ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Selbsthilfe bei psychischen Problemen: Integrieren statt ignorieren

WISSENSCHAFT

Selbsthilfe bei psychischen Problemen: Integrieren statt ignorieren

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 329

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Die Wirksamkeit von Selbsthilfemaßnahmen ist wissenschaftlich nicht validiert. Doch als Ergänzung zur Psychotherapie können sie hilfreich sein.
Viele Menschen, die psychische Probleme haben, versuchen sich zunächst einmal selbst zu helfen. Sie kaufen leichte Medikamente und besorgen Ratgeberliteratur. Diese Art der Selbsthilfe scheint mit professionellen Beratungs- und Therapieangeboten zu konkurrieren. Doch statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen, können sich Therapeuten einige Selbsthilfemaßnahmen auch zunutze machen und in die Therapie integrieren. Wie folgende Zahlen zeigen, haben Psychologen und Psychotherapeuten in den USA ihre Scheu gegenüber Selbsthilfeangeboten längst abgelegt: 85 Prozent empfehlen ihren Patienten Ratgeberliteratur, 82 Prozent raten zum Besuch von Selbsthilfegruppen, 46 Prozent schlagen bestimmte Filme vor, 34 Prozent weisen auf ausgewählte Webseiten hin, und 24 Prozent ermuntern ihre Patienten zum Lesen von Autobiografien.
Größere Unabhängigkeit
Die Empfehlung, Selbsthilfeangebote therapieergänzend zu nutzen, geben Therapeuten aus gutem Grund: Selbsthilfemaßnahmen ermöglichen Kontakte zwischen Therapeut und Patienten, die über die Therapiesitzungen hinausgehen. Sie können Hausaufgaben sowie erfahrungsorientierte Aufgaben erleichtern. Daneben vertiefen sie das Verständnis des Patienten für seine Erkrankung. Komplementär eingesetzte Materialien und Medien können die Gespräche und Themen, die in der Psychotherapie bearbeitet werden, bereichern. Darüber hinaus ermächtigen sie den Patienten zu einer größeren Unabhängigkeit beim Problemlösen. Sie vermitteln ihm das Gefühl, Kontrolle zu haben, mitbestimmen und aktiv werden zu können. Dadurch werden Commitment und Selbstmanagement gefördert.
Zu den bekanntesten Selbsthilfemaßnahmen gehört das Lesen von Ratgeberliteratur. Meist sind die Bücher verständlich geschrieben, preiswert und leicht zugänglich. Sie tragen dazu bei, den Patienten zu informieren und ihm konkrete Hilfen, Lösungswege und Ansprechpartner aufzuzeigen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass diese Form der Bibliotherapie effektiv sein kann, besonders wenn sie mit einer Psychotherapie kombiniert wird. „Vor allem Verhaltenstherapeuten haben erkannt, dass die Bibliotherapie kompatibel mit der formalen Therapie ist und die Therapiequalität verbessern kann“, betonte die Psychologin Linda Campbell von der University of Georgia.
Neben Ratgeberliteratur können auch Autobiografien von Betroffenen in die Psychotherapie einbezogen werden. Autobiografien sind im Stil meistens weniger schulmeisterlich und oft spannender geschrieben als Ratgeber. Sie ermöglichen dem Patienten eine starke Identifikation mit dem Erzähler. Er kann sich leichter in die Problematik hineindenken und einfühlen, wird stärker involviert und dadurch zur Mitarbeit motiviert. „Tröstlich für den Patienten ist außerdem die Erkenntnis, dass andere Menschen das gleiche Problem haben“, meint der kalifornische Psychologe Robert Sommer. Autobiografien vermitteln aber nicht nur dem Patienten, sondern auch dem Therapeuten tiefe Einblicke in die Lebenswelt eines Betroffenen.
Filme sind ebenfalls geeignet, Betroffene, Angehörige und die Öffentlichkeit an psychische Störungen heranzuführen. „Sie können Mut machen, Hoffnung vermitteln, Rollenmodelle offerieren und eigene Stärken bewusst machen“, meint der Psychologe Danny Wedding vom Missouri Institute of Mental Health. Amerikanische Therapeuten setzen Filme gezielt ein, um Diskussionen anzuregen und die Kommunikation mit den Patienten zu verbessern. Anhand der Geschichten und Figuren gelingt es Patienten manchmal besser, sich ihren Problemen und Gefühlen zu nähern und doch eine sichernde Distanz zu wahren.
Ähnliche Vorzüge hat das Internet. Es bietet Informationen, Austausch und Beratung in Chat- und Newsgruppen und auf Beratungsseiten, ohne dass sich der Betroffene zu erkennen geben muss. Therapeuten können Patienten auf besonders informative, fundierte und seriöse Seiten hinweisen. „Außerdem sollten Psychotherapeuten ein eigenes Informations- und Beratungsportal erstellen und auf ihren eigenen Webseiten anbieten“, meint der Psychotherapeut Edward Zuckerman aus Pennsylvania. Darüber hinaus bleiben Therapeuten und Patienten per E-Mail in regelmäßigem Kontakt, der vor allem zur Krisenintervention wichtig sein kann.
Lesen, schreiben, Filme ansehen, sich im Internet auszutauschen und andere Selbsthilfemaßnahmen scheinen den Gesamtzustand vieler Patienten zu verbessern und ihre Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Wissenschaftlich nachgewiesen ist ihre Effektivität aber so gut wie nicht, und sie gelten auch nicht als legitime Behandlungsmethoden. Das sollte Therapeuten aber nicht daran hindern, diese Verfahren ergänzend zur Therapie einzusetzen.
Dabei sollten Therapeuten folgendes beachten:
- Bei der Medienauswahl muss berücksichtigt werden, ob die Patienten Zugang dazu haben, ob sie die notwendige Kulturtechnik beherrschen, und ob sie offen für das Medium sind.
- Therapeuten sollten die Bücher, Filme und Internetseiten, die sie empfehlen, gut kennen.
- Das empfohlene Medium muss sich wirklich auf die Probleme des Patienten beziehen.
- Die Ratschläge, die in den Medien empfohlen werden, müssen auch durchführbar sein. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Journal of Clinical Psychology, In session: Integrating self-help into psychotherapy; 2003: 59: 2.
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