ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003Osteoporose: Wenn Ortsunkundige den Weg zeigen
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LNSLNS . . . Ökonomen nehmen zusehends Einfluss auf die Ausgestaltung der Gesundheitspolitik. Es wird Zeit, dass Ärzte dies wieder selbst in die Hand nehmen.
Das Patientenbeispiel:
- Eine 65-jährige Patientin leidet an Rückenschmerzen. Der Hausarzt jedoch denkt nicht an Osteoporose und veranlasst keine Knochendichtemessung. Richtig! Denn die Osteoporose führt nur sehr selten (bei Frakturen und bei sehr fortgeschrittenen Fällen) zu Rückenschmerzen, diese sind unspezifisch. Der erste Schritt wäre eine Anamnese inkl. Risikoevaluation zur Osteoporose (z. B. 31 Fragen in Markus J. Seibel: „Evaluation des osteoporotischen Frakturrisikos“, DÄ, Heft 25/2001) mit körperlicher Untersuchung und gegebenenfalls eine Röntgenuntersuchung der WS, denn eine stattgehabte Fraktur ist der größte Risikofaktor für weitere Osteoporosefrakturen.
! Da wird dann vom Apotheker wegen Rückenschmerzen jedoch eine Knochen-Ultraschallmessung durchgeführt und gleich noch die Diagnose mitgeteilt: Osteoporose! Unsinn! Diesen gedanklichen Kurzschluss versucht man seit Jahren auszutreiben. Nun steht er da wieder im Ärzteblatt! Der gemessene Ultraschallparameter weist auf Strukturdefekte oder auf reduzierten Mineralsalzgehalt hin! Hier ist die Fülle der Lehrbuchdiagnosen von der Immobilisation, Osteomalazie, den sekundären Formen bis hin zum Plasmozytom oder Tumormetastasen möglich. Die Osteoporose (gemeint ist wohl die idiopathische, postmenopausale) ist eine Ausschlussdiagnose. Ultraschall, Röntgenabsorptions- oder CT-Verfahren sind nicht alleine diagnostisch als Screeningmethoden für Osteoporose geeignet! Ihre Wertigkeit haben sie als Kofaktor bei Risikopatienten! Blindes Screening ist unökonomisch, auch wenn dies der Patient dem Apotheker bezahlt, und führt zu unsinnigen Folgekosten für die Solidargemeinschaft!
! Vom verspäteten Einsatz eines schlechten Diagnoseverfahrens wird auf eine reduzierte Lebensqualität geschlossen. Hanebüchen! Wahrscheinlich leidet die Patientin an einer degenerativen Wirbelsäulenerkrankung oder einer somatoformen Schmerzstörung, denn das sind die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen. Die Osteopenie ist dann möglicherweise Folge von Bewegungsmangel und gar nicht Ursache der Beschwerden!
! Der Einsatz wirksamer Medikamente wird indirekt gefordert! Über deren ungenutztes präventives Potenzial wird schwadroniert, ohne auch nur ein Wort über Sturzursachen und Bewegungsprogramme zu verlieren – wohingegen diese wirksamen Medikamente namentlich aufgezählt werden. Hier spricht der Ökonom der Ökonomie das Wort.
Wir Ärzte werden mit Luftblasen wie Evidence Based Medicine, Case finding und Qualitätswettbewerb eingeseift. Qualität ist Anamnesearbeit an jedem einzelnen Patienten (Medikamente durchgehen, Regelblutung erfragen von wann bis wann, Stoffwechselkrankheiten und vieles mehr). Das kostet Kenntnis und Zeit – Untersuchung, Diskussion und Lebensberatung ebenso.
Wer sich fachfremd so unbedarft äußert, darf sich nicht wundern, wenn wir Fachärzte zornig werden. Ich wünsche uns mehr Wut und Selbstvertrauen, damit wir mehr Gesundheitspolitik selbst in Angriff nehmen.
Dr. med. U. R. Käßer, Gemeinschaftspraxis Balserisches Stift, Friedrichstraße 21, 35392 Gießen
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