ein Einverständnis zu geben, also alle sexuellen Misshandlungen an Kindern und Jugendlichen sowie Vergewaltigung und sexuelle Nötigung von Erwachsenen (5). Die Verbreitung sexueller Gewaltanwendung lässt sich nur indirekt aus den Prävalenzen der Opfer abschätzen. Dies wird durch die hohe Dunkelziffer zusätzlich erschwert. Für sexuelle Gewaltanwendungen im Erwachsenenalter kommen US-amerikanische Studien an repräsentativen Stichproben für Frauen auf eine Prävalenzrate von 10 Prozent für Vergewaltigung und weitere 14 Prozent für versuchte Vergewaltigung. Studien über die Prävalenz sexuellen Missbrauchs im Kindes- und Jugendalter variieren in ihren Angaben in Abhängigkeit von der zugrunde liegenden Begriffsdefinition, der untersuchten Stichprobe und des Befragungsinstruments.
Bange (1) kommt nach einem Review methodisch anspruchsvoller amerikanischer und europäischer Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass „10–15 Prozent der Frauen und 5–10 Prozent der Männer bis zum Alter von 14 oder 16 Jahren mindestens einmal einen sexuellen Kontakt erlebt haben, der unerwünscht war oder durch die ,moralische‘ Übermacht einer deutlich älteren Person oder durch Gewalt erzwungen wurde“.
http://www.sexuelle-gewalt.de/links.html (Übersicht Linksammlung „sexuelle Gewalt“)
http://www.sexuelle-gewalt.de/links.html (Übersicht Linksammlung „sexuelle Gewalt“)
Bei der Klassifikation von sexueller Gewaltanwendung muss also zwischen verschiedenen Formen unterschieden werden. Dies spiegelt sich in den Informationsangeboten im Internet wider, die im Hinblick darauf, ob die Opfer Kinder/Jugendliche oder Erwachsene sind, unterschiedlich ausgerichtet sind. Gegenstand dieses Beitrags sind vorwiegend Ressourcen, die Betroffene im Erwachsenenalter ansprechen beziehungsweise Fachkreisen Informationen zum Umgang mit betroffenen Erwachsenen vermitteln. Websites, die sich an sexuell missbrauchte Kinder, Jugendliche und ihre Eltern sowie an alle Berufsgruppen wenden, die mit der Prävention und Behandlung der betroffenen Familien konfrontiert sind, werden in einem späteren Beitrag vorgestellt.
Ressourcen für Fachkreise
Sexualisierte Gewalt, ihre Folgen und Behandlungsmöglichkeiten werden am häufigsten im psychotraumatologischen Kontext behandelt, sodass Fachkreise in Internet-Portalen zu posttraumatischen Belastungsstörungen Informationen finden (Adressen siehe Literatur 2, 6).
Darüber hinaus gibt es universitäre Einrichtungen, die ihren Forschungsschwerpunkt unter anderem in diesem Bereich haben und teilweise auch Institutsambulanzen unterhalten, die Opfern von sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt Hilfe anbieten. Beispiele sind das Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Köln (www.uni-koeln.de/phil-fak/psych/klin) und die Abteilung für Sexualforschung der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Hamburg
(www.uke.uni-hamburg.de/kliniken/psychiatrie/sexualforschung).
Ebenso stellen verschiedene Berufsgruppen Informationen zum Thema zur Verfügung, wie zum Beispiel Psychotherapeuten, die sich auf die Behandlung von Personen mit sexuellen Gewalterfahrungen spezialisiert haben. So veröffentlicht Bernhard Sommergruber, Wien, auf seiner Homepage beispielsweise seine Fortbildungsangebote zu sexuellem Missbrauch und stellt Informationen bereit, unter anderem den Beitrag „Sexueller Missbrauch: Konzepte für eine Psychotherapie“ (www.therapeut.at/sm_index.htm).
Der Aufsatz „Noch eine Kränkung – Vom sprachlichen Umgang mit dem Themenbereich ,Sexuelle Gewalt‘ in der Psychotherapie“ von Brigitta Ruoss, Schweizerische Gesellschaft für körper- und klientenzentrierter Theorie und Praxis, ist unter der Internet-Adresse www.gfk-institut.
ch/Texte/kraen.html abrufbar.
Rudolf Süsske, Psychologischer Psychotherapeut, thematisiert auf seinen Internet-Seiten Spätfolgen von Missbrauch und Gewalterfahrungen bei Männern (www.suesske.de/suesske_trauma2a.htm). Anmerkungen zu den Möglichkeiten der Therapie von Tätern finden sich unter den Web-Adressen www.bundesarbeitsgemeinschaft.de/therapie.htm und
www.akademie-rs.de/publikationen/chronik98/bt98_wegschauen.htm.
Auch nicht dezidiert psychotherapeutische Fachleute beschäftigen sich mit dem Thema. Hierzu gehören Gynäkologen, die sich dafür einsetzen, das Thema „sexualisierte Gewalt und ihre medizinischen Auswirkungen“ unter Einbeziehung der Psychotraumatologie als obligaten Weiterbildungsbestandteil im Curriculum der psychosomatischen Gynäkologie aufzunehmen (www.akf-info.de/neu/archiv/sex-gewalt.htm), oder im Internet über die Initiativen zu den Auswirkungen sexualisierter Gewalt gegen Frauen auf Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett informieren (www.geburtskanal.de, Rubrik „Wissen A–Z“, Stichwort „Sexualisierte Gewalt“).
Online-Informationen finden sich auch zu einem weiteren Projekt im medizinischen Bereich: 1999 wurde das bundesweit einmalige Interventionsprogramm S.I.G.N.A.L. am Universitätsklinikum Benjamin Franklin, Berlin, eingerichtet. Die Grundidee des Projekts: Jede Frau, die von ihrem Mann oder Partner misshandelt wird, sucht früher oder später eine Einrichtung des Gesundheitswesens auf, sodass Mitarbeiter der Ersten Hilfe und der Ambulanzen in Krankenhäusern somit häufig die ersten Fachleute sind, bei denen betroffene Frauen Hilfe suchen. Um adäquate Hilfe zu leisten beziehungsweise Gewalterfahrungen als solche zu diagnostizieren, ist eine Sensibilisierung des Personals notwendig. Dies soll durch den Handlungsleitfaden S.I.G.N.A.L. unterstützt werden (www.medizin.fu-berlin.de/SIGNAL/signal.htm).
Weiterführende Ressourcen und Literaturhinweise für Fachkreise stehen auf den WWW-Seiten der Zentralen Informationsstelle zur Prävention sexueller Gewalt (www.zissg.de) zur Verfügung.
Virtuelle Hilfsmöglichkeiten für Opfer
Das Internet ermöglicht Betroffenen von sexuellen Gewalterfahrungen, auf niederschwellige Weise Informationen zu recherchieren und (potenziell) anonym sowohl mit Fachkreisen als auch mit anderen Opfern in Kontakt zu treten, Symptome eigenständig zu erkennen und somit schneller qualifizierte therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Dies kann dazu beitragen, die Chronifizierung der akuten Belastungsstörung nach Missbrauchserlebnissen zu verhindern. Häufig stellt sich bei traumatisierten Menschen ohne therapeutische Unterstützung ein autonom stressbiologisch motiviertes Vermeidungsverhalten – insbesondere im zwischenmenschlichen Bindungsverhalten – ein, das kurzfristig in die soziale Isolation und zur Entfremdung von der eigenen Identität führt (siehe zum Beispiel 4). Teilweise sind Schuld- und Schamgefühle stark ausgeprägt, sodass die Möglichkeit der anonymen Kontaktaufnahme per Internet für Betroffene dieser Störungsgruppe besonders hilfreich ist.
Für Erwachsene, die sexuelle Gewalt erlebt haben, gibt es eine Vielzahl virtueller Selbsthilfegruppen und Ratgeberseiten, die vor allem von Betroffenen veröffentlicht werden. Ein Beispiel hierfür ist die Website von Celline (www.selbsthilfe-missbrauch.de), die vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschichte sich und anderen Betroffenen mit ihrer Selbsthilfe-Plattform helfen will. Über Entstehung und Inhalte ihrer Site, ihre Erfahrungen damit sowie über die Auswirkungen ihres Internet-Projekts auf ihren eigenen Genesungsprozess berichtet sie in Schreiber (7).
Erfahrungsaustausch über Newsgroups
Survivor’s Arc (www.selbsthilfe.solution.de/survivors), ein Informationsangebot für „Überlebende von Inzest und sexualisierter und anderer Gewalt“, organisiert einen wöchentlichen Chat, in dem sich Missbrauchsopfer austauschen können. Ein Erfahrungsaustausch ist ebenso über Newsgroups möglich. Die deutschsprachige Gruppe hat sich mit inzwischen circa 14 000 Threads als Kommunikationsplattform unter Betroffenen etabliert.
Da Newsgroups den Nachteil haben, dass sämtliche geposteten Beiträge über Jahre gespeichert und über Suchmaschinen jedermann zugänglich sind, werden Mailinglisten gerade bei hochsensiblen Themen häufig bevorzugt. Sie gewähren ein gewisses Maß an Schutz, denn oftmals handelt es sich um „geschlossene“ Listen, die beim jeweiligen Listenverwalter abonniert werden müssen und durch Anmelderegularien zu „sicheren“ Kommunikationsräumen organisiert werden. Eine Übersicht deutschsprachiger Mailinglisten für sexuelle Missbrauchsopfer und/oder deren Angehörige ist unter der URL
www.selbsthilfe-missbrauch.de/Infos/allg/links/MailList.htm abrufbar.
Professionelle Online-Beratung via E-Mail für Frauen, die als Mädchen oder als Jugendliche sexuelle Gewalt erlebt haben, bietet Frauenberatung und Selbsthilfe, Wildwasser e.V,. unter der Internet-Adresse
www.das-beratungsnetz.de (siehe Rubrik „Beratungsstellen“).
Weitere Anlaufstellen und Adressen für Betroffene sind bei Eichenberg/Schmitt (3) nachzulesen sowie online in der empfehlenswerten kategorisierten Linksammlung unter www.sexuelle-gewalt.de zu finden.
Christiane Eichenberg
Kontaktadresse: Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität zu Köln, Höninger Weg 115, 50969 Köln,
E-Mail: christiane@rz-online.de, Internet: www.christianeeichenberg.de



Literatur
1. Bange D: Ausmaß. In: Bange D, Körner W (Hrsg.): Handwörterbuch Sexueller Missbrauch. Göttingen: Hogrefe 2002; 20–25.
2. Eichenberg C, Schmitt M: Informationen über akute und posttraumatische Belastungsstörungen im Internet. Teil 1: Wissenschaftliche Ressourcen. Psychomed 2001 (a); 1: 53–57.
3. Eichenberg C, Schmitt M: Informationen über akute und posttraumatische Belastungsstörungen im Internet. Teil 2: Angebote für Betroffene. Psychomed 2001 (b); 2: 119–124.
4. Gershuny BS, Thayer JF: Relations among psychological trauma, dissociative phenomena, and trauma-related distress: a review and integration. Clinical Psychology Review 1999; 19 (5): 631–657.
5. Laszig P, Gramatikov L: Sexuelle Störungen. Online verfügbar in: Rudolf G (Hrsg.): multimedica, „Kompendium der Psychosomatik“. bsmedic: www.multimedica.de (1997).
6. Laszig P, Rieg K: Websites für Ärzte und Psychologen – Trauma/Traumatherapie. Dtsch Arztebl 2002; PP; 10: 462–464.
7. Schreiber C: Selbsthilfe im Internet am Beispiel Missbrauch. In: Ott R, Eichenberg C: Klinische Psychologie im Internet. Potenziale für klinische Praxis, Intervention, Psychotherapie und Forschung. Göttingen: Hogrefe 2003.
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