ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003Rekonstruktive und plastisch ästhetische Mammaoperationen: Relativierung wäre angebracht

MEDIZIN: Diskussion

Rekonstruktive und plastisch ästhetische Mammaoperationen: Relativierung wäre angebracht

Dtsch Arztebl 2003; 100(28-29): A-1946

Steinau, Hans-Ulrich

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LNSLNS Mit einer Vielzahl ausgewählter bunter Befundbilder zeigen die Autoren das Spektrum der aktuellen Mammachirurgie, wie sie es von den plastischen Chirurgen gelernt und übernommen haben. Danach postulieren sie in Kontrast zu begründeten Vorgaben der Europäischen Fachgesellschaft den Alleinvertretungsanspruch für Deutschland. Ein selektives Literaturverzeichnis mit ausnahmslos ausländischen Zitaten soll obendrein das Szenario einer plastisch chirurgischen Brust-Diaspora belegen. Dabei schleichen sich unter anderem einige Ungereimtheiten ein. Im Deutschen Ärzteblatt wäre zur Information der Kollegen auch Relativierung statt Werbung angebracht: Wie Zuweisungen im Alltag zeigen, resultieren die rekonstruktiven Methoden der weiblichen Brust insbesondere unter multimodaler Therapie nicht immer in dauerhaften, ästhetisch zufriedenstellenden Ergebnissen. Gleiches gilt für die Haut sparende Mastektomie, besonders bei großen Brustvolumina und laxer Haut.
Wenn man über eine mehr als 20-jährige Erfahrung mit bestrahlten Latissimuslappen verfügt, wird man den Optimismus der Autoren, dass die Bestrahlung ohne Probleme sei, nicht mehr teilen.
Warum die prospektive Studie der Autoren 1999 nötig wurde, um die Abtrennung der Latissimus-Insertion zu empfehlen, bleibt unklar. Ein informativer Blick ins Klinikum rechts der Isar könnte zeigen, dass dort diese verbesserte Technik bereits seit 1983 regelmäßig angewendet wurde. Dass der Erhalt der Mamille bei tumorfreiem Boden onkologisch sicher ist, haben nicht die Autoren, sondern Höhler und Lemperle bereits vor 1982 gezeigt. Das ungewöhnliche Statement, dass die involutionsbedingte Hypoplasie keinen Krankheitswert besitze, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein entstellender ptotischer Hautschlauch, als Residuum mehrerer Schwangerschaften, als kassenleistungspflichtige Erkrankung gilt. Für einen Frauenarzt sollte die weibliche Brust nicht nur Milchdrüse sein.
Die Aussage: „Leider gibt es derzeit nur an wenigen Brustzentren in Deutschland entsprechend qualifizierte Operateure“ sollte Anlass sein, auf Abgrenzungsstrategien zu verzichten. Wie seit mehr als 20 Jahren erfolgreich praktiziert, ist die Fortsetzung und Intensivierung der Kooperation von Onkologen, plastischen Chirurgen, Strahlentherapeuten, Gynäkologen und Chirurgen (insbesondere in den neuen Bundesländern) zu fordern, um eine suffiziente Versorgung von 40 000 Brustkrebsneuerkrankungen in der Bundesrepublik zu garantieren.
Bei zukünftigen Literaturrecherchen wären unter anderem die international akzeptierten, innovativen Beiträge von Olivari und Mühlbauer für den Latissimuslappen, Höhler für die „Freistielanzeichnung“ und Biemer und Feller für moderne Modifikationen hilfreich.
Der etwas holprigen Summary ist in einem Punkt voll zuzustimmen: „Reconstructive and plastic aesthetic surgery should only be performed by especially skilled surgeons.“

Prof. Dr. med. Hans-Ulrich Steinau
Universitätsklinik für Plastische Chirurgie
BG-Kliniken Bergmannsheil
Ruhr-Universität Bochum
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum

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