ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2003Ärztemangel: „Probleme nicht verharmlosen“

POLITIK

Ärztemangel: „Probleme nicht verharmlosen“

Rabbata, Samir

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Karikatur: Ralf Brunner
Karikatur: Ralf Brunner
Politik und Ärzteschaft befürchten eine flächendeckende ärztliche Unterversorgung im Osten Deutschlands. Der AOK-Bundesverband sieht dagegen keinen Grund zur Beunruhigung.

Könnte Dr. med. Horst Neumerkel die Zeit zurückdrehen, wüsste er genau, was zu tun wäre. Er würde Landarzt werden, natürlich in Großolbersdorf, einer 3 300-Seelen-Gemeinde im Freistaat Sachsen. Er würde sich wieder so entscheiden, wie er es vor mehr als 37 Jahren getan hat, als er sich als junger Mediziner auf dem Lande niederließ. Hart gearbeitet hätten sie – er und seine Frau Monika, die ebenfalls Ärztin ist und mit der er eine Gemeinschaftspraxis betrieb. Mehr als 50 Stunden die Woche im Einsatz, Sprechzeiten auch am Samstag, dazu etliche Notdienste. Spaß habe der Beruf dennoch gemacht. „Der Reiz liegt in der besonders vertraulichen Situation mit den Patienten“, resümiert Neumerkel. „Gejammert“ hätten seine Frau und er nie.
Kein Wunder, dass etwas Wehmut aufkam, als die beiden vor knapp vier Wochen die Lichter ihrer Praxis im Hohndorfer Kirchweg 5 endgültig ausknipsten, um in den wohlverdienten Ruhestand zu wechseln. Wehmut wohl auch deswegen, weil sich kein Nachfolger für die Landarztpraxis finden ließ. Woran das liegt, kann sich Neumerkel nicht recht erklären, obwohl er schon vor Monaten ahnte, dass sich kein Interessent bei ihm melden würde. Vielleicht habe sich die Einstellung der jungen Leute geändert, spekuliert der Ruheständler. Als Landarzt müsse man bereit sein, einen extrem hohen Einsatz zu leisten. Dies wissen auch seine Patienten. Vielen von ihnen fiel der Abschied von ihrem Doktor schwer. Wenigstens bleibt eine weitere Ärztin, die sich nun allein um die Kranken kümmern muss.
Großolbersdorf ist kein Einzelfall. Oft müssen Patienten kilometerweit fahren, um den nächsten Hausarzt zu erreichen. Von einer wohnortnahen Versorgung kann in vielen Gegenden schon heute keine Rede mehr sein. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: In Deutschlands Ferienregion Nummer eins stehen die Patienten bei ihren Hausärzten Schlange. Auf der beliebten Urlaubsinsel Usedom kümmert sich gerade einmal ein einziger Landarzt um die 4 000 Einwohner – Zehntausende Touristen in den Sommermonaten nicht mitgerechnet. Sorgen bereite dabei vor allem die Besetzung der kassenärztlichen Notdienste, sagte Dr. med. Wolfgang Eckert, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Mecklenburg Vorpommern. Insbesondere die vielen über 65-jährigen Ärzte seien nur noch dann bereit weiterzumachen, wenn sie von den anstrengenden Notdiensten befreit würden.
Deutschland gehen die Ärzte aus, daran bestehen unter vielen Fachleuten kaum noch Zweifel. Diesen Trend bestätigte bereits im vergangenen Jahr eine Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) über die Altersstruktur- und Arztzahlentwicklung. Das Ergebnis war alarmierend: Es drohten flächendeckende Versorgungsengpässe, wenn nicht schnell etwas geschieht.
Zu einem ganz anderen Schluss kam kürzlich eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Demnach sei die fachärztliche Versorgung in den neuen Ländern auch weit in die Zukunft hinein durch Überversorgung gekennzeichnet. Im hausärztlichen Bereich konstatiert das Institut eine ausreichende Versorgung bis hin zur Vollversorgung. Untersucht habe das WIdO auch die Bedeutung von Altersabgängen, um die Wirkung eines altersbedingten Rückganges der Ärztezahlen bis zum Jahr 2010 abzuschätzen. Ergebnis: Die fachärztliche Versorgung sei in den östlichen Bundesländern auch in Zukunft gesichert. Mit Altersabgängen würde in den nächsten Jahren eine zumeist bestehende Überversorgung abgebaut. Lediglich bei den Hausärzten würden etliche altersbedingt ausscheiden, sodass es zu Engpässen kommen könnte.
Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Rolf Hoberg, kritisierte bei der Vorstellung der Studie in Berlin, dass einige Ärzteverbände Besetzungsprobleme bei wenigen Arztsitzen aufblasen würden und zu einer vermeintlichen Versorgungskrise stilisierten. Dabei sagen die AOK-Ergebnisse nur wenig über die tatsächliche Situation vor Ort aus. So wie in der Gemeinde des ausgeschiedenen Landarztes Neumerkel. Großolbersdorf zählt zum sächsischen Planungsgebiet Mittlerer Erzgebirgskreis. Laut WIdO-Studie besteht hier ein hausärztlicher Vollversorgungsgrad von 107,4 Prozent. Ein Wert, den die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen bestätigt. Trotzdem müssen die Einwohner mit nur einer verbliebenen Ärztin auskommen – Bewohner kleinerer umliegender Gemeinden nicht mitgerechnet.
Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Den drohenden Ärztemangel in den neuen Bundesländern bekommt man nicht mit verharmlosenden Studien in den Griff.“ Foto: Georg Lopata
Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Den drohenden Ärztemangel in den neuen Bundesländern bekommt man nicht mit verharmlosenden Studien in den Griff.“ Foto: Georg Lopata
Hier zeige sich, dass der Grad der Versorgung in einem Planungsbereich mitunter wenig darüber aussagt, wie sich die Situation in den einzelnen Gemeinden darlegt, erklärte Dr. Thomas Kopetsch, KBV-Experte für Versorgungsfragen, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Dies hänge insbesondere mit der Größe der Planungskreise zusammen. „Siedeln sich mehr Ärzte in Ballungsräumen an, dafür nur wenige in kleinen Gemeinden, stimmt zwar die Statistik, aber nicht die Versorgung auf dem Lande.“ Es dürfte unwidersprochen ein Problem darstellen, wenn zwar dem formalen Kriterium der Arzt-Einwohner-Relation nach ausreichend Ärzte in der Region tätig wären, diese für die behandlungsbedürftigen Patienten aber unerreichbar seien, da die Patienten eine Entfernung von mitunter 50 Kilometern überwinden müssten. Der Zulassungsausschuss sollte deshalb die Möglichkeit bekommen, den Vertragsarztsitz in gewissen Grenzen vorzugeben, um eine ausgeglichene räumliche Versorgung im Planungsbereich gewährleisten zu können, fordert Kopetsch.
Kritisch sieht die KBV auch die Festsetzung der Versorgungsgrenzen. So sind die Ergebnisse der WIdO-Analyse direkte Folge der zugrunde gelegten Annahme, ab welcher Grenze ein Versorgungsengpass droht. Dabei orientiert sich das WIdO an Unterversorgungsgrenzen, die sich in den Bedarfsplanungs-Richtlinien-Ärzte des Bundes­aus­schusses der Ärzte und Krankenkassen wiederfinden (Fachärzte 50 Prozent, Hausärzte 75 Prozent). Hätten alle Planungsbereiche in den neuen Ländern im hausärztlichen Bereich einen Versorgungsgrad von beispielsweise 76 Prozent, dann wäre so die Mindestversorgung gesichert.
Eine wenig realistische Betrachtungsweise, meint KBV-Experte Kopetsch. Die gesetzten Grenzen seien historisch überholt und allenfalls ein „theoretischer Wunschtraum“. Dies werde deutlich, wenn man für alle 8 845 Hausärzte in den neuen Bundesländern den Versorgungsgrad in allen Planungsbereichen auf 76 Prozent (also Mindestversorgung) setzen würde. Benötigt würden dann nur noch 6 440 Hausärzte. Da diese geringe Zahl an Hausärzten die gleiche Zahl an Patienten zu versorgen hätte, müsste jeder Arzt statt zur- zeit 3 885 Fälle dann 5 335 Fälle behandeln. Um die Mehrarbeit zu bewältigen, müssten die Hausärzte in den neuen Bundesländern dann 87 Stunden pro Woche tätig sein, rechnet Kopetsch vor. Notwendig sei deshalb eine flexiblere Festlegung der Unterversorgungsgrenzen, etwa abhängig von der Morbiditätsstruktur oder der Bevölkerungsdichte.
Etliche Hausärzte wechseln schon bald in den Ruhestand
Einigermaßen beunruhigt scheinen die AOK-Experten lediglich über die zu erwartenden Altersabgänge unter Hausärzten. Nach Einschätzung von Joachim Klose (WIdO) könnte es im hausärztlichen Bereich in vielen Planungskreisen der östlichen Bundesländer zu Unterversorgung kommen. Der Ersatzbedarf liege bis 2010 bei einem angenommenen Versorgungsgrad von 75 Prozent zwischen 52 Hausarztsitzen in Thüringen und 140 in Sachsen-Anhalt. Dabei unterstellt die WIdO-Studie, dass sämtliche Ärzte, die im Jahr 2002 60 Jahre alt oder älter waren (29 Prozent), im Jahr 2010 nicht mehr praktizieren würden. Untersucht man aber die bisherigen personellen Abgänge unter Hausärzten, so fällt auf, dass diese im Durchschnitt mit 63 Jahren in den Ruhestand wechseln – deutlich früher, als vom WIdO zugrunde gelegt.
Mit Unverständnis reagierte KBV-Chef Richter-Reichhelm, auf die WIdO-Analyse: „Den drohenden Ärztemangel in den neuen Bundesländern bekommt man nicht mit verharmlosenden Studien in den Griff. Wir brauchen gezielte Maßnahmen gegen die sich abzeichnenden Engpässe.“ Eine Forderung, der sich nun auch die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder bei ihrer letzten Sitzung Anfang Juli in Chemnitz anschloss. Einstimmig meldeten die Ressortchefs dringenden Handlungsbedarf an. Besonders prekär sei die Lage in ländlichen Gebieten. Die Bundesregierung müsse die Problematik bei der anstehenden Reform berücksichtigen, forderten die Minister. Ein Appell, den man im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium zumindest zur Kenntnis nahm. So äußerte auch Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder seine Sorge über die drohende Mangelsituation im Osten. Er sagte den Länderministern zu, dass im Zuge der Konsensgespräche zwischen Regierung und Opposition über die Gesundheitsreform auch über diese Thematik geredet werde.
Mecklenburgs KV-Chef Eckert ist überzeugt, dass sich vor allem der Umgang mit Ärzten ändern müsse. „Wenn die Politik die Ärzte wie Kaufleute behandelt, dann darf sie sich nicht wundern, dass diese sich auch wie Kaufleute verhalten.“ Zudem sei vielen Ärzten ihre Arbeit wegen andauernder Diffamierungen verleidet worden. Eine über-bordende Bürokratie tue ihr Übriges. Eckert: „Wenn wir diese Probleme überwinden, dann finden wir auch wieder genügend Ärzte.“
Samir Rabbata

Die Zusammenfassung der WIdO-Studie sowie ein Kommentar dazu von Dr. Thomas Kopetsch, Kassenärztliche Bundesvereinigung, können im Internet unter www.aerzteblatt.de/plus3003 abgerufen werden. Angefordert werden kann der Kommentar vor Dr. Kopetsch auch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Herbert-Lewin-Straße 3, 50931 Köln
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