ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003Geschlechtsspezifische Versorgung: Mehr Sensibilität gefordert

POLITIK

Geschlechtsspezifische Versorgung: Mehr Sensibilität gefordert

Dtsch Arztebl 2003; 100(28-29): A-1909 / B-1583 / C-1491

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Im Mittelpunkt einer Fachtagung des Landschaftsverbands Rheinland standen frauenspezifische Probleme in der Psychiatrie.

Therapieangebote, die spezifisch auf die Bedürfnisse von Frauen eingehen, sind bislang in der stationären psychiatrischen Versorgung unzureichend. Dies stellte eine „Expertinnenrunde“ der Rheinischen Kliniken fest – dieses Manko ist jedoch nicht nur auf das Rheinland beschränkt. „Mehr Sensibilität für eine geschlechtsspezifische Versorgung zieht eine Fülle von praktischen Änderungen im Klinikalltag nach sich“, erklärte Dr. med. Friedrich Leidinger, Stabsstelle Fachärztliche Angelegenheiten des Landschaftsverbands Rheinland (LVR). Einen Schritt in diese Richtung machte der Träger psychiatrischer Kliniken mit einer Fachtagung Mitte Juni in Köln.
Ambulant vor stationär
Das immer noch gültige Ziel der Psych-iatriereform von 1975 „ambulant vor stationär“ ist besonders für Frauen wichtig. Denn die Schwelle, Hilfe in
stationären Einrichtungen zu suchen, ist für Frauen mit Kindern besonders hoch. Für Alleinerziehende ist der stationäre Aufenthalt in der Psychiatrie sogar mit dem Risiko verbunden, das Sorgerecht zu verlieren. Die Folge: „Sie setzen eine ärztlich angeratene Behandlung häufiger früher ab und setzen auf Medikamente statt therapeutische Klärung“, berichtete Landesrat Rainer Kukla, Gesundheitsdezernent des LVR. Notwendig sei daher auch der Ausbau von teilstationären Angeboten, die die Vorteile ambulanter Therapie mit der Intensität stationärer Behandlung verbinden. Kukla verwies beispielhaft auf die Tagesklinik der Qualifizierten Entwöhnungsbehandlung für Drogenabhängige in Essen, die besonders von Müttern mit kleinen Kindern aufgesucht werde.
„Frauen erkranken doppelt so häufig an Depressionen wie Männer“, betonte Prof. Dr. med. Anke Rohde, Bonn.
Auch Angsterkrankungen, Essstörungen und Somatisierungsstörungen seien frauentypisch. Da diese Störungen psychotherapeutisch gut behandelbar sind, verwundert es nicht, dass 300 von 350 Aufnahmen auf den Psychotherapie-Stationen der Rheinischen Kliniken Patientinnen sind. Demgegenüber sind in der Psychiatrie von 37 000 Aufnahmen 60 Prozent männlich und 40 Prozent weiblich. Ein Ausbau der Psychotherapie-Stationen, dem „Sahnetörtchen der Psychiatrie“ wie Leidinger betonte,
erscheint daher zur Verbesserung der Versorgung von Frauen folgerichtig.
Mehr Ärztinnen in Führungsposition bringen
Anke Rohde, die den ersten Lehrstuhl für Gynäkologische Psychosomatik in Deutschland am Universitätsklinikum Bonn innehat, wies darauf hin, dass die Zeit nach der ersten Entbindung für Frauen die risikoreichste sei, an einer Depression zu erkranken. Begünstigt werde das Risiko, wenn der Partner oder die Familie wenig Unterstützung bieten. „Wichtig ist dann, möglichst sofort nach der Entbindung zu intervenieren“, fordert die Psychiaterin. Mehr Zusammenarbeit zwischen den Entbindungsstationen, psychiatrisch-psychotherapeutischen Abteilungen und Kriseninterventionsstellen sei notwendig.
Mehr Sensibilität für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Versorgung ist am ehesten von Frauen zu erwarten, weil sie die Probleme ihrer Geschlechtsgenossinnen kennen. Leidinger will daher mehr Frauen ermutigen, sich für Führungspositionen zu bewerben, denn derzeit arbeiten nur fünf Chefärztinnen, aber 40 Chefärzte in den neun psychiatrischen Kliniken im Rheinland. Ein Mentorenprogramm für interessierte Ärztinnen soll dabei helfen. Petra Bühring
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema