ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2003Umgang mit sexuellem Missbrauch: Große Unsicherheit

POLITIK

Umgang mit sexuellem Missbrauch: Große Unsicherheit

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-1984 / B-1646 / C-1551

Bühring, Petra

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LNSLNS Berichtet ein Patient unerwartet von Missbrauchserfahrungen, sind adäquate Reaktionen entscheidend.
Viele Ärzte sind jedoch mit der Situation überfordert.

Unbestritten ist, dass sexueller Missbrauch im Kindesalter Auswirkungen auf die spätere Gesundheit hat. 74 bis 98 Prozent der als Kind missbrauchten Frauen leiden an körperlichen oder psychischen Symptomen, fanden Leeners et al. in einer Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt (Heft 11/2003) zu den Auswirkungen sexuellen Missbrauchs auf Schwangerschaft und Mutterschaft heraus. Viele der ohnehin traumatisierten Frauen werden aber oftmals retraumatisiert, wenn sie versuchen, über ihre Missbrauchserfahrungen zu sprechen. Teilen die betroffenen Frauen sich einer „Vertrauensperson“ mit, so werden sie nur in 27 Prozent der Fälle ernst genommen, stellten die Autoren fest. Versuchen sie mit einem Arzt darüber zu sprechen, berichten 97 Prozent der Frauen über mindestens eine der folgenden Reaktionen: keine Äußerung/Stille, Schock ohne weitere Reaktion, Zweifel am Wahrheitsgehalt des Missbrauchs oder Betonung, dass der Missbrauch nichts mit der aktuellen medizinischen Betreuung zu tun habe. Die Unsicherheit mit dem Thema „sexueller Missbrauch“ ist groß, auch wenn in den Medien scheinbar offen darüber berichtet wird und die Opfer zu Wort kommen.
Immer noch ein Tabuthema
Die Psychologische Psychotherapeutin Heidrun Wendel, Kierspe, die sich auf Sexualtherapie spezialisiert hat, erklärt das Verhalten mancher Ärzte und Therapeuten mit dem immer noch bestehenden Tabu gegenüber sexuellem Missbrauch. „Viele wollen sich so etwas einfach nicht vorstellen und verdrängen es, weil es so schrecklich ist. Sie wollen es nicht wahrhaben.“ Die Sexualtherapeutin kann über Patienten berichten, die jahrelang in ärztlicher oder auch in psychotherapeutischer Behandlung waren, ohne dass ihre somatischen oder psychischen Symptome auf sexuellen Missbrauch zurückgeführt wurden beziehungsweise die Patienten den eigenen Missbrauch angesprochen haben. Letzteres ist erklärbar, denn eine Amnesie als Coping-Strategie kann dazu führen, dass die Patienten sich – zum Teil zeitweilig – der Gewalterfahrungen nicht bewusst sind.
Ärzte, die mit dem Thema nicht vertraut sind, erlebten bei einer Missbrauchsoffenbarung eine Verletzung ihres Kompetenzgefühls, meint Wendel: „Statt in einem solchen Augenblick zu sagen, hier sind meine Grenzen, hier fühle ich mich ohnmächtig und sprachlos, kann eine solche Situation Ärger oder abwehrende Aggressionen auslösen.“ Auf einer unbewussten Ebene werde dem Patienten übel genommen, mit einem solchen Thema konfrontiert zu werden. Dies könne sich in Reaktionen äußern wie: „Glauben Sie wirklich, oder bilden Sie sich das Ganze nicht nur ein?“ Aber auch schon das Ignorieren der gerade offenbarten Missbrauchserfahrungen löse bei den Patienten erneut eine Verletzung aus, die zu einer Retraumatisierung führen kann.
Ein Weg, das Manko zu beheben, ist es, Sexualberatung oder -therapie verbindlich in die fachärztliche und psychotherapeutische Fortbildung zu integrieren. Besonders für Gynäkologen ist es wichtig, sich in Sexualberatung fortzubilden, da diese Facharztgruppe häufig mit missbrauchten Frauen konfrontiert wird. 60 Prozent der befragten Frauen einer Studie in Berliner Gynäkologiepraxen gaben an, dass Ärzte nach Gewalterfahrungen fragen sollten. Von sich aus würden viele nicht über ihre Gewalterfahrungen sprechen, auf Nachfragen wären aber 70 Prozent dazu bereit. Um Ärzten das Fragen zu erleichtern, hat die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe in einem interdisziplinären Ansatz die Leitlinie „Häusliche Gewalt gegen Frauen“ entworfen. Der Entwurf kann im Internet eingesehen werden (www.dgpgg.de).
Es geht nicht darum, dann selbst traumatherapeutisch tätig zu werden. Wichtig sind die ersten Reaktionen und vor allem, sich eingestehen zu können, eventuell überfordert zu sein. Ärzte können Betroffene dann an Beratungsstellen wie Pro Familia, Zartbitter oder Wildwasser verweisen. Sie könnten auch auf spezialisierte Psychologische Psychotherapeuten hinweisen, die in der Nähe praktizieren.
Da die Psychotherapeutin Wendel als Schwerpunkte unter anderem „Missbrauch/Gewalterfahrungen“ in dem „Psychotherapieführer“ ihrer Region aufgelistet hat, ist die Hemmschwelle niedriger. Sie erkennt Betroffene meist an ihrem „autoaggressiven Verhalten“, wie Selbstverletzungen, Suizidgedanken, Anorexie und Bulimie. Auch Rauchen, Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenkonsum und Piercing bezeichnet Wendel als solches. Sie sieht missbrauchte Frauen in einem „Teufelskreis“ aus Verletzung, Trauer, Ärger, Wut, Aggression und Autoaggression. Missbrauchte Männer hingegen richten ihre Aggressionen selten gegen sich selbst. Oft bestehe bei den Betroffenen auch eine große Diskrepanz zwischen ihrem Selbstwertgefühl und dem, was sie tatsächlich leisten. Die Sexualtherapeutin thematisiert ihren Verdacht jedoch nicht sofort, sondern erwähnt „nebenbei“ zum Beispiel, dass sexueller Missbrauch sehr häufig ist oder dass er auch in der Familie oder Nachbarschaft vorkommt. So werden die Patienten ermutigt, von ihren Erfahrungen zu erzählen. Dies schafft die Basis für eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung, um das Erlebte aufzuarbeiten. Petra Bühring


„Von sich aus würden viele nicht über ihre Gewalterfahrungen sprechen, auf Nachfragen wären aber 70 Prozent dazu bereit.“
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