ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2003Diagnostik: Geschlossene Gesellschaft

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Diagnostik: Geschlossene Gesellschaft

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-1988 / B-1650 / C-1555

Rieser, Sabine

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LNSLNS Ein Verein will, dass bei Laborleistungen Qualität eine
größere Rolle spielt. Dabei soll das Bundeskartellamt helfen.

Kartelle haben keinen guten Ruf. Der Verein Ärztliches Qualitätslabor (ÄQL), dem nach eigenen Angaben rund die Hälfte aller Anbie-
ter in Deutschland angehört, stört sich daran nicht: Seine Mitglieder haben umfassende Qualitäts- und Gütekriterien für labormedizinische Leistungen entwickelt, die sie Anfang Juli in Berlin vorlegten. Sie wollen, dass diese in Zukunft für alle Erbringer hierzulande gelten. Ende des vergangenen Jahres hat der Verein deshalb ein Sonderkartell beantragt (siehe Textkasten). Der Antrag wird derzeit geprüft. Wann das Ergebnis vorliegen wird, ist offen.
Prof. Dr. med. Bernd Heicke, stellvertretender ÄQL-Vorsitzender, wies darauf hin, dass die Qualitätsanforderungen für die Erbringung medizinischer Laborleistungen* nicht ausreichten: „Die bestehenden Vorgaben beziehen sich nur auf den analytischen Teil der Leistungskette und lassen wesentliche Teile der Prä- und Postanalytik unberücksichtigt.“ Dabei spielten Laboruntersuchungen bei zwei Drittel aller Erkrankungen eine für die Diagnose entscheidende Rolle. Deshalb und wegen der Ressourcenknappheit im Gesundheitswesen „sind redundante und qualitativ zweifelhafte Laboruntersuchungen ökonomisch und ethisch nicht mehr vertretbar“, betonte Heicke. Ein Versuch, den Missständen abzuhelfen, seien bisher freiwillige Akkreditierungen und Zertifizierungen von Laboratorien. Dieser Prozess verlaufe allerdings schleppend und uneinheitlich.
Teilschritte müssen korrekt ablaufen
Laborarzt Dr. med. Michael Müller erläuterte, dass ein aussagekräftiges Diagnostikergebnis nur zustande komme, wenn sämtliche Teilschritte korrekt ablaufen. Dazu gehörten eine sachgerechte Probengewinnung beim Patienten ebenso wie ihre richtige Lagerung, der korrekte Transport, die einwandfreie Bearbeitung im Labor und eine sinnvolle Art der Befundübermittlung. Mit Einführung der ÄQL-Kriterien zur Förderung und Verbesserung der Laborqualität würden sämtliche Teilschritte und die Schulung aller Beteiligten umfassend berücksichtigt, sagte Müller.
Labore, die besonders hohe Qualitätsmaßstäbe an die eigene Arbeit legen, sind jedoch nach Darstellung des ÄQL im Nachteil, weil sich dies finanziell nicht lohnt. So wies Rechtsanwalt Dr. jur. Ulrich Classen darauf hin, dass es nach wie vor weit verbreitet sei unter niedergelassenen Ärzten, ökonomische Vorteile aus der Vergabe von Laborleistungen oder der Gründung von Laborgemeinschaften zu ziehen. Die üblichen Quersubventionierungen sollten jedoch nach Auffassung des ÄQL schnell der Vergangenheit angehören.
Arbeitsgruppe überarbeitet Richtlinie
ÄQL-Vorsitzender Dr. Bernd Wegener verwies auf einen ihn offenbar hoffnungsvoll stimmenden Schriftwechsel mit dem Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit und Soziales, Dr. Klaus Theo Schröder. Auf Anfrage erklärte eine Ministeriumssprecherin jedoch nur, man überarbeite derzeit in einer bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) angesiedelten Arbeitsgruppe eine Richtlinie, um die Qualitätssicherung im Laborbereich weiter zu optimieren.
Nach Angaben von BÄK-Referent Dipl. rer. soc. Manfred Brüggemann wird die neue Fassung den Bereich von Prä- und Postanalytik umfassen: „Das ist sinnvoll.“ Denn im Grunde müsse Qualitätssicherung tatsächlich bei der Probenentnahme anfangen. Dass die derzeit gültige Richtlinie sich auf die eigentliche Analytik beschränke, habe historische Gründe. Seinerzeit habe man sich am Eich- und Messwesen orientieren müssen und im Hinblick auf Überprüfungen Wert darauf gelegt, dass die Analytik im engeren Sinn dem Stand von Wissenschaft und Technik entspreche. Durch die Verabschiedung des Medizinprodukte-Gesetzes sei nun eine breitere Grundlage vorhanden, um die Richtlinie zu erweitern. Sabine Rieser

* Obligatorische Basis ist die Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer zur Qualitätssicherung quantitativer laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen. Daneben bestehen Regelungen für die Bereiche Mikrobiologie und Immunhämatologie sowie Vorgaben in den Hämotherapierichtlinien. Alle schreiben ein notwendiges Maß an Qualitätssicherung vor, kein Maximum.


Ausnahmen möglich
Michael und Wolfgang Herz möchten ihre Beteiligung an der Tchibo Holding aufstocken, die Firma Cobham ein Unternehmen für Sauerstoffsysteme und Atemgeräte erwerben – täglich werden beim Bundeskartellamt Zusammenschlussvorhaben angemeldet. Denn diese Bundesoberbehörde ist für den Schutz des Wettbewerbs in Deutschland zuständig.
Dazu gehört auch, Kartelle zu verhindern beziehungsweise zu verbieten. Das schreibt § 1 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen vor: „Vereinbarungen zwischen miteinander im Wettbewerb stehenden Unternehmen . . ., die eine Verhinderung, Einschränkung oder Verfälschung des Wettbewerbs bezwecken oder bewirken, sind verboten.“
Doch keine Regel ohne Ausnahme. Wenn derartige Vereinbarungen „zu einer Verbesserung der Entwicklung, Erzeugung, Verteilung, Beschaffung, Rücknahme oder Entsorgung von Waren oder Dienstleistungen beitragen“, können sie vom Kartellverbot freigestellt werden. Bedingung ist, dass die gewünschte Verbesserung nicht auf andere Weise erreicht werden kann und die Sonderregelung nicht dazu führt, dass eine marktbeherrschende Stellung entsteht oder verstärkt wird.
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