ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003Behandlungsfehler: Ohne Konsequenz

BRIEFE

Behandlungsfehler: Ohne Konsequenz

Dtsch Arztebl 2003; 100(28-29): A-1927 / B-1601 / C-1509

Scherer, Michael A.

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LNSLNS Die Forderung nach Offenheit und einem neuen Qualitätsbewusstsein im Umgang mit Behandlungsfehlern ist löblich, die allermeisten Bemühungen vonseiten der Kassenärztlichen Vereinigungen, des Staates oder einzelner Ärzte werden aber durch vier Hauptursachen konterkariert:
! Persönlichkeitsstruktur operativ tätiger Ärzte: Die meisten Kollegen tendieren dazu, Fehler im Verlauf des Behandlungsverfahrens in ihrer Bedeutung für den Heilungsverlauf herabzuspielen oder zu negieren. Die Erfahrung, dass ein Operateur bei der abendlichen Besprechung der Röntgenbilder einen Monolog darüber hält, was „suboptimal“ an der von ihm durchgeführten Versorgung ist, um damit einen Ausbildungserfolg für die Kollegen zu erzielen, wird eine eher seltene Erfahrung bleiben.
! Klinikstruktur: Selbst Klinik-interne Komplikations-Konferenzen arten – im Gegensatz zu entsprechend erfolgreich organisierten Veranstaltungen in den Vereinigten Staaten – zur „Publikumsbeschimpfung“ aus: Persönliche Unsicherheiten, Animositäten und Konkurrenzdenken setzten hier leider effektive Blöcke gegen die Errichtung einer „Fehlerkultur“. Gegen öffentliche Komplikations-Konferenzen bestehen stärkste Vorbehalte.
! Vergütungssysteme/Zukunftsangst: Seit Jahren wird in den Bundesländern teilweise mit großem Erfolg eine Kontrolle der Prozessqualität durchgeführt, die in sich einen erheblichen Eigenwert hat. Jedes benchmarking bleibt aber Schall und Rauch, wenn kein Instrument zur Verbesserung zur Verfügung steht: Die Kliniken, die erheblich schlechter als der gesetzte Level abschneiden, bekommen einen höflichen Brief (?!). Wer bezahlt die Kosten und die Manpower zur Fehleranalyse? Welches Druckmittel ist möglich und zulässig? Kommen wir eines Tages zur staatlich angeordneten Publikation von Komplikationsraten einzelner Kliniken?
! Datenstruktur: Den Versicherern und mehr noch den Rückversicherungsgesellschaften liegen Massen an Daten dazu vor, welche Komplikations-Diagnosen in welcher Häufigkeit – mit welcher merkantilen Konsequenz – eventuell sogar an welchen Kliniken vorkommen. Diese Daten können in den richtigen Händen eine Grundlage zur zielgerichteten und dann auch schneller zielführenden Konzentration auf häufige und teure, das Gesundheitssystem belastende Komplikationen und deren Beseitigung darstellen.
Abschließend noch eine Anmerkung zur Diskussion der Offenbarungspflicht: Das Bessere ist der Feind des Guten; bei einem guten, bereits vor dem Eintreten des Behandlungsfehlers bestehenden Arzt-Patienten-Verhältnis wird sich der Revisionseingriff unter der Offenbarung, dass kein optimales Ergebnis erzielt wurde und jetzt eine Verbesserung angestrebt wird, in aller Regel ohne konsekutive judikatorische Nachspiele durchführen lassen.
Prof. Dr. med. Michael A. Scherer, Abteilung für Unfallchirurgie, Chirurgische Klinik und Poliklinik der Technischen Universität, Ismaninger Straße 22, 81675 München
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