ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003Gesundheits-Websites: Mehr Qualität und Transparenz

THEMEN DER ZEIT

Gesundheits-Websites: Mehr Qualität und Transparenz

Dtsch Arztebl 2003; 100(28-29): A-1922 / B-1596 / C-1504

Krüger-Brand, Heike E.

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Der Klick auf das afgis-Logo auf der Website www.medicineworldwide. de liefert Informationen zum Anbieter und zum Inhalt des Angebots.
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Das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem
(afgis) hat Ergebnisse zur Qualitätssicherung von
Gesundheitsinformationen im Internet vorgestellt.

Für medizinische Laien ist es nahezu unmöglich zu prüfen, ob ein Informationsangebot im Internet seriös und aktuell ist, ob es sich um neutrale Gesundheitsangebote handelt und wie die Kompetenz des Anbieters zu beurteilen ist. Informationen zum Bereich Gesundheit müssen gleichzeitig aber besonders hohen Qualitätskriterien entsprechen. „Mehr Sicherheit durch mehr Qualität im Internet“ sei daher notwendig, forderte Dr. Volker Grigutsch, Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) beim afgis-Kongress in Berlin. Mit dem Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (Textkasten 1) sei eine gute Grundlage geschaffen worden, Chancen und Risiken von Gesundheitsinformationen zu bewerten und das Informationsangebot für den Verbraucher überschaubarer zu machen. Auf dem Kongress wurden verschiedene Aspekte und Verfahren der Qualitätssicherung von Gesundheitsinformationen im Netz diskutiert.
Gestiegenes Informationsbedürfnis
Fast 90 Prozent der US-Amerikaner mit Internet-Anschluss nutzen das Netz, um Gesundheitsinformationen abzurufen, betonte Dr. Michael Scholtz, WHO, Genf. Nach Pornographie liegt das Thema „Gesundheit“ auf Platz 2 der Beliebtheitsskala. Auf das gestiegene Informationsbedürfnis von Patienten verwies auch Jens Härtel, BertelsmannSpringer Medizin Online, Berlin (www.bsmo.de; BSMO betreibt das Gesundheitsportal „Lifeline“ und das ärztliche Fachportal „Multimedica“). Gründe hierfür sind neuen Untersuchungen zufolge unter anderem das gestiegene Bildungsniveau, das wachsende Angebot an leicht zugänglichen Informationsquellen, die mangelnde Zeit des Arztes für das Gespräch mit dem Patienten, die stärker geforderte Eigenverantwortlichkeit des Patienten, Unzufriedenheit über ausbleibende Behandlungserfolge und gestiegene Zuzahlungen. Die Nutzer von Lifeline sind nach Härtel zu 75 Prozent Frauen (die „Gesundheitsmanager der Familie“), durchschnittlich 38 Jahre alt, gut gebildet, und sie verfügen über ein durchschnittliches bis überdurchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen.
Nach Meinung der Experten hat das Internet das Arzt-Patient-Verhältnis bereits verändert. Der Arzt wird stärker mit Wissen und Halbwissen seiner Patienten konfrontiert und ist daher auch künftig stärker gefordert, seine Patienten bei der Auswahl und Bewertung zu beraten. Dies entspricht den Ergebnissen einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts TNS-Emnid im Januar 2003: Danach haben 25 Prozent der Befragten das Internet vor/nach einem Arztbesuch genutzt, um sich über ihre Krankheit zu informieren, und 53 Prozent können sich vorstellen, dies vor/nach dem nächsten Arztbesuch zu tun.
Die Frage sei, so Scholtz, wie man zu einer ausgewogenen Balance zwischen Informationsfreiheit und Informationsreglementierung gelangen kann. Beispiel SARS: Unseriöse Angebote zur Verhütung und Behandlung der Lungenkrankheit, häufig mit kommerziellem Hintergrund, seien neben seriösen Informationen zu finden gewesen. Gleichzeitig habe das Internet wesentlich dazu beigetragen, dass Wissenschaftler, Politiker und Mitarbeiter im Gesundheitswesen ihre Erfahrungen und Erkenntnisse schneller austauschen und die Krankheit relativ rasch beherrschen konnten. Um Missbrauch zu verhindern oder einzudämmen, gibt es inzwischen eine Vielzahl von (nicht zwingend vorgeschriebenen) Richtlinien und Qualitäts-Kodizes, die für den Verbraucher nicht überschaubar sind (Textkasten 2). Solange es sich finanziell lohne, so Scholtz, werden Betrügereien im Web stattfinden. Ein Anreiz, Qualität im Internet zu bieten, fehle, ebenso wie ein internationaler Qualitätsstandard. Was in dem einen Land erlaubt ist, sei zudem im anderen verboten.
Die Qualitätsprüfung einer Gesundheits-Website kann außerdem teuer sein. So kostet das Zertifizierungsverfahren der URAC (American Accreditation Healthcare Commission) in den USA zwischen 3 000 und
8 000 US-Dollar. Dies können sich in der Regel nur kommerzielle Unternehmen leisten.
Noch immer will der Verbraucher darüber hinaus für Gesundheitsinformation im Internet nicht bezahlen, sondern sucht zunächst kostenfreie Angebote auf, berichtete Härtel. Als Geschäftsmodelle für Unternehmen, die Gesundheitsinformationen seriös und kostendeckend anbieten wollen, bleiben daher nur kostenpflichtige Abos, Anzeigen der Industrie (Werbebanner), die Lizenzierung eigener Inhalte zum Beispiel an pharmazeutische Unternehmen oder Krankenkassen sowie Neuschaffung/ Verkauf von Inhalten.
Dr. Stefan Egleton, Bundesverband Verbraucherzentralen e.V., Berlin, hob den Begriff der Glaubwürdigkeit als eine Bedingung für die Qualität von Gesundheitsinformationen hervor. Kriterien hierfür seien die Zuverlässigkeit der Inhalte, die Unabhängigkeit der Information und der Institutionen, die Transparenz der Quellen, der Geldgeber und der Sponsoren, die Verständlichkeit der Darstellung und die Zugänglichkeit für möglichst alle Nutzer (Kosten- und Barrierefreiheit).
In der Realität werden diese Aspekte häufig nicht beachtet. Eine im November 2002 veröffentlichte Studie von Consumers International („Credibility on the web“, www.consumersinternational.
org), der internationalen Dachorganisation von 250 Verbraucherorganisationen in 115 Ländern, hat die Qualität von Informationen im Internet untersucht. Die Studie befasste sich mit 460 Angeboten aus den Bereichen Gesundheit, Finanzdienstleistungen und Shopping. Unter den 142 untersuchten gesundheitsbezogenen Websites waren elf deutschsprachige Angebote. Das Ergebnis der Untersuchung: Viele Website-Betreiber, auch im Gesundheitsbereich, sind „blutige Anfänger“. Sie bieten den Nutzern häufig nicht genug Informationen, damit diese die Angebote richtig einschätzen können, und betreiben keine offene Informationspolitik. So gaben nur zwei Drittel der Gesundheits-Sites eine „Real-Life“-Adresse an, 42 Prozent stellten eine Kundenkontaktadresse zur Verfügung, nur 39 Prozent boten beide Angaben. Bei 35 Prozent jedoch fehlten diese Angaben völlig.
Im Hinblick auf die inhaltliche Qualität schnitten Gesundheits-Sites zwar besser ab als E-Shopping-Angebote und Seiten zu Finanzdienstleistungen, trotzdem enthielten auch sie erhebliche Mängel. Beispiel Aktualität: 57 Prozent der Gesundheits-Sites informierten über das letzte Update und den Zeitpunkt der letzen Aktualisierung des Inhalts (gegenüber 32 Prozent der Finanzdienstleistungs-Sites). Nur 38 Prozent gaben jedoch Auskunft über die Aktualität bestimmter Informationen. Eine Angabe zum zeitlichen Abstand der Aktualisierungen machten nur neun Prozent der E-Health-Angebote. Immerhin 65 Prozent der Gesundheits-Sites enthielten Angaben zur Quelle der Inhalte – ein deutlich besseres Ergebnis als bei Finanzdienstleistungs- (17 Prozent) und Shopping-Sites (sieben Prozent). Ebenfalls bedenklich: Ein Viertel der Sites sammelt ohne Erfordernis Kundendaten, und 63 Prozent erfragen gesundheitsbezogene Daten ohne Hinweise auf die zugrunde liegende Datenschutz-Policy.
Lösungsansätze
Die vom Aktionsforum erarbeitete Transparenzdatenbank ist eine Umsetzung der bereits Ende 2001 erarbeiteten Transparenzkriterien. Diese sollen Anbieter von Gesundheitsinformationen beim Qualitätsmanagement und bei der Qualitätsprüfung unterstützen. Dabei machen die afgis-Kooperationsparter über ein integriertes Logo auf ihren Websites („Partner im afgis-Modell – Transparenz von Gesundheitsinformation“) aussagekräftige Angaben zur Organisation und zum Informationsangebot (siehe zum Beispiel: www.medicine-worldwi de.de; Abbildung). Mit einem Mausklick auf das Logo erscheint ein neues Browser-Fenster, in dem die Angaben zum Anbieter und dessen Angebot strukturiert abrufbar sind.
In Kürze will das afgis-Projekt außerdem Kriterien zur Vermittlungsqualität von Gesundheitsinformationen beschließen. Hierzu gehören Aspekte wie die Barrierefreiheit, Didaktik und Nutzerfreundlichkeit eines Angebots. Darüber hinaus sind Arbeitsgruppen zu technischen und (datenschutz) rechtlichen Fragen eingerichtet.
Einen anderen Ansatz verfolgt beispielsweise das „Discern“-Projekt, ursprünglich eine Initiative des National Health Service, London, die in Deutschland das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ; www.patienten-information.de), Köln, umsetzt. Dabei geht es um eine patientenseitige Bewertung von Websites: Der medizinische Laie überprüft selbst anhand einer vorgegebenen Checkliste die medizinischen Informationen. Heike E. Krüger-Brand

Textkasten 1
Hintergrund afgis
Das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (www.afgis.de) wurde 1999 vom damaligen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium initiiert. Es sollte Qualitätskriterien für Gesundheitsinformationen für die neuen Medien entwickeln und erproben. Inzwischen haben sich rund 170 Kooperationspartner aus allen Bereichen des Gesundheitswesens zusammengeschlossen, die sich am Aufbau eines Qualitäts- und Qualifizierungsnetzwerks von Gesundheitsinformationen im Internet beteiligen.
afgis soll kein weiterer Anbieter eines Gütesiegels werden, sondern ist als Forum für die Anbieter von Gesundheitsinformationen konzipiert, die sich freiwillig auf die Einhaltung bestimmter Qualitätskriterien verpflichten. Über Hintergrundinformationen zum aufgerufenen Internet-Angebot unterstützen sie die Bewertung des Angebots durch den Verbraucher und machen es für diesen transparent. Die entwickelten Qualitätsstandards sind auch in die Diskussion der EU zur Ausarbeitung von Qualitätskriterien für Gesundheits-Websites eingeflossen (eEurope 2002/2005). Weil Ende 2003 die BMGS-Förderung ausläuft, wird das Projekt als selbstständige und eigenfinanzierte Organisation in Form eines eingetragenen Vereins afgis e.V. weitergeführt.


Textkasten 2
Links (Auswahl) zu Qualitätssicherung von Gesundheits-Sites
l Initiative Health on the net (HON, www.hon.ch)
l TNO Prevention and Health (www.health. tno.nl)
l MedCIRCLE (www.medcircle.info)
l Organizing Medical Networked Information (OMNI; http://omni.ac.uk)
l American Accreditation HealthCare Commission (www.urac.org)
l Hi-ethics (www.hiethics.com)
l Internet Healthcare Coalition (www.ihealthcoalition.org)
l eHealth Initiative (www.ehealthinitiative.org)
l American Medical Association (www.ama-assn.org)
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