ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003Osteoporose: DMP provozieren Ausweichstrategien
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LNSLNS . . . Die Autoren haben völlig Recht, Diagnostik, Betreuung und Behandlung von Osteoporose-Patienten ist insuffizient. Allerdings nicht nur in Deutschland. Und alles andere an diesem Artikel ist leider falsch:
! Osteoporose betrifft zwar mehrheitlich Frauen, der Anteil der Männer ist aber keineswegs vernachlässigbar. Die berufspolitische Vereinnahmung dieser Erkrankung durch die Gynäkologen verfälscht die Statistik. Der Begriff „Frauenkrankheit“ ist nicht akzeptabel.
! Vorbeugung ist ein ganz wesentlicher Bestandteil des Managements zum Thema Osteoporose. Da die Knochenfestigkeit sich aber in sehr langfristigen Prozessen verändert, kommt eine Prophylaxe bei bereits bestehender Reduzierung der Knochendichte zu spät. Die Weichen zu dieser Erkrankung werden in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter gestellt. Gegen insuffizienten Schulsport, rauchende Lehrer oder fehlende Aufklärung über richtige Ernährung ist das Gesundheitssystem machtlos, und auch gar nicht zuständig. Gesellschaftliche Defizite können ganz allgemein durch DMP nicht aufgefangen werden. Berufsgruppen ohne ärztliche Erfahrungen haben mit dieser Erkenntnis offensichtlich ihre Probleme (siehe auch das aktuelle Positionspapier der CDU zur Gesundheitspolitik; „Vorbeugung“ wird an erster Stelle der Wichtigkeit gesehen, was richtig ist, aber nur wenig mit dem Gesundheitssystem zu tun hat). Der daraus folgende Aberglaube blockiert jede Gesundheitsreform an der Wurzel.
! Bei bereits bestehender manifester Osteoporose ist Behandlung zur Verminderung des Frakturrisikos unzweifelhaft erforderlich. Die Autoren sind aber mit den Fallstricken biologischer Statistik nicht vertraut: Die Reduzierung der Frakturrate in einem Studienkollektiv, über einen beschränkten Zeitraum, ist nicht auf die allgemeine Bevölkerung, bis zu deren Lebensende, zu übertragen. Die Annahme von 50 % Reduzierung der Frakturrate ist absurd und auch bei optimaler Therapie nicht annähernd zu erreichen. Auch andere Zahlen sind falsch: 17 Euro für eine Knochendichtemessung, wie das? Ein betriebswirtschaftlich kalkulierter Minimalsatz für die Ultraschalluntersuchung läge bei 25 bis 30 Euro. DEXA und QCT liegen noch wesentlich höher. Dass keine dieser Methoden zur Diagnosestellung allein ausreicht, wird nicht zur Kenntnis genommen. Die Diagnose der Osteoporose „in der Apotheke“ ist aberwitzig. Hier ist eine Synopsis vielfältiger Informationen erforderlich, die nur der qualifizierte Arzt erstellen kann. Vermeintlich einfache und objektiv messbare Daten als Stütze einer DMP-basierten Behandlung fallen dabei aber leider nicht an.
! Zu den Sterblichkeitsstatistiken: Die Summe ist immer 100 %. Eine nicht alterskorrelierte Statistik, die keinen Unterschied zwischen dem Tod oder Siechtum einer 55- oder einer 95-Jährigen macht, ist weitgehend wertlos. Eine gesundheitspolitische Argumentation, die sich auf solche Daten stützt, ebenfalls.
Als Schlussfolgerung ist nur einmal mehr festzustellen, dass so genannte DMP ziemlich elende Krückstöcke sind, die einen zweifellos teilweise vorhandenen Qualifikationsmangel der Ärzteschaft und vor allem die rapide zunehmende Demotivation des ganzen Berufsstandes nicht aufzufangen vermögen, sondern nur weitere Ausweichstrategien provozieren. Ein gegliedertes Gesundheitssystem mit qualifizierter und engagierter bevölkerungsnaher fachärztlicher Betreuung kann durch DMP nicht ersetzt werden. Ist eine solche Versorgung aber gegeben, sind sie überflüssig. Dritte Möglichkeit: Wir überlassen die medizinische Versorgung der Bevölkerung in Zukunft ganz den Volkswirtschaftlern und Diplom-Kaufleuten. Mithilfe der DMP sind diese
Berufe bestens qualifiziert, alle Probleme zu lösen. Sie haben sie dazu ja auch erfunden.
Dr. René Sebastian Bauer, Hochbrückenstraße 10, 80331 München
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