ArchivDeutsches Ärzteblatt30/200349. Konsultativtagung: Gesundheitssysteme knapp bei Kasse

POLITIK

49. Konsultativtagung: Gesundheitssysteme knapp bei Kasse

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-1980 / B-1642 / C-1548

Korzilius, Heike

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Vom 10. bis 12. Juli fand in diesem Jahr in Graz die 49. Konsultativtagung statt. Gastgeber war die Österreichische Ärztekammer. Foto: Foto Schiffer Photoreport
Vom 10. bis 12. Juli fand in diesem Jahr in Graz die 49. Konsultativtagung statt. Gastgeber war die Österreichische Ärztekammer. Foto: Foto Schiffer Photoreport
Das diesjährige Treffen der deutschsprachigen
Ärzteorganisationen in Graz offenbarte ähnliche
Problemlagen in den einzelnen Ländern.

Die Sonne schien in Europas Kulturhauptstadt 2003, doch bei den Teilnehmern der 49. Konsultativtagung der deutschsprachigen Ärzteorganisationen mochte sich keine Hochstimmung einstellen. Mit Ausnahme Luxemburgs, dessen Krankenkassen ein Plus von 62 Millionen Euro ausweisen, stehen Schweizer, Österreicher und Deutsche im Gesundheitswesen unter vergleichbarem Kostendruck. Vergleichbar fällt in den betroffenen Ländern auch die Reaktion der Politik auf die Misere aus: Diskutiert wird eine stärkere Reglementierung der Ärzte.
Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, brachte die deutschen Befürchtungen auf den Punkt: „Mit dem Gesundheitssystemmodernisierungsgesetz wird ein Paradigmenwechsel angestrebt. Die Regierung will weg von der individuellen Arzt-Patient-Beziehung.“ Sachverständigengutachten, denen zufolge das Gesundheitswesen durch Unter-, Über- und Fehlversorgung gekennzeichnet ist, prägten die Stimmung im Land. „Man könnte den Eindruck gewinnen, ,Normalversorgung‘ findet in Deutschland nicht statt“, kritisierte Hoppe. Zur Bewältigung der Krise suche die Bundesregierung ihr Heil im staatlichen Dirigismus. Das geplante Zentrum für Qualität in der Medizin, Gesundheitszentren oder Hausarztmodelle stellten eine Kombination von Elementen dar, die steuerfinanzierten Systemen in anderen Staaten der Europäischen Union entstammen, erklärte Hoppe. „Die Ärzte werden damit zu Erfüllungsgehilfen des Staates, die Patienten Opfer einer Zuteilungsmedizin.“
Mit Blick auf die geplanten Gesundheitszentren warnte der Justiziar von Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, Horst Dieter Schirmer, vor einer Kommerzialisierung der Medizin. Würden diese in Form von Heilkunde-Gesellschaften, das heißt als Kapitalgesellschaften, geführt, bedürfe es besonderer Vorschriften, um die berufliche Unabhängigkeit der dort tätigen Ärzte zu schützen. Beispielsweise müsse die berufsfremde Kapitalbeteiligung begrenzt werden. Auch dürfe sich die Weisungsbefugnis der Gesellschaft keinesfalls auf die ärztliche Tätigkeit beziehen.
Zwar drohen in Österreich derzeit keine derart tief greifenden Veränderungen, doch klagte auch der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Dr. med. Reiner Brettenthaler, über zunehmende staatliche Reglementierung. Betroffen sei insbesondere der Bereich der Qualitätssicherung. Seit 2001 sind die österreichischen Ärzte zudem gesetzlich zur Fortbildung in anerkannten Veranstaltungen verpflichtet. Allerdings liegt die Akkreditierung nach wie vor in den Händen der Ärztekammern. „Eine Diskussion über eine Rezertifizierung haben wir in Österreich bislang noch verhindern können“, betonte Dr. med. Wolfgang Routil, Zweiter Vizepräsident der Ärztekammer Steiermark.
Angesichts leerer Kassen diskutiert man in Österreich ebenso wie in Deutschland über effizientere Versorgungsstrukturen. Schnittstellenmanagement und sektorenübergreifender Versorgung wird auch dort ein hoher Stellenwert zugemessen, denn die Probleme sind ähnlich. „Wir haben ein sektoriertes Versorgungssystem“, stellte Routil fest. Unterschiedliche Finanzierungskonzepte und eine unterschiedliche Dokumentation verhinderten die Vergleichbarkeit von ambulanten und stationären Leistungen. Um das Schnittstellenproblem zu lösen, schlug Routil vor, landesweite Gesundheitsfonds einzurichten sowie einen Katalog ambulanter und stationärer Leistungen zu erstellen. „Sinnvoll wären auch gemeinsame Workshops von niedergelassenen Ärzten und Krankenhausärzten. Beide sollten ihre jeweiligen Arbeitsbedingungen kennen“, sagte Routil. Nur so könne man wechselseitiges Vertrauen in die Qualität der ärztlichen Arbeit schaffen.
Ein Beispiel für erfolgreiche Vernetzung kam aus Deutschland: das Projekt „Integriertes Versorgungsmodell Prosper“ der Bundesknappschaft. Ihr gehören 1 400 Ärzte und 1,4 Millionen Versicherte an. Sie betreibt darüber hinaus eigene Krankenhäuser und Reha-Kliniken. Zwar betonte Dr. med. Ulrich Oesingmann die Sonderstellung dieses Modells und bezweifelte, dass die Ergebnisse ohne weiteres übertragbar sind. Dennoch sei die Bundesknappschaft die einzige Kasse, die Zugriff auf den ambulanten und den stationären Sektor habe. „Daher kann Geld, das an einer Stelle gespart wird, allen im
System zugute kommen.“ Zudem sei die Kooperation zwischen niedergelassenen und Krankenhausärzten innerhalb der vernetzten Strukturen deutlich besser als außerhalb des Systems. Doch das Modell hatte auch seine Kritiker: ein Einkaufsmodell, das die Ärzteschaft grundsätzlich ablehne, lautete das Urteil einiger deutscher Delegierter. Dem hielt Oesingmann die Rolle des Bundesverbandes der Knappschaftsärzte entgegen, deren Vorsitzender er ist. Der Verband übernehme die Rolle einer Kassenärztlichen Vereinigung, indem er die Verträge für die beteiligten Ärzte aushandle.
„Vieles, was in Deutschland und Österreich im Zuge der geplanten
Gesundheitsreformen als traumatisch wahrgenommen wird, ist in Italien schon Realität“, erklärte der Präsident der Ärztekammer Südtirol, Klaus Widmann. Aber: „Was man gewohnt ist, verliert seinen Schrecken. Die Italiener lieben ihren staatlichen Gesundheitsdienst.“ Doch Widmann kritisierte ebenfalls den Verlust der ärztlichen Autonomie innerhalb staatlicher Strukturen. Auch Italiens Gesundheitswesen leidet dem Kammerpräsidenten zufolge unter Finanznot, weshalb man dort ebenfalls Selbstbehalte der Patienten eingeführt habe. Im Gegensatz zu Deutschland herrsche zudem eine hohe Arbeitslosigkeit unter den Ärzten.
Der Kostendruck wächst auch in der Schweiz. Auf der Reformagenda stehen derzeit die Auflösung des Kontrahierungszwangs zwischen Krankenkassen und Ärzten sowie die kantonale Bedarfsplanung für die ambulante Versorgung. „Es scheint weltweit gleich zu sein. Die Politik behauptet, die Kosten im Gesundheitswesen sind zu hoch und der Kuchen wird nicht größer“, sagte Dr. med. Max Giger, Mitglied des Zentralvorstandes des Schweizer Ärzteverbandes FMH. Glücklich können sich angesichts der Finanzmisere offenbar nur noch die Luxemburger schätzen. Trotz rückläufiger Konjunktur liegt dem Parlament ein Gesetzentwurf vor, demzufolge das ärztliche Honorar um 6,7 Prozent aufgestockt werden soll. Dazu der Ärztevertreter Luxemburgs, Daniel Mart: „Die Politik hat begriffen, dass man keine bessere Medizin bekommt, wenn man die Ärzte in die Knechtschaft treibt.“
Heike Korzilius
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