ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1996Deutscher Apothekertag 1996: Im Schulterschluß mit den Ärzten Probleme lösen

POLITIK: Leitartikel

Deutscher Apothekertag 1996: Im Schulterschluß mit den Ärzten Probleme lösen

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Vielfältige und komplexe Themen hatten die Delegierten des Deutschen Apothekertages in Leipzig zu bewältigen. Es galt, berufspolitische und politische Notwendigkeiten anzunähern, tragfähige Kompromisse zu erarbeiten und die enge Verbundenheit zur Ärzteschaft darzustellen. Unter dem Motto "Zukunft gestalten" dokumentierten die Apotheker, daß sie sich als Heilberufler durchaus in der Lage sehen, sich unternehmerisch und mit konkreten Vorschlägen an der Reform im Gesundheitswesen zu beteiligen. Die übernommene Verantwortung forderten sie nun von der Politik ein.


Für eine Dynamisierung des Arzneimittelbudgets hat sich der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Klaus Stürzbecher, anläßlich des Deutschen Apothekertages in Leipzig ausgesprochen. Die Verlagerung von Therapien aus dem stationären in den ambulanten Sektor, die gestiegene Bevölkerungszahl, die Einführung innovativer Arzneimittel sowie Veränderungen der Morbidität machten eine Anpassung unbedingt erforderlich. Angesichts der Tatsache, daß das von 1991 an "gedeckelte" Arzneimittelbudget in diesem Jahr erstmals um vermutlich bis zu drei Milliarden Mark überschritten wird, "können und dürfen wir Apotheker die Ärzte mit ihrem Budgetproblem nicht allein lassen", so Stürzbecher. Der Schulterschluß zwischen beiden Heilberufen sei die aussichtsreichste Zukunftsoption, die Strukturkrise im Gesundheitssystem zu überwinden.
Die Gemeinsamkeiten beider Berufsgruppen sollen unter anderem durch Arzt-Apotheker-Gesprächskreise gefördert werden, von denen bereits hundert – in regional unterschiedlichem Ausmaß – fest installiert sind. Während im Kammerbereich Westfalen-Lippe bereits 50 Gesprächskreise existieren, ist das Interesse in BadenWürttemberg und Mecklenburg-Vorpommern ausgesprochen gering. Die ABDA strebt eine Ausweitung dieser Kommunikationszirkel auf 1 000 an. Qualifizierte Beratung bei Präparatewechseln soll den Ärzten auch mittels einer Datenbank vermittelt werden, die derzeit am Zentrallaboratorium der Deutschen Apotheker in Eschborn aufgebaut wird (siehe DÄ 43). Hier können die unterschiedlichen Bioverfügbarkeitsprofile der Arzneimittel im Hinblick auf ihre klinische Wirksamkeit abgerufen werden.

Kritik an den Krankenkassen
Stürzbecher betonte, daß mit diesen Maßnahmen nicht an der Therapiehoheit des Arztes gerüttelt werden soll: "Diese war, ist und bleibt beim Arzt." Die Beratungsleistung der Apotheker für den Arzt dürfe sich aber auch nicht allein auf den Preis beschränken. In diesem Zusammenhang forderte die ABDA eine wesentliche Änderung der Preisspannenverordnung für Arzneimittel. Ihr konkreter Lösungsansatz: das System der Festbetragsgruppenspezifischen Festzuschläge (FF), das auf dem durchschnittlichen Einkaufspreis einer Festbetragsgruppe basiert.
Damit wird die Handelsspanne bei Festbetragsarzneimitteln zu einem festen DM-Bestandteil, unabhängig vom konkreten Produktpreis. "Das FF-System macht uns überall dort, wo Arzneimittelfestbeträge gelten, unabhängig vom einzelnen Herstellerabgabepreis", war in Leipzig zu hören. Die Krankenkassen unterstützen diese Vorstellungen laut Stürzbecher zwar nicht, halten sie aber für rechnerisch korrekt. Im Gegensatz zu den verbindenden Worten an die Ärzteschaft wurde herbe Kritik an Krankenkassen und Politik geäußert. Ein Stein des Anstoßes ist der zentrale Baustein des 1. GKV-Neuordnungsgesetzes (NOG), wonach eine Beitragssatzerhöhung einer Krankenkasse per Gesetz mit einer kassenspezifischen Zuzahlungserhöhung gekoppelt wird. Dazu Stürzbecher: "Ich appeliere an die Vertreter der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, daß sie ihre Versicherten frühzeitig über ihre Zuzahlungserhöhungen informiert. Wir werden uns nicht nochmals wie 1993 dem geballten Zorn der Versicherten aussetzen, nur weil die Krankenkassen versagt haben."
Der gerade vorgelegte Referentenentwurf zum 2. GKV-Neuordnungsgesetz, der den Krankenkassen das generelle Recht auf Zuzahlungserhöhungen, gestaffelt nach Indikationsgebieten und Stoffgruppen, einräumt, ist bei der ABDA-Spitze auf breite Ablehnung gestoßen. "Wer soll den Überblick behalten, wenn sich bei circa 600 Arzneimittelstoffgruppen und bei circa 600 Krankenkassen theoretisch 360 000 Zuzahlungsmöglichkeiten ergeben?" erklärte Stürzbecher in Leipzig. Dies bedeute kassenspezifische Zuzahlungslisten.
Der ABDA-Präsident erinnerte die Politiker daran, daß der Arzt bei einer indikationsgebundenen Zuzahlung die Diagnose des Patienten auf dem Rezept eintragen muß, da viele Präparate aus unterschiedlichen Indikationen verordnet werden. Dies bedeute ein Durchbrechen der Schweigepflicht, damit der Apotheker die richtige Zuzahlung ermitteln kann.
Kritische Worte richtete Stürzbecher auch an die SPD: Die in ihrem Sofortprogramm "Solidarische Umverteilung" geforderte Erhöhung des Zwangsabschlages der Apotheken an die Krankenkassen sei "alles andere als solidarisch". "Weiß denn die SPD nicht, daß schon ein halber Prozentpunkt Kassenabschlag für die Apotheken einen fünfprozentigen Rückgang ihres zu versteuernden Einkommens bedeutet?", so Stürzbecher in Leipzig.
Sorge im Hinblick auf die Arzneimittelsicherheit bereitet den Apothekern die Einfuhr von Medikamenten durch den Versandhandel via Internet. Nach Einschätzung der ABDA werden auf diese Weise Medika- mente nicht mit der Absicht eines Preisvorteils angeboten, sondern um die Verschreibungspflicht von Arzneimitteln mit einer äußerst schmalen therapeutischen Breite zu unterlaufen. Auch die Deutsche Post AG, vertreten durch die Abteilung PostMed, sieht eine günstige Erwerbsquelle im Ver-sand von Arzneimitteln. Der ABDA liegen Informationen vor, wonach die PostMed die Versandlogistik für 18 Prozent des Warenwertes anbieten will – sofern es sich um Arzneimittel der oberen Preisklasse handelt. Zum "behutsamen Umgang" mit der neuerworbenen, vom Bundesverfassungsricht stattgegebenen Werbefreiheit im Randsortiment forderte Stürzbecher seine Kollegen auf, damit sich die Apotheke auch äußerlich vom Erscheinungsbild eines "drugstore" unterscheide. Mit Unbehagen registrierte die ABDA-Spitze, daß das Bundesverfassungsgericht die Apotheker auch zu Kaufleuten erklärt hatte. "Wir sind keine halben Kaufleute, sondern vor allem anderen Heilberufler", erklärte Stürzbecher in Leipzig. Dr. Vera ZylkaMenhorn

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