ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2003Stammzellforschung: „Verletzung der Menschenwürde“

POLITIK

Stammzellforschung: „Verletzung der Menschenwürde“

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-1989 / B-1651 / C-1556

Klinkhammer, Gisela

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Für die umstrittene Embryonenforschung soll es nach dem Willen der Europäischen Kommission eine weitreichende Förderung mit EU-Geldern geben. Foto: epd
Für die umstrittene Embryonenforschung soll es nach dem Willen der Europäischen Kommission eine weitreichende Förderung mit EU-Geldern geben. Foto: epd
Der EU-Beschluss über das Forschungsförderungsprogramm stößt in Deutschland auf scharfe Kritik.

Die EU-Kommission will die Forschung an embryonalen Stammzellen unter bestimmten Bedingungen mit einer Milliardensumme fördern. Das geht aus einer Vorlage des Forschungskommissars der EU, Philippe Busquin, hervor, die die Brüsseler Behörde am 9. Juli verabschiedete. Danach soll die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt sein, wenn diese bereits vor dem 27. Juni 2002 existierten. Zusätzliche Zellen zu Forschungszwecken dürften nicht erzeugt werden, sagte Busquin.
Außerdem sollten nur Forschungsarbeiten gefördert werden, für die es keine alternativen Methoden gebe, ergänzte der EU-Kommissar. Es dürften lediglich embryonale Stammzellen verwendet werden, die nicht von Eltern genutzt werden könnten. Zudem müssten diese der Verwendung der Embryonen zustimmen. Der Stichtag ist nach Aussage Busquins das Datum, an dem die Europäische Union das sechste Forschungsrahmenprogramm beschlossen hat. Darin ist für die Biotechnologie bis zum Jahr 2006 ein Etat von mehr als zwei Milliarden Euro vorgesehen. Bis Jahresende gilt in der EU ein Moratorium für die Förderung embryonaler Stammzellforschung. Der Kommissionsvorlage muss noch – nach einer Anhörung des Europäischen Parlaments – der Ministerrat zustimmen.
In Deutschland stößt die EU-Forschungsplanung auf scharfe Kritik. „Die Mittel der Europäischen Union dürfen nicht für eine Forschung ausgegeben werden, die die Menschenwürde verletzt“, sagte Dr. med. Otmar Kloiber, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, in Berlin. Kloiber hält es für skandalös, Mittel des EU-Forschungsprogramms für verbrauchende Embryonenforschung einzusetzen. „Hier werden die ethischen Bedenken gegen eine Forschung, die menschliches Leben verbraucht, völlig
ignoriert. Eine derartige Missachtung unserer Wertvorstellungen und unserer Verfassung durch die EU-Kommission ist inakzeptabel. So kann man ein gemeinsames Europa nicht aufbauen.“ Kloiber hält die EU-Forschungsplanung auch aus medizinischer Sicht nicht für sinnvoll: „Betrachtet man die Fakten, so muss man feststellen, dass es bereits heute viele Therapien mit adulten Stammzellen gibt. Damit kann man Menschen helfen, dafür sollten auch Forschungsmittel ausgegeben werden.“ Die Forschung an adulten Stammzellen sei ethisch unproblematisch und medizinisch viel sinnvoller. Kloiber gab zu bedenken, dass in äußerst fragwürdiger Weise mit den Gefühlen und Hoffnungen schwer kranker Menschen gespielt werde, da mit der embryonalen Stammzellforschung zu leichtfertig unrealistische Heilsversprechen verbunden würden.
Der Staatssekretär im Bun­des­for­schungs­minis­terium, Wolf Michael Catenhusen, kündigte an, dass die Bundesregierung nach wie vor eine Lösung auf der Grundlage der deutschen Regelung anstrebe. „Wir hoffen, unsere Partner in der EU von unserer Auffassung überzeugen zu können und eine Lösung zu finden, welche die ethischen Grundüberzeugungen aller Mitgliedstaaten respektiert.“ Nach Aussage Catenhusens will die Bundesregierung weiterhin auf Grundlage des Bundestagsbeschlusses vom 30. Januar 2002 zu embryonalen Stammzellen verhandeln, wonach die Finanzierung der Forschungsarbeiten aus Mitteln der EU auf bestehende Stammzelllinien beschränkt werden soll. „Die Bundesregierung will alles dafür tun, um bis Ende des Jahres einen Kompromiss im EU-Ministerrat zu erreichen“, sagte Catenhusen. Auch der Europaabgeordnete Dr. med. Peter Liese (CDU) hält den Beschluss für nicht hinnehmbar. Die von der EU-Kommission vorgesehene Stichtagsregelung bezeichnete Liese als eine „Täuschung“. Sie sei kein Zugeständnis an die Kritiker der Forschung mit embryonalen Stammzellen: „Man kann die Position der Europäischen Kommission damit vergleichen, dass man entscheidet, Menschen, die vor einem bestimmten Stichtag geboren wurden, zum Zwecke der Gewinnung von Organen zu töten, Menschen, die nach diesem Stichtag geboren wurden, jedoch nicht.“ Die deutsche Regelung sehe dagegen vor, dass man die Zellen, die aus menschlichen Embryonen gewonnen wurden, unter bestimmten, sehr strengen Auflagen benutzen könne, aber nicht Embryonen selbst zu Forschungszwecken zerstören dürfe.
Die CDU-Abgeordnete Katharina Reiche sprach dagegen von einem guten Tag für die Forschung in Europa. Es müsse akzeptiert werden, dass unterschiedliche rechtliche, ethisch-moralische und religiöse Auffassungen zu Stammzellen und überzähligen Embryonen existieren. Gisela Klinkhammer
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