ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Museum Blindenwerkstatt: Blindes Vertrauen

VARIA: Feuilleton

Museum Blindenwerkstatt: Blindes Vertrauen

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 330

Lenze, Susanne

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Otto Weidt: In seiner Besenfabrik fanden Juden Zuflucht vor den Nazis. Sieben Monate lang hielt er eine vierköpfige jüdische Familie versteckt.
Otto Weidt: In seiner Besenfabrik fanden Juden Zuflucht vor den Nazis. Sieben Monate lang hielt er eine vierköpfige jüdische Familie versteckt.
Dependance der Stiftung Jüdisches Museum Berlin

Der Ort ist lebendig. Es ist ein zehn Quadratmeter großer und 2,40 Meter hoher Raum. Dort steht ein brauner Kachelofen, auch die rote rosenähnliche Wandbemalung ist original erhalten. Im Jahr 1943 gab es dort nicht einmal ein Fenster. In diesem Versteck, getarnt durch einen Schrank, hatte Otto Weidt die vierköpfige jüdische Familie Horn während der NS-Zeit sieben Monate versteckt. Sie lebten dort in ständiger Todesangst.
Horns gehörten zu den 30 jüdischen blinden oder taubstummen Menschen, die sich in einer Bürstenwerkstatt im Hinterhaus der Rosenthaler Straße 39 in Berlin-Mitte vor der Gestapo versteckten. Der schwer sehbehinderte Otto Weidt eröffnete die Werkstatt 1940. Sie wurde von der Gestapo als „kriegswichtig“ anerkannt.
Seit 1999 zeigt die Blindenwerkstatt die Ausstellung „Blindes Vertrauen – Versteckt am Hackeschen Markt 1941–1943“, und seit 2001 ist das heutige Museum eine Dependance des Jüdischen Museums in Berlin. Seit Anfang des Jahres besuchten bereits 7 000 Menschen das Museum an der Rosenthaler Straße. Zurzeit ist in einem der vier Räume der Blindenwerkstatt die Ausstellung „Zwischen den Zeilen“ – Postkarten aus Theresienstadt zu sehen. 90 erhaltene Karten, in denen sich verschleppte Angestellte der Werkstatt an Otto Weidt wenden. Mehr als 150 Lebensmittelpakete hat Weidt seit 1943 nach Theresienstadt geschickt, die 90 erhaltenen Antwortkarten enthalten scheinbar nebensächliche Bemerkungen, aus denen der Eingeweihte Botschaften „zwischen den Zeilen“ herauslesen kann. Auf kleinen Holztischen liegen sie aus, versehen mit biografischen Angaben zu den Absendern und Erläuterungen zu den verschlüsselten Nachrichten.
Das Museum Blindenwerkstatt gehört zur Bildungsabteilung des Jüdischen Museums. Sie bietet unter anderem für Schüler ab der
4. Klasse Führungen an. Sie wollen der „stillen Helden“ der NS-Zeit gedenken. Der „stille Held“ Weidt versuchte, bedrohte Menschen zu schützen, bestach Gestapo-Kommissare und Polizisten mit Schnaps und Zigaretten. Mehr
Die Blindenwerkstatt im Jahre 1942. Die Zweite von links in der ersten Reihe ist Inge Deutschkron. Otto Weidt, der Chef des „wehrwichtigen“ Betriebes, ist der Sechste von links in der zweiten Reihe, Alice Licht ist die Frau rechts neben Weidt. Fotos: Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt
Die Blindenwerkstatt im Jahre 1942. Die Zweite von links in der ersten Reihe ist Inge Deutschkron. Otto Weidt, der Chef des „wehrwichtigen“ Betriebes, ist der Sechste von links in der zweiten Reihe, Alice Licht ist die Frau rechts neben Weidt. Fotos: Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt
als 50 Kontrollen überstand der geheime Ort. Bis ein Spitzel das Versteck verriet. Die Bürstenwerkstatt wurde geschlossen, der größte Teil der Belegschaft, zu der auch Horns gehörte, deportiert. Weidt gab nicht auf. Als Bürstenvertreter getarnt, fuhr er nach Auschwitz und nahm über polnische Mittelsmänner Kontakt mit der früheren Mitarbeiterin Alice Licht auf, der es gelang, aus Auschwitz zu fliehen. Die Familie Horn konnte Weidt nicht retten. Sie wurde ermordet. Der 1947 verstorbene Weidt war in Deutschland lange unbekannt. Die Autorin Inge Deutschkron macht in ihrem autobiografischen Roman „Ich trug den gelben Stern“ die Geschichte dieser Hinterhauswerkstatt bekannt. Auch Deutschkron war von Weidt versteckt worden.
In anderen Räumen des Museums sind Möbel, Einzugsmaschinen für Bürsten, Pässe, Werksausweise und Bilder von der Belegschaft sowie auf Transparentpapier niedergeschriebene Gedichte von Alice Licht an Otto Weidt zu sehen. Ein Gedicht trägt den Titel „Theresienstadt“. Alice Licht schrieb: „Eingepfercht in kleinen Stuben sitzen Tausende von Juden voller Hoffen, voller Bangen, wann werden wir wieder zu den uns’ren gelangen?“ Das Kriegsende erlebte Licht bei Weidt; seine Liebe konnte die damals 27-jährige Frau nicht erwidern. Als Weidt 1947 starb, war sie schon in die Vereinigten Staaten emigriert. In Gedichten erklärte sie Weidt, warum ihr ein Leben in Deutschland nicht mehr vorstellbar war. Alice Licht starb in Israel. Susanne Lenze
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