ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2003...Johann Peter Frank: Vom Arzt zum Gesundheitspolitiker

VARIA: Medizingeschichte

...Johann Peter Frank: Vom Arzt zum Gesundheitspolitiker

Dtsch Arztebl 2003; 100(28-29): A-1951 / B-1618 / C-1526

Pieper, Anke

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Überdies, so verteidigt sich Frank gegen Kritik, enthalte die Medizinische Polizey „nichts, was vernünftige Bürger als Sklaven der gesetzgebenden Ordnung könnte ansehen machen, welche blos Sorge heget und ihren Kindern das Messer entzieht, womit sie sich gefährlich verletzen könnten.“ Foto: Christian Brandstätter-Verlag, Wien
Überdies, so verteidigt sich Frank gegen Kritik, enthalte die Medizinische Polizey „nichts, was vernünftige Bürger als Sklaven der gesetzgebenden Ordnung könnte ansehen machen, welche blos Sorge heget und ihren Kindern das Messer entzieht, womit sie sich gefährlich verletzen könnten.“ Foto: Christian Brandstätter-Verlag, Wien
Eine europäische Karriere zwischen Aufklärung, Revolution und Reaktion

Er gehört zu den prominentesten Ärzten der Aufklärungszeit, gilt als Wegbereiter der Sozialmedizin und hat mit seinem Hauptwerk, dem „System einer vollständigen medizinischen Polizey“ den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung zum Politikum gemacht. Seine internationale Karriere führt Johann Peter Frank von Göttingen in die Österreichische Lombardei, nach Wien, Wilna und St. Petersburg. Doch schon kurz nach der Französischen Revolution erlahmt in den Staaten des Ancien Regime das Interesse an einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung.
Johann Peter Frank kam 1745 als Sohn eines Kaufmanns in Rodalben bei Pirmasens zur Welt. Er studierte Medizin in Heidelberg und Straßburg, setzte sich mit den Schriften Rousseaus auseinander und wurde nach seinem Examen Landarzt in Lothringen. Es ist die unruhige Zeit vor der Französischen Revolution. Einige europäische Fürsten sympathisieren mit den Idealen der Aufklärung, und es entwickelt sich ein neuartiges obrigkeitliches Interesse an der Bevölkerung. Mitte des 18. Jahrhunderts häufen sich die Äußerungen von Staatswissenschaftlern und Ärzten zur „Politiae medicae“, aus denen dann 1771 der Jenaer Professor Christian Rickmann als erster die Notwendigkeit ableitete, dass ein Arzt eine „vollständige medicinische Policey“ vorlegen solle. Diese neue Disziplin sollte sich mit allem befassen, was die öffentliche Gesundheit beeinflussen konnte und wirksame Konzepte entwickeln, wie sie verbessert werden könnte. Damit hatte Rickmann das Programm formuliert, auf das sich Johann Peter Frank mit Leidenschaft stürzte. Er machte sich daran, den Begriff der medizinischen Polizei wie kein anderer vor ihm mit Inhalt zu füllen.
Dieses Vorhaben begleitete ihn durch sein weiteres Leben und ließ ihn sechs Bände verfassen, die in epischer Breite alle Aspekte des Menschenlebens, buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre, behandeln und jeweils ausführen, was Ärzte mit ihrem Sachverstand überwachen und kontrollieren sollten. Die Obrigkeiten benötigen danach zwingend das Know-how von Ärzten. Nur mit deren Hilfe können sie in ihren Territorien eine nicht mehr nur bei Seuchen hastig zusammengerufene, sondern permanente und staatliche Gesundheitsverwaltung installieren. Eine Behörde, die nicht nur jedem Menschen bei Bedarf Zugang zu ärztlicher Behandlung garantiert, sondern den Arzt als Kontrollinstanz bis hinein in intimste Vorgänge in den Familien einsetzt, um so zum Beispiel geheime Abtreibungen und Kindstötungen zu verhindern.
„Das schmachtende Pflänzchen, welches ich als Verfasser der medizinischen Polizei in jenen Boden versetzt habe, ist in einem nicht sehr langen Zeitraume zu einem Baume emporgewachsen, welcher seine Äste bereits über den größten Teil Europas ausgedehnt und überall Früchte getragen hat.“ Foto: Johann-Peter-Frank-Gesellschaft
„Das schmachtende Pflänzchen, welches ich als Verfasser der medizinischen Polizei in jenen Boden versetzt habe, ist in einem nicht sehr langen Zeitraume zu einem Baume emporgewachsen, welcher seine Äste bereits über den größten Teil Europas ausgedehnt und überall Früchte getragen hat.“ Foto: Johann-Peter-Frank-Gesellschaft
Frank engagiert sich auch für einschneidende Veränderungen des Medizinstudiums und fordert eine praxisorientierte Ausbildung, zu der früh auch die Übernahme von Aufgaben am Krankenbett gehörte. Bereits der 1779 erschienene erste Band des „Systems einer vollständigen medizinischen Polizey“ machte Frank berühmt und wurde zur Initialzündung seiner internationalen Karriere. Der autoritäre Anspruch in Franks Konzept dürfte die Obrigkeiten im Zeitalter des Absolutismus wenig gestört haben. Überdies, so verteidigt sich Frank gegen Kritik, enthalte die Medizinische Polizey „nichts, was vernünftige Bürger als Sklaven der gesetzgebenden Ordnung könnte ansehen machen, welche blos Sorge heget und ihren Kindern das Messer entzieht, womit sie sich gefährlich verletzen könnten“.
Die Regierenden waren jedoch nur begrenzt bereit, die weitreichenden und teuren Vorschläge in die Tat umzusetzen. Das erfuhr Frank, nachdem er von Joseph II. den Lehrstuhl für Praktische Medizin an der Universität Pavia in der damals habsburgischen Lombardei erhalten hatte und damit ein „Experimentierfeld“, auf dem er sein im „System“ dargelegtes Reformprogramm erproben konnte.
Zehn Jahre blieb Frank in Pavia und erhielt neben der Professur bald auch die Leitung des Medizinischen Direktorats. Diese Kontrollbehörde hatte in anderer Form bereits bestanden, wurde von Frank aber entscheidend umstrukturiert: Der „ärztliche Direktor“ wurde gewissermaßen zum absolutistischen Herrscher über Ärzte, Chirurgen, Apotheker und Hebammen. Das Direktorium wandelte sich von einer auf Konsens bedachten Berufsständeversammlung zum hierarchischen Kontrollapparat, der außer der öffentlichen Gesundheit auch die in den Heilberufen Tätigen ständig beobachten sollte – jedenfalls theoretisch.
Nach mehreren Reisen durch die Lombardei erarbeitete Frank Pläne zur systematischen, flächendeckenden Einrichtung von Landarztstellen und -krankenhäusern in der Lombardei. Außerdem sollte eine neue Hebammenschule die hohe Mütter- und Säuglingssterblichkeit verringern helfen. Er konnte sich bei diesen Projekten auf Vorarbeiten seines italienischen Vorgängers Giuseppe Cicognini stützen, wie er überhaupt in der Lombardei keine gesundheitspolitische „Wüste“, sondern eine im europäischen Vergleich weit entwickelte Seuchenüberwachung sowie Ansätze zu ländlicher Gesundheitsversorgung antrifft. Das waren gute Voraussetzungen, um aus der norditalienischen Region ein gesundheitspolitisches Vorzeigeterritorium zu entwickeln. Doch es kam anders.
Die bis ins Detail ausgearbeiteten Reformpläne wurden allesamt nicht realisiert und ihr Scheitern von der kaiserlichen Regierung in Wien mit den zu hohen Kosten erklärt. Maßgeblich waren aber vermutlich politische Gründe: 1790 starb Joseph II. Seine Nachfolger auf dem österreichischen Thron, Leopold und Franz II, teilten die aufklärerischen und philanthropischen Ambitionen Josephs nicht. Außerdem hatte sich die politische Lage mit der Französischen Revolution dramatisch geändert, Krieg drohte, und die italienischen Besitzungen der Habsburger unweit der französischen Grenze waren besonders gefährdet.
Von Rousseaus Abhandlung „Discours sur l’inégalité“ inspiriert, hielt Frank 1790 in Pavia seine Rede „Vom Volkselend als der Mutter der Krankheiten“. Krankheiten sind darin nicht göttliches Schicksal, sondern in der Mehrheit durch die nicht naturgemäße Lebensweise der Menschen verursacht. Besonders eindringlich beschreibt Frank aus eigener Anschauung die Zusammenhänge zwischen Mangelernährung, ungesunden Wohnverhältnissen und vielen Krankheiten. Die zu frühe und allgemein zu hohe Arbeitsbelastung unter den Armen verhindere die volle Entwicklung ihrer Körper, zusammen mit Mangelernährung und prekären hygienischen Zuständen führten sie zu häufigen Krankheiten und frühem Tod. Diese Krankheiten werden in seiner Beschreibung zum Ausdruck eines sozialen Ungleichgewichts, einer verhängnisvollen Entfernung vom gesellschaftlichen Urzustand Rousseauscher Denkungsart.
Nach dem Tod Joseph II. häuften sich für Frank bittere Erfahrungen. Sobald er die Rückendeckung von höchster Stelle verloren hatte, fielen die Kritiker und Rivalen an der Universität über ihn her. Schließlich verließ er 1795 seinen Lehrstuhl in Pavia und erhielt in Wien die Leitung des Allgemeinen Krankenhauses anvertraut. Diese an sich prestigeträchtige Position war für ihn zugleich der entscheidende Karriereknick. Dass Frank plötzlich vom Initiator zum Getriebenen wurde, hatte politische Ursachen. Weil die Nachfolger Josephs eher repressiv-reaktionär ausgerichtet waren, interessierten sie sich kaum mehr für Franks Reformvorschläge. Die Koalitionskriege lähmten überdies allen innenpolitischen Gestaltungswillen.
Bald wurden neue Intrigen gesponnen, und Frank zog sich auch aus Wien zurück. Einem Angebot der Zarin Katharina folgend, ging er als ihr Leibarzt nach St. Petersburg, wechselte jedoch bald darauf nach Wilnius. Vom weiteren Verlauf seiner Karriere enttäuscht, zog sich Frank 1808 nach Wien ins Privatleben zurück. Allerdings noch nicht ganz: Erst vollendete er noch das „System einer vollständigen medizinischen Polizey“.
In diesen Jahren treffen Frank auch private Schicksalschläge: Nachdem seine erste Frau schon in jungen Jahren im Kindbett gestorben war und der erste Sohn kurz darauf ebenfalls, sterben nun auch seine zweite Frau Marianne und bald darauf seine Tochter Karoline.
Frank, der übrigens auch ganz selbstbewusst eine Autobiografie verfasst hat, stand Christoph W. Hufeland nahe, wurde von Alexander von Humboldt sehr geschätzt und diente Honoré de Balzac als Inspiration für den Roman „Der Landarzt“. Im Rückblick versucht Frank die Bitternis seiner Niederlagen zu vergessen und freut sich an seinen langfristigen Erfolgen: „Das schmachtende Pflänzchen, welches ich als Verfasser der medizinischen Polizei in jenen Boden versetzt habe, ist in einem nicht sehr langen Zeitraume zu einem Baume emporgewachsen, welcher seine Äste bereits über den größten Teil Europas ausgedehnt und überall Früchte getragen hat.“ Anke Pieper

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