ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2003Siamesische Zwillinge: Inszeniertes Medienspektakel

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Siamesische Zwillinge: Inszeniertes Medienspektakel

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-1979 / B-1641 / C-1547

Richter, Hans-Peter

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LNSLNS Der Versuch der Ärzte in Singapur, die beiden siamesischen Zwillinge aus dem Iran zu trennen, ist gescheitert. Sie überlebten die Operation nicht. Sie waren 29 Jahre alt und am Kopf zusammengewachsen. Sie waren so genannte Craniopagen mit der schwerst denkbaren Fusion beider Gehirne und ihrer Blutgefäße. Die beiden Schwestern starben offenbar an Blutverlust, venöser Stauung des Gehirns und einem Hirnödem.
Hatten die Ärzte versagt, noch bevor sie auch nur das erste Skalpell an die gutgläubigen Zwillinge anlegten? Oder waren sie Pioniere, die mehr riskierten als ihre Kollegen, und die damit die Grenze der Medizin erweiterten? Will man diese Operation kommentieren, dann sollte man es nicht posthoc tun. Vielmehr sollte man sich auf die Informationen stützen, die vor der Operation verfügbar waren. Die wesentlichen Befunde waren bereits 1998 im Journal of Neurosurgery (Bd. 89, S. 635–639) (1) publiziert worden und sind seitdem für jeden Interessierten zugänglich. Die entscheidenden Fakten waren folgende: Die venöse Drainage beider Gehirne erfolgte über einen gemeinsamen Sinus sagittalis superior. Die venöse Drainage des Schläfenlappens von Zwilling A lief in die tiefen Venen des Zwillings B. Es bestanden kaliberstarke Verbindungen zwischen den Gehirnarterien beider Zwillinge. Die Gehirne erschienen temporo-parieto-okzipital über eine große Fläche ineinander verzahnt und die Schläfenlappen erheblich deformiert.
Man erfuhr vor der Operation, dass die Singapurer Ärzte das Risiko der Schwestern, an der Operation zu sterben, auf 50 Prozent schätzten. Man erfuhr auch, dass die Operateure als Erstes eine Beinvene entnahmen. Damit sollte für den einen Zwilling ein eigener Sinus sagittalis superior geschaffen werden, um den venösen Abfluss aus dessen Gehirn sicherzustellen.
Hatten die Ärzte das Mortalitätsrisiko realistisch eingeschätzt? Fast alle Craniopagen, die so wie die beiden erwachsenen iranischen Zwillinge einen gemeinsamen Sinus sagittalis superior hatten und über die in der Literatur berichtet wurde, starben bei der Operation oder kurz darauf. (2) Die bislang operierten Craniopagen waren ausnahmslos Kinder. Die Plastizität des kindlichen Gehirns ist wesentlich größer als beim Erwachsenen. Es gibt keine Erfahrungen mit der Trennung erwachsener Craniopagen. Nach meiner Überzeugung war das Mortalitätsrisiko weitaus höher als 50 Prozent.
Bereits seit 1998 wusste man, dass die eine der Schwestern extrovertiert und die andere introvertiert war. Vor der Operation wurde mitgeteilt, dass die eher extrovertierte Schwester die Operation um jeden Preis wollte und ihre Zwillingsschwester weniger risikofreudig gewesen sein soll. Hätten die beiden der Operation auch zugestimmt, wenn man sie mit einem wesentlich höheren, nämlich dem realistischen Mortalitätsrisiko konfrontiert hätte? Wir wissen es nicht.
Allerdings muss der Leidensdruck der Schwestern immens gewesen sein. Sie wollten unbedingt operiert werden. Sie fanden Ärzte, die bereit waren, das zu tun, was andere abgelehnt hatten. Ist der Arzt berechtigt, einen solchen Eingriff vorzunehmen, wenn die Wahrscheinlichkeit, ihn nicht zu überleben, an Sicherheit grenzt?

Letztlich bleibt die Entscheidung für oder gegen eine derartige Operation eine persönliche Entscheidung. Eine Entscheidung zwischen zwei, hier drei Individuen, nämlich den beiden Zwillingsschwestern und dem Arzt. Wir wissen aber auch, dass ein Aufklärungsgespräch so geführt werden kann, dass ein Betroffener trotz schlimmst denkbarer Risiken einer Operation zustimmt, wenn ihm nur ein Funken Hoffnung vermittelt wird.
Eines erscheint mir besonders verwerflich. Es ist das mit den beiden Zwillingen spätestens seit Dezember 2002 entfesselte und minutiös geplante Medienspektakel: Ankündigung der Operation, Präsentation von Fotos im Internet. Eine Freundin verabschiedet sich von den beiden auf dem Weg in den Operationssaal. Die Welt wird von Stunde zu Stunde über den Fortgang der Operation unterrichtet. Die Aktien der Raffles Medical Group schnellten am zweiten Operationstag in die Höhe. Dieser Gruppe gehört das Krankenhaus, in dem operiert wurde.

Das Spektakel überdauert sogar den Tod der beiden Schwestern. Auch ihrer Beerdigung in der Heimat kann man im Internet beiwohnen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Zwillinge für einen krankheitsfremden Zweck instrumentalisiert wurden, für einen Zweck, der nichts mit ihrem Leid zu tun hatte.
Das ist nicht nur in unserem abendländischen Wertesystem verwerflich. Ich denke, dass diese Feststellung auch für das Wertesystem Asiens gilt. Auch dort hat das Primat des Individuums und das Prinzip des nil nocere Gültigkeit. Als Konfuzius von seinem Schüler gefragt wird, ob es ein Wort gebe, nach dem man sein Leben lang handeln könne, da antwortet er: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu.“ (3) Die Ärzte in Singapur haben alles riskiert. Sie haben die Grenzen der Medizin nicht erweitert, sie sind in ihre Grenzen verwiesen worden. Musste das auch noch vor den Augen der ganzen Welt geschehen? Prof. Dr. med. Hans-Peter Richter

Literatur
1. Jansen O, Mehrabi VA, Sartor K: Neuroradiological findings in adult cranially conjoined twins. J Neurosurg 89 (1998): 635–639.
2. Bucholz RD et al.: Temporo-parietal craniopagus.
Case report and review of the literature. J Neurosurg 66 (1987): 72–79.
3. Die Weisheit des Konfuzius. Insel Verlag Frankfurt/
Main 1964, p. 52.
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