ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003Kritik am Forschungsstandort: „Es nützt nichts, endlos zu lamentieren“

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Kritik am Forschungsstandort: „Es nützt nichts, endlos zu lamentieren“

Dtsch Arztebl 2003; 100(28-29): A-1920 / B-1594 / C-1502

Flintrop, Jens

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Fotos: Eberhard Hahne
Fotos: Eberhard Hahne
INTERVIEW

Der Bonner Stammzellforscher Prof. Dr. Oliver Brüstle plädiert für mehr Optimismus.

DÄ: Herr Prof. Dr. Brüstle, viele Nachwuchsforscher in der Medizin verlassen Deutschland, um im Ausland ihr Glück zu suchen. Dort seien die Rahmenbedingungen besser. Warum sind Sie in Deutschland geblieben?
Brüstle: Auch ich stand damals nach vier Jahren in den USA vor der schwierigen Entscheidung, dort zu bleiben oder zurückzukehren. Bei mir haben familiäre Gründe eine Rolle gespielt, aber auch der Wunsch, das Gebiet der Stammzellforschung in Deutschland mit aufzubauen. Ich sah darin eine sehr große Chance. Mir ist bewusst, dass die Situation hierzulande restriktiver ist als in den USA und auch in vielen anderen europäischen Ländern, bin aber auch der felsenfesten Überzeugung, dass sich dies ändern wird. Ich empfinde das als Herausforderung, was bereits damals mit ein Grund für meine Rückkehr war.

DÄ: Skizzieren Sie doch einmal kurz, wodurch sich die Forschungsbedingungen in den USA unterscheiden.
Brüstle: Was die biomedizinische Forschung anbelangt, gelingt es hierzulande oft nur bedingt, klinische Tätigkeit und Wissenschaft miteinander in Einklang zu bringen. Das ist in den USA wesentlich besser gelöst. Dort bestehen meist feste Pläne, die es jungen Medizinern ermöglichen, sowohl eine fundierte klinische Ausbildung zu absolvieren, als auch genügend Freiraum für die Wissenschaft zu haben. Das ist für medizinische Forschung eine ganz wichtige Voraussetzung. Die Situation in Deutschland wird verschärft durch die prekäre finanzielle Lage, in der sich viele Universitäten befinden. Vielerorts muss Personal eingespart werden. Oft steht kaum genügend Personal zur Verfügung, um die Krankenversorgung aufrechtzuerhalten.

„Hierzulande gelingt es oft nur bedingt, klinische Tätigkeit und Wissenschaft miteinander in Einklang zu bringen.“
„Hierzulande gelingt es oft nur bedingt, klinische Tätigkeit und Wissenschaft miteinander in Einklang zu bringen.“
DÄ: Sie sagen, mancherorts ist es kaum möglich, die Krankenversorgung aufrechtzuerhalten. Findet Forschung dann am Feierabend beziehungsweise am Wochenende statt? Nimmt die Wissenschaft also nur eine nachgeordnete Stellung ein?
Brüstle: Dies hängt sehr stark von den Disziplinen und auch von den einzelnen Häusern ab; natürlich auch von der Einstellung des jeweiligen Klinikchefs. Es gibt durchaus Häuser mit etablierten Rotationsverfahren, sodass klinisch tätige Kollegen über gewisse Zeiträume freigestellt werden. Dies ist aber nach wie vor die Ausnahme und kommt viel zu kurz. Gerade in Forschungsgebieten mit therapeutischer Ausrichtung wie der Stammzellforschung ist es absolut zwingend, dass Grundlagenwissenschaft und klinische Forschung Hand in Hand arbeiten.

DÄ: In Deutschland fließen die öffentlichen Forschungsgelder deutlich zäher als in den USA. Auch die Finanzierung durch private Stiftungen ist weniger verbreitet. Wie finanziert sich Ihr Institut?
Brüstle: Wir finanzieren uns einerseits über traditionelle Strukturen. Neben einer großzügigen Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen haben wir eine intensive Drittmitteleinwerbung. Wir haben mehrere Projekte, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt werden, andere finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Auch die Förderung über das Forschungsrahmenprogramm der EU spielt eine wichtige Rolle.
Darüber hinaus bemühen wir uns, Stiftungen für unsere Forschungsarbeiten zu gewinnen. Das ist ein Gebiet, das in den USA wesentlich weiter entwickelt ist als bei uns. Dort gibt es sehr viel mehr Privatinitiativen und Stiftungen, die die akademische Forschung unterstützen. Auch hierzulande wird diese Form der Forschungsförderung immer wichtiger. Sie erlaubt es insbesondere, rasch neue Gebiete an den Universitäten zu etablieren. Ein Beispiel hierfür ist die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die auf dem Gebiet der Neurowissenschaften in Deutschland eine führende Rolle spielt.
Uns ist es gelungen, die Hertie-Stiftung für die Förderung unseres Institutes zu gewinnen. Mit ihrer Hilfe gelang es, den bundesweit ersten Stiftungslehrstuhl für Rekonstruktive Neurobiologie einzurichten. Inzwischen haben wir ähnliche Initiativen mit weiteren Stiftern auch in anderen Bereichen des Neurozentrums der Universität Bonn angeschoben. In Zeiten, in denen die Drittmittel über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und das Bundesministerium für Bildung (BMBF) und Forschung immer knapper werden, gewinnen Stiftungen zunehmend an Bedeutung.

„Ein Teil der Mittel wird nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern leistungsbezogen vergeben.“
„Ein Teil der Mittel wird nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern leistungsbezogen vergeben.“
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DÄ: Wie sieht es mit Forschungsgeldern aus der Industrie aus?
Brüstle: Bislang beziehen wir keine Fördermittel aus der Industrie. Das hängt damit zusammen, dass unsere Forschung bislang sehr stark grundlagenorientiert war. Doch auch hier ist ein Umdenken erforderlich. Durch die Trennung von akademischer Forschung und Wirtschaft bleiben viele interessante Entwicklungen in der Universität stecken. Eine sinnvolle Interaktion könnte beiden Seiten helfen. Bei knapper werdenden öffentlichen Ressourcen werden alternative Finanzierungsquellen für die Universitäten immer wichtiger.
Auf der anderen Seite ermöglicht der Zugriff auf die akademische Forschung dem privaten Sektor eine raschere Produktentwicklung. Für solche Interaktionen fehlen vielfach noch die Strukturen. Hier in Bonn haben wir mit Gründung der Life & Brain GmbH eine solche Struktur geschaffen. Bei dieser Biotechnologie-Plattform werden akademische Forschung und Produktentwicklung unter einem Dach stattfinden. Insbesondere in anwendungsorientierten Forschungsgebieten
lässt sich absehen, dass die Finanzierung der sehr teuren Geräte und Verfahren für die Universitäten bald nur noch durch eine solche Interaktion mit dem privaten Sektor leistbar ist. Gelingt dies nicht, könnte die akademische Forschung mittelfristig an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

DÄ: An den Bedingungen in Deutschland wird auch kritisiert, dass es für Forscher zu wenig Leistungsanreize gibt. Die Universität Bonn hat 1995 ein Prämiensystem für die Einwerbung von Drittmitteln eingeführt. Wie funktioniert das?
„Wer eine wirklich gute Idee hat, dem wird es auch weiterhin gelingen, seine Projekte zu finanzieren.“
„Wer eine wirklich gute Idee hat, dem wird es auch weiterhin gelingen, seine Projekte zu finanzieren.“
Brüstle: Derartige universitätsinterne Förderinstrumente sind inzwischen an vielen deutschen Universitäten etabliert. Sie entspringen dem Gedanken, zumindest einen Teil der verfügbaren Mittel nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern leistungsbezogen zu vergeben und so insbesondere jüngeren Wissenschaftlern die ersten Schritte in die Selbstständigkeit zu erleichtern.
In Bonn wurde hierfür unter Federführung meines Kollegen Prof. Dr. Otmar Wiestler das BONFOR-Programm etabliert. Dieses funktioniert nach demselben Prinzip wie die großen Förderinstitutionen und konzentriert sich unter anderem auf die Nachwuchsförderung. Es beinhaltet verschiedene Förderinstrumente, wie Stipendienprogramme und projektbezogene Anschubfinanzierungen von bis zu zwei Jahren. Es müssen Anträge formuliert werden, die dann einem unabhängigen Gutachtergremium vorgelegt werden. Dabei ist die Einbindung externer Gutachter obligatorisch. Dieses Programm ist besonders für junge Wissenschaftler interessant, die gute Ideen entwickelt haben, denen aber die Vorarbeiten zur Einwerbung eines großen DFG- oder BMBF-Projektes noch fehlen. Intramural können solche Vorarbeiten oft nicht finanziert werden. Genau diese Kluft will das Programm überbrücken. So ist denn auch ein wesentliches Kriterium der Begutachtung die Wahrscheinlichkeit einer extramuralen Anschlussförderung.
Daneben beinhaltet das BONFOR-Programm auch den so genannten Drittmittelbonus. Für jedes über öffentliche Förderinstitutionen eingeworbene Drittmittelprojekt erhält der einzelne Wissenschaftler einen Bonus, der je nach Förderinstitution zwischen fünf und zehn Prozent der Gesamtfördersumme beträgt. Bei den immer knapper kalkulierten Bewilligungen der großen öffentlichen Förderprogramme ist dieser Bonus eine wertvolle und oft essenzielle Ergänzung für die Projektfinanzierung.

DÄ: Hat das BONFOR-Programm die Attraktivität der Bonner Universität erhöht? Konnte auch das Interesse ausländischer Wissenschaftler geweckt werden?
Brüstle: Das ist ohne Zweifel der Fall. Insbesondere für Rückkehrer aus dem Ausland ist dieses Instrument sehr wertvoll. Die kurzen Vorlaufzeiten ermöglichen eine reibungslose Fortführung der Projekte vor Ort. So wird ein Einbruch der Forschungsaktivität verhindert. Während der Zeit, in der größere extramurale Drittmittelprojekte vorbereitet werden, können die Arbeiten aus diesem Topf finanziert werden. Ich selbst habe nach meiner Rückkehr aus den USA für ein Jahr diese Fördermittel in Anspruch genommen und sie als sehr wirksame und effiziente Hilfe beim Aufbau einer neuen Arbeitsgruppe empfunden. In den letzten Jahren haben hier in Bonn zahlreiche Rückkehrer – überwiegend aus den USA – über dieses Programm Fuß gefasst.

DÄ: Aus Ihren Ausführungen ist herauszuhören, dass Sie mit den Bedingungen hier in Bonn, die Sie selber ja auch mit aufgebaut haben, doch recht zufrieden sind. Bleiben Sie demnach dem deutschen Standort erhalten?
Brüstle: Nun, nichts ist für ewig, aber im Moment sehe ich hier in Bonn große Herausforderungen und Chancen. Neben dem weiteren Ausbau der Stammzellforschung zählt hierzu auch das Life & Brain-Projekt, bei dem es letzten Endes darum geht, die traditionelle Denkweise universitärer Forschung anwendungsorientierter zu gestalten. Uns ist es vielfach noch nicht gelungen, die Früchte der akademischen Forschung so effizient zu nutzen, wie dies beispielsweise in den USA gemacht wird.

DÄ: Was muss sich sonst noch ändern?
Brüstle: Wie in der Wirtschaft hängt auch in der akademischen Forschung die Dynamik nicht nur von den finanziellen Grundlagen, sondern auch von Stimmungen ab. Es nützt nichts, endlos zu lamentieren. Wer eine wirklich gute Idee hat, dem wird es auch weiterhin gelingen, seine Projekte zu finanzieren. Was jetzt gefragt ist, sind Vertrauen in die Zukunft, verbunden mit wieder mehr Technologiefreundlichkeit und – was den Forschungsstandort Deutschland anbelangt – mehr Selbstbewusstsein.
DÄ-Fragen: Jens Flintrop

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