ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2003Ibrahim A.: Seltsame Figuren

KUNST + PSYCHE

Ibrahim A.: Seltsame Figuren

PP 2, Ausgabe Juli 2003, Seite 336

Kraft, Hartmut

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Mehr als vier Objekte aus gebranntem Ton hatte der Patient in den Wochen des stationären Aufenthalts nicht angefertigt. Die Beschäftigungs- und Kunsttherapeutinnen hatten diese eigentümlichen kleinen Skulpturen auch Monate nach der Entlassung nicht weggeworfen, da ein eigentümlicher Reiz von diesen vier Figuren ausging. Zwei von ihnen werden hier gezeigt. Es handelt sich um seltsame, eigenständige Bilderfindungen. Die Kopf-skulptur scheint ein breites Lächeln zu zeigen – oder fletscht sie die Zähne? Die Stirn über den geschwungenen Augenbrauen ist ganz niedrig, an der Stelle des Gehirnschädels befindet sich eine Delle. Das Auffälligste aber sind die Augen. Von rechts nach links kann man durch diesen Kopf hindurchschauen, zur einen Augenhöhle hinein und zur anderen hinaus. Bei dieser Gelegenheit kann man in der Seitenansicht (hier im Foto nicht zu sehen) am Halsansatz einen zweiten Durchbruch durch den Kopf erkennen.
Nicht weniger seltsam ist die zweite Skulptur. Ein Tierwesen sitzt uns ge-genüber, stützt sich auf seinen langen, nach oben gebogenen Schwanz ab. Vor allem erstaunen die Brüste, an denen nicht zu saugen ist, die stattdessen selber hungrig das Maul aufsperren. Geradezu aggressiv recken sich diese Brüste dem Betrachter entgegen.
Wer war der Schöpfer dieser eindrucksvollen Plastiken? Ibrahim A., ein 24-jähriger Student der Ingenieurwissenschaften, fiel in der Klinik als „außer-ordentlich disziplinierter, kultivierter junger Mann mit freundlichem, kon-taktbereitem Auftreten“ auf, wie es in der Krankenakte heißt. Der Kontrast zwischen seinem Auftreten und den von ihm modellierten Figuren könnte größer kaum sein. Sind es Gestaltungen einer beginnenden psychotischen Entwicklung? Die Diagnosen im Krankenblatt wechseln in kurzer Zeit zwischen „beginnende schizophrene Psychose“, „coenästhetische Depressionen“ und „monopolar-depressive Zyklothymie“. Vielleicht war nur klar, dass Ibrahim A. hinter seinem gewinnenden Äußeren einen wie auch immer zu benennenden Kampf um sein seelisches Gleichgewicht führte. Hartmut Kraft

Biografie Ibrahim A.
Geboren 1960 im Jemen als Sohn eines Diplomaten. Abitur an einer deutschen Schule in Ägypten. Studium der Ingenieurwissenschaften in Deutschland. Erstmals erkrankt Ende 1983/Anfang 1984. Angaben zum weiteren Lebensweg liegen nicht vor.
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