ArchivDeutsches Ärzteblatt30/200360. Todestag von Dr. John Rittmeister: Pharisäerhafte Überheblichkeit

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

60. Todestag von Dr. John Rittmeister: Pharisäerhafte Überheblichkeit

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-1999

Motschmann, Markus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Beitrag ist ein Paradebeispiel für die moralinsaure Denkungsart und die schon fast absolutistisch anmutende Hybris der „political correctness“, die unsere Gesellschaft auf allen Ebenen zunehmend in den politischen Würgegriff nimmt. Vordergründig wird der Arzt Dr. John Rittmeister für sein zweifelsohne Respekt abzollendes Handeln geehrt, dem gleichzeitig aber als eigentlicher Impetus das sittliche Versagen nahezu der gesamten übrigen deutschen Ärzteschaft in der Zeit des Dritten Reiches gegenübergestellt wird.
Die moralische Verurteilung der Generation unserer ärztlichen Väter und Großväter mutet an wie das überhebliche Bekenntnis der neutestamentlichen Pharisäer, die im Wissen um ihre gesicherte Position Gott öffentlich dafür danken, nicht so zu sein wie die gesellschaftlich verachteten „Zöllner“. Die Autoren schwimmen mit ihrem Beitrag voll auf der Welle des gegenwärtig verordneten Zeitgeistes und machen genau dies den vorangegangenen Ärztegenerationen zum Vorwurf. Abgesehen davon, dass das Engagement „weniger“ Ärzte im „Nationalkomitee Freies Deutschland“, einer Vorfeldorganisation der späteren SED-Machthaber in der „DDR“, in dem Artikel auch noch lobend erwähnt wird, was unter antitotalitären Gesichtspunkten doch durchaus infrage zu stellen erlaubt sein mag: Wie hätten sich denn die Autoren selbst unter den Zwängen einer Gewaltherrschaft verhalten? Hätten sie selber um den Preis des eigenen Lebens Widerstand geleistet, oder hätten sie nicht auch versucht, sich mit den Verhältnissen zu „arrangieren“? Können die Autoren für ihre zur Schau getragene eigene sittliche Überlegenheit früheren Generationen gegenüber die Hand ins Feuer legen? Stehen sie heute etwa, nur um ein Beispiel zu nennen, mutig auf gegen die jährlich hunderttausendfachen Abtreibungen in unserem Lande (in einem Rechtsstaat ohne Gefahr für Leib und Leben!), die in ebenso diametralem Widerspruch zum hippokratischen Eid stehen wie die Rassepolitik der Nationalsozialisten?
Wer immer den Zeigefinger gegen andere Menschen erhebt, sollte sich bewusst sein, dass drei andere Finger der gleichen Hand auf ihn selbst zurückweisen!
Dr. med. Markus Motschmann, Ohrekreisklinikum,
Kiefholzstraße 27, 39340 Haldensleben
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.