ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/20036. Via medici Kongress: Arzt – Beruf mit Zukunft

POLITIK

6. Via medici Kongress: Arzt – Beruf mit Zukunft

Dtsch Arztebl 2003; 100(28-29): A-1911 / B-1585 / C-1493

Seger, Gabriele

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Neuregelungen in der Approbationsordnung, bessere
Arbeitszeiten und neue Berufsfelder in der Gesundheitswirtschaft sollen den Arztberuf wieder attraktiver machen.

Der Arztberuf hat Zukunft, für Schwarzmalerei gibt es keinen Anlass“, sagte Birgit Fischer, Ministerin für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen, bei der Eröffnung des 6. Via medici Kongresses „Zukunftschancen für Mediziner“, der vom 20. bis 21. Juni in Bochum stattfand. „In fast allen Bereichen des Gesundheitswesens sind heute mehr Ärztinnen und Ärzte tätig als je zuvor. Und wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt: Das Gesundheitswesen wird auch künftig ein Job-Motor sein mit guten Berufschancen in einem breiten Tätigkeitsspektrum“, erklärte Fischer.
Vor fünf Jahren sah die Situation für angehende Ärzte anders aus. Der 1. Via medici Kongress hatte damals zum Ziel, Studierenden alternative Berufsbilder aufzuzeigen, um einer vermeintlich drohenden Massenarbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Bereits beim 5. Via medici Kongress im vergangenen Jahr in Mannheim zeichnete sich eine Trendänderung ab: Nicht die Angst vor einer Ärzteschwemme, sondern die Furcht vor einem möglichen Ärztemangel bestimmte die Themenschwerpunkte.
Von Suchenden zu Gesuchten
In der Tat sind die Arbeitsplatzchancen für junge Ärzte in Deutschland so gut wie lange nicht mehr. „Ärzte sind von Suchenden zu Gesuchten geworden“, beschrieb Prof. Dr. med. Ingo Flenker, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Münster, die Lage. Mehr als
3 000 offene Stellen könnten derzeit nicht besetzt werden. Betroffen sind vor allem die neuen Bundesländer und der ländliche Bereich. Viele Krankenhäuser suchen nach qualifiziertem Nachwuchs, so auch auf dem Via medici Kongress. Auf einer so genannten Klinikinsel präsentierten sich Krankenhäuser aus ganz Deutschland, um Karrieremöglichkeiten und Anforderungspro-file an Bewerber aufzuzeigen. Das „Umworbenwerden“ wurde von den Besuchern positiv, aber auch mit einer gewissen Skepsis betrachtet. „Ich kann verstehen“, meinte einer der angehenden Ärzte, „dass die Krankenhäuser Angst vor Engpässen haben und auf Nachwuchssuche sind. Die Präsentation auf Hochglanzpapier und in Diashows wirkt aber zum Teil sehr rosarot gefärbt und nicht realistisch. Am Ende werden die Versprechen für bessere Arbeitsbedingungen vielleicht doch nicht eingehalten.“
Der arbeitsintensive Berufsalltag schreckt viele angehende Ärzte von einer Tätigkeit in einem Krankenhaus ab. Zwar gebe es derzeit in Nordrhein-Westfalen noch keinen generellen Ärztemangel, erläuterte Ministerin Fischer und warnte vor „Panikmache“, doch die Sorge um den zukünftigen Nachwuchs besteht nach wie vor. Ungünstige Arbeitszeiten, überspitzte hierarchische Strukturen und eine schlechte Bezahlung führen nach Ansicht Flenkers eher zu „Frust statt Lust auf den Arztberuf“. Auch Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, wies wiederholt auf die schlechten Arbeitsbedingungen hin. „Immer mehr Patienten müssen in immer kürzerer Zeit versorgt werden.“ Diese Arbeitsverdichtung werde auf dem Rücken des Personals ausgetragen. Zudem bestehe eine deutliche Arbeitsüberlastung durch Ableistung von zu vielen Stunden. „Die Zehn-Stunden-Grenze wird schon in der Regelarbeit überschrit-ten“, konstatierte Montgomery, „und nach den Bereitschaftsdiensten folgt oft der Normaldienst.“ Noch immer werde das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 3. Oktober 2000, wonach Bereitschaftsdienste als Arbeitzeit angerechnet werden müssen, in Deutschland nicht umgesetzt.
Aber nicht nur der Krankenhausalltag, sondern auch die Ausbildungsbedingungen wirken ernüchternd auf viele Medizinstudenten. „Mehr als 20 Prozent derer, die ein Medizinstudium beginnen“, meinte Montgomery, „beenden diesen Studiengang nicht. Weitere 20 Prozent steigen vor dem AiP aus.“ Gründe hierfür mögen zum einen in der Qualität, zum anderen auch in der Dauer der Ausbildung zu suchen sein. Zwischenergebnisse einer noch laufenden Umfrage der Zeitschrift „Via Medici“ zur Qualität der Ausbildung im Praktischen Jahr (Thema: „Ausbildung oder Ausbeutung?“) zeigten nach Angaben von Martin Spencker, Thieme Verlag, Stuttgart, dass die Studenten neben schlechten Arbeitszeiten eine mangelnde Betreuung während der Ausbildung beklagen. Die wiederum führte Montgomery auf den herrschenden Personalmangel zurück, darunter leide auch die Ausbildung. Das Zwischenergebnis der Auswertung von 600 Fragebögen formulierte Spencker so: „Die Motivation, in den Arztberuf zu gehen, hat sich dramatisch verschlechtert.“
Die lange Dauer der Ausbildung spielt nach Ansicht des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Dr. h. c. Jörg-Dietrich Hoppe, ebenfalls eine Rolle für die drohende Ärzteknappheit. Zwischen 11 und 15 Jahren muss ein Anwärter für die Aus- und Weiterbildung zum Arzt investieren. Diese relativ lange Ausbildungsdauer ergibt sich aus der zugrunde liegenden Rechtsprechung. § 95 a SGB V legt die Voraussetzungen für die vertragsärztlichen Tätigkeiten fest. Dazu zählen die Approbation und eine abgeschlossene allgemeinmedizinische Weiterbildung oder eine Weiterbildung in einem anderen Fachgebiet. Das Facharzturteil vom 10. März 1992 des VI. Senats des Bundesgerichtshofs (Az.: VI ZR 64/91) ist für den stationären Sektor maßgeblich. Der Patient, so Hoppe, könne also grundsätzlich den Stand eines Facharztes erwarten. Die Folge sei eine langwierige Aus- und Weiterbildungzeit. Die lange Ausbildungsdauer hielt Hoppe außerdem für ursächlich von Fehleinschätzungen bei Steuerungsmaßnahmen, die mit zu dem befürchteten Ärztemangel geführt haben. Es sei eine Verzögerungsphase von zehn Jahren entstanden, deren Effekt nicht mehr umkehrbar sei. So liege beispielsweise das Durchschnittsalter der Hausärzte heute bei circa 50 Jahren. Dies bedeute, dass altersbedingt in den nächsten Jahren hier mit einem großen Bedarf zu rechnen sei. Aber auch angestrebte strukturelle Veränderungen in der ärztlichen Versorgung eröffneten Hausärzten künftig ein großes Arbeitsfeld. Politisches Ziel der ambulanten Versorgung sei eine Verteilung von 60 bis 70 Prozent an Hausärzten und 30 bis 40 Prozent an Fachärzten. Für Letztere bestünden gute Aussichten in der ambulanten Vorsorgung und in subspezifischen Bereichen.
Bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen
Mehr als 10 000 junge Ärzte und Medizinstudenten besuchten in den vergangenen fünf Jahren den Via medici Kongress in Mannheim.Auch in diesem Jahr in Bochum zählten die Veranstalter circa 2 000 Teilnehmer. Fotos: Thieme Verlagsgruppe, Stuttgart
Mehr als 10 000 junge Ärzte und Medizinstudenten besuchten in den vergangenen fünf Jahren den Via medici Kongress in Mannheim.Auch in diesem Jahr in Bochum zählten die Veranstalter circa 2 000 Teilnehmer. Fotos: Thieme Verlagsgruppe, Stuttgart
Der Bedarf an kurativ tätigen Ärzten ist groß. Zudem weisen demographische Veränderungen und der medizintechnische Fortschritt nach Ansicht Montgomerys auf ein riesiges Beschäftigungspotenzial. Mit der 8. Novelle zur Änderung der Approbationsordnung (ÄAO) und Forderungen nach besseren Regelungen im Arbeitszeitgesetz sollen Anreize geschaffen werden, um angehende Ärzte für kurative Tätigkeiten zu gewinnen. Als wesentlichen Punkt der neuen ÄAO, die am 1. Oktober 2003 in Kraft treten wird, nannte Dr. med. Bettina Boxberger, Marburger Bund, den Wegfall des AiP. Der ist für das Wintersemester 2004/2005 geplant.
In der Pressemitteilung der Bundes­ärzte­kammer vom 26. April 2002 begrüßte Hoppe die an diesem Tag vom Bundesrat gebilligte neue ÄAO als „Meilenstein auf dem Weg in eine bessere Arztausbildung“. „Mit der neuen Approbationsordnung wird es mehr Praxisorientierung, mehr Freiheit zur Unterrichtsgestaltung und endlich auch eine Verminderung der unsäglichen Multiple-Choice-Fragen geben“, so Hoppe.
Die ÄAO und insbesondere die neuen Prüfungsregelungen stießen allerdings auch auf Gegenstimmen. Bereits im Vorfeld der Verabschiedung der ÄAO durch den Bundesrat wandten sich zahlreiche Medizinstudenten in bundesweiten Protesten und auf Aktionstagen an Universitäten gegen das so genannte Hammerexamen. Von einem „Papiertiger mit Fallstricken“ ist in einem Kommentar von Dominik Wolff bei „Via medici online“ die Rede, mit der „höflichen Bitte um rasche Überarbeitung“.
„Durch die notwendigen Neuregelungen der Bereitschaftsdienste wird der Arztberuf auch im Krankenhaus wieder attraktiver“, meinte Ministerin Fischer. Flenker ging in seiner Forderung noch weiter, indem er innovative Arbeitszeitmodelle verlangte, die die Möglichkeit böten, Arbeit und Familie zu verbinden. Darüber hinaus plädierte er für eine bessere Bezahlung, wobei auch Überstunden, die nicht ausgeglichen werden könnten, entlohnt werden müssten. „Man sucht Sie, man braucht Sie, man bewirbt Sie, das stärkt Ihre Position“, ermutigte Flenker die angehenden Ärzte.
Positive Visionen motivieren
Einen neuen Weg der Motivation zur Ausübung des Arztberufes beschreitet Prof. Dr. med. Dietrich H. W. Grönemeyer, Institut für Mikrotherapie Bochum und Universität Witten/Herdecke. Er beschwor Visionen neuer Berufsfelder in einer so genannten Gesundheitswirtschaft Med. in Germany, in der die Bereiche Gesundheit und Wirtschaft konsequent zusammengedacht werden müssten. Die Gesundheitswirtschaft umfasse mehr als Krankenhäuser, sie schließe unter anderem die Bereiche Wellness, Gesundheitstourismus, Medien und Medizintechnik mit ein. In der Gesundheitswirtschaft sieht Grönemeyer eine Boom-Branche der Zukunft mit einem großen Potenzial an Beschäftigungsmöglichkeiten.
Grönemeyer plädiert für einen Richtungswechsel in der Gesundheitspolitik, die „weg von einer negativen Diskussion um Kosten in eine positive um Chancen und Potenziale“ münden solle. „Vielen Studenten fehlt lange Zeit ein Ökonomiebewusstsein, daher sollte der Idealismus und die Motivation, mit dem junge Menschen ein Medizinstudium beginnen, nicht durch negative Diskussionen zerredet werden“, mahnte Grönemeyer.
Damit stieß er auf dem Bochumer Kongress bei den Studenten auf Zustimmung. „Die Ideen und Visionen, die Prof. Grönemeyer vertritt“, meinte ein Medizinstudent im zehnten Semester, „sind wahrscheinlich nicht so schnell umsetzbar. Aber Prof. Grönemeyer setzt positive Signale, das motiviert.“ Auf die Frage, ob er frustriert sei durch die derzeitigen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen und ob er statt der Ausübung des Arztberufes ein alternatives Berufsfeld anstrebe, meinte der Kongressbesucher: „Die Ideale überwiegen, und es tut sich ja auch was. Ich möchte schon im Arztberuf arbeiten, aber dort, wo Teamorientierung überwiegt.“ Gabriele Seger
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