ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003Medizinische Forschungsbedingungen in Deutschland: Eine Aufforderung auszuwandern

THEMEN DER ZEIT

Medizinische Forschungsbedingungen in Deutschland: Eine Aufforderung auszuwandern

Dtsch Arztebl 2003; 100(28-29): A-1916 / B-1590 / C-1498

Ristow, Michael; Tschöp, Matthias; Arlt, Wiebke; Anker, Stefan D.

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Viele junge Wissenschaftler verlassen derzeit
Deutschland, um dauerhaft in den USA – und in der
Medizin auch in Großbritannien – tätig zu werden.

Matthias Tschöp1, Wiebke Arlt2, Stefan D. Anker3, Michael Ristow4

Medizinische Nachwuchswissenschaftler, die anspruchsvolle Laborforschung mit akademisch-klinischer Tätigkeit verbinden wollen, treffen in Deutschland auf eine schwierige Situation. Im Vergleich zu den USA und Großbritannien ist es für Ärzte ungleich diffiziler, ihr kreativ-wissenschaftliches Potenzial zu entfalten und eine international angesehene Arbeitsgruppe zu etablieren. Viele Wissenschaftler suchen deshalb ihre Langzeitperspektive im Ausland, was nicht nur zu einer Ausdünnung und einem Niveauverlust der deutschen Forschung, sondern auch zu einer weiter sinkenden Attraktivität des Forschungsstandorts Deutschland führt.
Wissenschaftliche Tätigkeit wird insbesondere in den klinischen Fächern der universitären Medizin überwiegend als eine erwünschte Feierabend- und Wochenendbeschäftigung angesehen. Dies wird unterstützt durch Verwaltungsstrukturen, die nicht zwischen universitär-wissenschaftlicher Tätigkeit und Krankenversorgung trennen. Dadurch ist das Interesse des Verwaltungsleiters der Klinik an einer ausgeglichenen Bilanz dominierend. Forschung wird nur unterstützt, gefördert beziehungsweise überhaupt erst zugelassen, wenn diese medienwirksam einsetzbar ist. Vielerorts wird sie als notwendiger Appendix einer Universitätsklinik lediglich geduldet.
Wissenschaft nimmt in der Rangordnung der Medizin einen ebenso unteren Rang ein wie Ausbildung und Lehre. An kaum einer Universitätsklinik gibt es einen strukturierten Ausbildungsplan für ärztlichen Nachwuchs, der Forschung und Klinik integriert, wie es zum Beispiel in Großbritannien und den USA vorbildlich der Fall ist. Auch in Deutschland gibt es Spitzenforschung, aber omnipräsent ist die Förderung und Akzeptanz von für den wissenschaftlichen Fortschritt wenig relevanten Projekten, die nach dem Erreichen des Primärziels Habilitation oft in ein abruptes Erlöschen jeglicher wissenschaftlichen Aktivität münden, sobald eine dauerhafte, meist ausschließlich klinisch orientierte Position gesichert ist.
Insuffiziente Förderung
Parallel zu dieser Entwicklung ist eine Einengung, Verflachung und Spezialisierung der klinischen Ausbildung an den Universitätskliniken zu beobachten. Dies führt dazu, dass Ärzte mit Facharztreife beispielsweise im Fach Innere Medizin viele grundlegende Krankheitsbilder in ihrer Weiterbildung weder diagnostiziert noch therapiert haben.
Zweiter Problembereich ist die insuffiziente Forschungsförderung. In Deutschland gibt es nur in geringem Maße Forschungsförderung durch private Stiftungen. Diese ist nicht vergleichbar mit dem Wellcome Trust in Großbritannien oder den zahlreichen privaten Stiftungen in den USA. Die öffentlichen Forschungsförderungs- und Forschungseinrichtungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Max-Planck-Gesellschaft oder die Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz müssen darüber hinaus derzeit eine empfindliche Beschneidung ihrer Mittel akzeptieren, was die Förderungssitutation in Deutschland weiter verschlechtert. Der Forschungshaushalt ist Lichtjahre entfernt von dem der USA oder dem Großbritanniens. Zusätzliches Problem ist, dass die aktuell verfügbaren Förderungsprogramme die Etablierung wissenschaftlichen Nachwuchses an den Hochschulen allenfalls marginal fördern.
Deutsche Forscher verdienen deutlich weniger als ihre Kollegen in den USA oder Großbritannien. Fotos: Eberhard Hahne
Deutsche Forscher verdienen deutlich weniger als ihre Kollegen in den USA oder Großbritannien. Fotos: Eberhard Hahne
Das Fehlen eines geförderten akademischen Mittelbaus in der biomedizinischen Forschung ist ein weiteres, zentrales Problem. Ein Grund dafür sind kurzfristig angelegte Assistenzarztstellen, zum Teil mit Dreimonatsverträgen – auch wenn diese wegen des Ärztemangels rückläufig sind. Die Grundidee der Juniorprofessur zur früheren Erlangung relativer Forschungsautonomie ist prinzipiell richtig. Problematisch für den Sonderfall Medizin ist jedoch, dass häufig wegen der noch nicht abgeschlossenen klinischen Weiterbildung ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber der Klinikleitung beziehungsweise der Fakultät besteht. Zudem ist die Perspektive für die Zeit nach einer Juniorprofessur weitgehend unklar.
Besonders in den klinischen Fächern ist die traditionell vertikale Hierarchie ein fast unüberwindbares Hindernis, wohingegen in den anglo-amerikanischen Ländern auf eine horizontale Vernetzung der senior faculty gesetzt wird. Es ist in Deutschland nicht möglich, zum Beispiel ausgehend von einer Emmy-Noether-Gruppe oder einem Heisenberg-Stipendium, eine langfristige Forschungsperspektive im gleichen kreativ-produktiven Umfeld herauszuarbeiten. Eine Evaluation auf befristeten Stellen (Juniorprofessur, C 3) erfolgt nach nicht einheitlich definierten, weitgehend sogar unbekannten und deshalb subjektiven Kriterien. Diese Praxis befördert unwissenschaftlich motivierte Wohlverhaltensformen mit dem Ziel, eine positive Evaluierung und damit Weiterbeschäftigung wahrscheinlicher zu machen.
In den letzten Jahren sind zudem systematisch Stellen des akademischen Mittelbaus abgeschafft worden. In Deutschland gibt es je Universität beispielsweise nur einen langfristig beschäftigten Endokrinologen/Diabetologen, wohingegen es in Großbritannien und in den USA fünf bis 20 senior staff members dieses präventivmedizinisch essenziellen Fachgebiets je Fakultät gibt.
Zusätzlich frustrierend ist die extrem unattraktive Vergütung, die weit entfernt ist von britischen oder amerikanischen Gehältern. Es fehlt jeglicher Leistungsanreiz. Zum Vergleich: In den USA bedeutet ein eingeworbener grant automatisch auch eine Erhöhung des Gehalts. In Deutschland verhindert der Bundesangestelltentarif (BAT) eine derartige Regelung kategorisch. Bemühungen einzelner Fakultäten, zum Beispiel an der Universität Bonn, gehen zumindest dahin, die eingeworbenen Forschungsdrittmittel durch hauseigene Mittel im Sinne eines Bonusprinzips aufzustocken.
Ein ebenfalls in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzendes Problem ist die Perspektivlosigkeit von Naturwissenschaftlern im Forschungsenvironment deutscher Universitätskliniken. Hochklassige medizinische Forschung ist auf eine funktionierende und kreative Interaktion von klinisch weitergebildeten und naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftlern angewiesen. Diese gibt es in Deutschland viel zu selten.
Die öffentlich finanzierte Förderungssituation in der medizinischen Forschung hat die in den vergangenen Jahren geweckten Erwartungen nicht erfüllt und sich in jüngster Vergangenheit rapide verschlechtert. Eine private Forschungsförderung ist in Deutschland faktisch nicht vorhanden. Ein überwiegend konservatives Verständnis der Forschungswürdigkeit wissenschaftlicher Projektanträge blockiert häufig innovative Forschungsvorhaben. Anzahl, Volumen und Laufzeit geförderter Projekte sind im internationalen Vergleich geradezu verschwindend gering. So besteht eine typische Projektförderung des US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) aus einer fünfjährigen Förderphase in Höhe von zwei bis zehn Millionen US-Dollar, wohingegen das Bewilligungsvolumen eines DFG-Sachmittelantrags eine Förderung von etwa 100 000 Euro pro Jahr in der Regel nicht überschreitet. Die deutsche Förderungspraxis macht eine international kompetitive medizinische Forschung oft unmöglich.
Wenig Gründe zurückzukehren
Die Entscheidungsgremien der Förderungseinrichtungen urteilen meist subjektiv und überwiegend nach politischen Gesichtspunkten. Teilweise kann der Eindruck gewonnen werden, dass es für die Förderentscheidung ausschlaggebend ist, wie viele persönliche Feinde beziehungsweise Freunde sich der vorgesetzte Klinikdirektor des Antragstellers in der Vergangenheit gemacht hat. Originalität und Qualität eines Projekts sind oft nur zweitrangig. Zudem sind die Entscheidungsgremien meist zu klein und deswegen anfällig für solche individuellen, subjektiv geprägten Entscheidungen. Bei DFG-Anträgen entscheiden zwei Gutachter, bei NIH-study-sections stimmen rund 30 Beteiligte demokratisch über ein Projekt ab. DFG-Forschungsstipendien unterstützen eine Forschungsphase im Ausland, beinhalten aber keinerlei Mittel zur befristeten Forschungsfreistellung und Reetablierung an der Heimathochschule. DFG-Forschungsstipendien stellen somit eine Form der Forschungsförderung für ausländische, in der Regel amerikanische Forschergruppen dar.
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Die Mehrzahl der Stipendiaten, die nach dem Stipendium an die deutsche Hochschule zurückkehren, erfährt jedoch keinerlei Forschungsfreistellung, kann deswegen keinen Methodentransfer leisten, erhält keine Laborplätze und rotiert meist unmittelbar in die klinische Versorgung beziehungsweise ICD- und DRG-Dokumentation. Die in der Anfangsphase nach Rückkehr aus dem Ausland wichtigen Ziele Methodenetablierung, Gruppenaufbau und Drittmitteleinwerbung lassen sich in den seltensten Fällen mit einem Wiedereinstieg in den Klinikalltag vereinbaren. Dies führt dazu, dass weniger als fünf Prozent der Rückkehrer auch weiterhin wissenschaftlich tätig sind und ein Drittel der Stipendiaten gar nicht oder nur vorübergehend nach Deutschland zurückkehrt.
Auch wenn sich die DFG durch neuere Konzepte bemüht, dieser Problematik entgegenzusteuern, so stellen die Programme durch die extrem niedrigen Altersgrenzen eine für klinisch tätige Ärzte unüberwindbare Hürde auf, sodass derartige Stipendien bereits vor Beginn einer klinischen Weiterbildung initiiert werden müssen. Dies bewirkt, dass die wenigen Antragsteller, die nach Deutschland zurückkehren, noch einen Großteil der klinischen Aus- und Weiterbildung vor sich haben, was die gleichzeitige Strukturierung und Leitung einer Nachwuchsgruppe deutlich erschwert.
„Confirmatory Science“
Es gibt in Deutschland keine mit zu den britischen Medical Research Council (MRC), Wellcome Trust, British Heart Foundation junior and senior research fellowships oder den zahllosen US-amerikanischen fellowships vergleichbaren Programme, durch die die Forschung konsequent im eigenen Land gefördert würde. Die Produktivität deutscher Nachwuchsgruppen ließe sich erhöhen, wenn klinische research fellows ausschließlich Zeit für Forschung bekämen.
Im Rahmen des Emmy-Noether-Programms scheint es widersinnig, dass nach Rückkehr aus dem Ausland der Wechsel an ein anderes Institut innerhalb Deutschlands gefordert wird. Dies steht dem kontinuierlichen Aufbau einer produktiven Gruppe und der Nutzung der zuvor etablierten Infrastruktur entgegen. Auch das Heisenberg-Programm der DFG ist problematisch, weil im Gegensatz zu US-amerikanischen K08-Awards und britischen senior fellowships und clinician scientist fellowships dem erfolgreichen Antragsteller mit der Bewilligung des Heisenberg-Antrages keine relevanten Sachmittel oder Personalmittel zur Verfügung stehen. Vergleichbare US-amerikanische und englische Programme entsprechen der Größenordnung des deutschen Leibniz-Preises. Vor allem ist bei deutschen Förderungsprogrammen die Laufzeit zu kurz: Während amerikanische und englische fellowships und project grants für mindestens drei bis maximal sieben Jahre bewilligt werden, liegt die durchschnittliche Förderungsdauer in Deutschland bei weniger als drei Jahren. Innerhalb dieses Zeitraums wird von DFG-Gutachtern nicht nur die erfolgreiche Durchführung des beantragten Projektes erwartet, sondern in der Regel auch noch die Publikation der erzielten Ergebnisse vor Einreichung eines Folgeantrags, für den die Bearbeitungszeit derzeit bei mehr als sechs Monaten liegt. Um eine nahtlose Förderung und damit Weiterfinanzierung qualifizierter Mitarbeiter erzielen zu können, muss der Antragsteller innerhalb von zwölf Monaten ein für mehr als zwei Jahre ausgelegtes Projekt abschließen, dieses innerhalb kürzester Zeit (sechs Monaten) publizieren, um dann rechtzeitig einen Folgeantrag einreichen zu können, der derzeit nur eine marginale Chance auf Bewilligung hat. Diese Förderpraxis erzwingt innovationsarme und qualitativ unterdurchschnittliche Forschungsansätze, in denen bereits etablierte Konzepte oder bewiesene Hypothesen daraufhin untersucht werden, ob sie auch auf einem anderen Längengrad zu wiederholen sind. Diese Strukturen haben der deutschen medizinischen Wissenschaft in den USA den unattraktiven, jedoch präzisen Titel „confirmatory science“ eingebracht.
Bei der Personalstruktur an klinischen und nichtklinischen Forschungseinrichtungen sind notwendige Anpassungsprozesse versäumt worden. Die durchschnittliche Vertragszeit eines Assistenzarztes an einer Universitätsklinik beträgt in Deutschland weniger als zwei Jahre. In dieser Zeitspanne können, vor allem angesichts der primären klinischen Verpflichtungen, keine ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Ansätze entwickelt, geschweige denn Erfolge erzielt werden. Vertragsverlängerungen wurden bis vor kurzer Zeit in der Regel erst wenige Tage vor Vertragsablauf thematisiert und damit personalpolitisch instrumentalisiert; durch den selbst verschuldeten Mangel an Assistenzärzten verlagert sich diese Problematik zurzeit. Angesichts der exponentiell gewachsenen Routineanforderungen im klinischen Alltag kann dies jedoch keinesfalls als forschungsfreundliche Anpassung verstanden werden.
Ein ausschließlich wissenschaftlich tätiger, aus naheliegenden Gründen häufig unverheirateter Assistenzarzt verdient in der höchsten erreichbaren Gehaltsstufe nach BAT etwa 1 500 bis 2 000 Euro netto im Monat. Dieses Gehalt ist unabhängig von eingeworbenen Drittmitteln, wissenschaftlichem Erfolg oder formalen Meriten, wie der Habilitation oder der Juniorprofessur. Die Einkommensstruktur von Wissenschaftlern in Deutschland muss als unverhohlene Aufforderung zur Auswanderung verstanden werden.
Reibungsverluste der Bürokratie
Die massive Abwanderung von deutschen Wissenschaftlern in die USA – und in der Medizin auch nach Großbritannien – wird nachvollziehbar, wenn man die deutsche Situation typischen Angeboten angloamerikanischer Universitäten gegenüberstellt. Ein solches Angebot umfasst in den USA in der Regel eine Position als assistant oder associate professor (tenure track, das heißt mit Aussicht auf eine unbefristete Einstellung nach einmaliger, externer Evaluation) mit einer unabhängigen Position, Forschungsgeldern von etwa 500 000 bis 1 000 000 US-Dollar, einem monatlichen Einkommen in Höhe von 5 000 bis 8 000 US-Dollar netto im Monat, sowie der Zusage, nach einer einmaligen Evaluierung in eine dauerhafte Anstellung (tenure, full professor, das heißt unbefristete Einstellung) übernommen zu werden. Die Personalstruktur in Deutschland macht ein international kompetitives medizinisches Forschungsklima unmöglich. Verschärfend kommt hinzu, dass das Wissenschaftsmanagement an Universitätskliniken meist beim Klinik- oder Abteilungsdirektor liegt, der klinischen und verwaltungstechnischen Gesichtspunkten den Vorrang geben wird und muss, wohingegen die wissenschaftliche Expertise naturgemäß vor allem bei jungen Forschern liegt, die nach einem Forschungsaufenthalt in einem zumeist angloamerikanischen Spitzenlabor nach Deutschland zurückzukehren versuchen.
Forschung nicht nur am Feierabend: Die Autoren fordern die Trennung von Krankenversorgung, Lehre und Forschung.
Forschung nicht nur am Feierabend: Die Autoren fordern die Trennung von Krankenversorgung, Lehre und Forschung.
Die Verwaltungsstrukturen in den Wissenschaftseinrichtungen führen zu dem unerträglichen Zustand, dass mindestens 50 Prozent der Arbeitsleistung eines jungen Wissenschaftlers täglich in Reibungsverlusten der Bürokratie verloren gehen. Eine Laufbahn in der medizinischen Forschung muss als Hochrisikoinvestment verstanden werden. Nach jahrzehntelangem Kampf um das berufliche Überleben bei relativ geringem Gehalt und fehlenden Forschungsmitteln droht das finanzielle und berufliche Ende in einem Alter, in dem oft bereits Verantwortung für eine Familie übernommen wurde und es für eine Umorientierung bereits zu spät ist.
Fehlende Trennung von Forschung, Krankenversorgung und Lehre, antiquierte Hierarchien, über Jahrzehnte unklare Perspektiven, veraltete Weiterbildungsstrukturen, insuffiziente staatliche Forschungsförderung, allenfalls marginale private Forschungsförderung, das international nicht konkurrenzfähige Einkommensniveau und wenig dynamische Strukturen innerhalb der Krankenhausverwaltungen – die Forschungsbedingungen in Deutschland sind miserabel. Dass dies nicht nur von einigen wenigen als Sackgasse empfunden wird, zeigt die Tatsache, dass Deutschland aufgrund der Missstände für Gastwissenschaftler wissenschaftlich und finanziell definitiv unattraktiv ist. Postdoktoranden-Stipendiaten aus den USA oder aus Großbritannien gibt es nicht, Gastwissenschaftler aus dem übrigen Europa oder Asien sind selten.
Was sich ändern muss
Viele Detailfragen sind in den vergangenen Jahren diskutiert, dokumentiert – und anschließend nicht beantwortet worden. Die folgenden Vorschläge würden die Möglichkeit eröffnen, die medizinische Forschung mittelfristig auf ein wettbewerbsfähiges Niveau anzuheben:
Für erfolgreiche, junge Forscher sollten unbürokratisch unabhängige Arbeitsgruppen mit international kompetitiver finanzieller und personeller Ausstattung eingerichtet werden. Die Etats staatlicher Forschungsförderungsprogramme und Forschungsmittel sind unverzüglich zu vervielfachen. Zwei Drittel aller verfügbaren Mittel sollten in Antragsverfahren vergeben werden, wohingegen ein Drittel nach Publikationen und (persönlichem!) citation index vergeben werden sollte. Letzteres bedeutet, dass die wissenschaftlich Aktivsten und Besten von der Antragslast befreit werden und zum Beispiel für fünf bis sieben Jahre Top-level-Förderung erhalten.
Notwendig ist ein adäquates und bezüglich US-amerikanischen Angeboten kompetitives Einkommen für junge Forscher, einschließlich eines Bonussystems für eingeworbene Drittmittel – wie an der Universität Bonn praktiziert.
Zielführend wäre auch die Einführung des Tenure-track-Modells mit Mehrjahresvertrag und gegebenenfalls nachfolgender Lebensstelle nach einer objektivierbaren, das heißt externen Evaluierung bei eingeschränktem Mitspracherecht der lokalen Fakultät. Parallel zur Einführung des Tenure-track-Modells sollten die auf Lebenszeit berufenen Funktionen (als Arbeitsgruppenleiter, Direktor, Lehrstuhlinhaber) abgeschafft werden. So erhalten dauerhaft angestellte beziehungsweise beamtete Wissenschaftler über tenure ihre individuelle Stelle oder eine vom Einkommen her äquivalente Position, unterliegen jedoch einer regelmäßigen externen Evaluierung, die bei einer wiederholt negativen Beurteilung zur stufenweisen Reduzierung der institutionellen Sach- und Personalmittel führen würde. Dies wird in Baden-Württemberg bereits teilweise praktiziert.
Wichtig ist auch die prinzipielle oder zumindest organisatorische Trennung von Krankenversorgung, Lehre und Forschung. Darüber hinaus ist es notwendig, die klinischen Hierarchien zumindest ab Facharztebene abzuflachen – einschließlich der Bereiche Forschungsmittelverteilung und -verwaltung, klinischer und organisatorischer Verpflichtungen, Nutzung von Infrastruktur (Laborräumen, Sekretariaten, Reisemitteln).
Der Mittelbau an deutschen Universitätskliniken muss als Teilkonzept einer verflachten horizontalen Hierarchie (consultant system) reetabliert werden. Dazu zählt die Schaffung von langfristig attraktiven Stellen für Naturwissenschaftler auch im Forschungsbereich klinischer Fächer an den medizinischen Fakultäten. Um die Routinetätigkeit je Mitarbeiter zu reduzieren und so Freiräume für signifikante Forschungstätigkeit zu schaffen, ist eine deutliche Aufstockung der universitär-klinischen Stellenpläne notwendig. Die ärztliche Tätigkeit muss auf ihre eigentlichen Aufgaben zurückgeführt werden. Das Vervollständigen von Formularen, die Dokumentation zum Beispiel von ICDs und DRGs sind überwiegend Verwaltungstätigkeiten. Hinzuzufügen ist, dass sowohl in Großbritannien als auch in den USA Routinetätigkeiten wie Blutentnahmen ebenfalls nicht als ärztliche Tätigkeiten angesehen werden.
Sinnvoll wäre auch eine weitere Steuerbegünstigung für jegliche private Wissenschaftsförderung. Zudem sollte das Erbschaftsrecht insofern geändert werden, als Erbschaften in dem Sinne progressiv besteuert werden, dass ein Anreiz entsteht, erhebliche Summen steuerbegünstigt in gemeinnützige Stiftungen zu konvertieren, um somit die Erbmasse zu reduzieren (US-amerikanisches Modell).


zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 1916–1919 [Heft 28–29]

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Michael Ristow
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Abteilung Klinische Ernährung
Arthur-Scheunert-Allee 114
14558 Bergholz-Rehbrücke
Internet: www.mristow.org

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