ArchivDeutsches Ärzteblatt30/200360. Todestag von Dr. John Rittmeister: Es gab sehr wohl Widerstand

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

60. Todestag von Dr. John Rittmeister: Es gab sehr wohl Widerstand

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-1999

Steinhauer, Hedwig

zu dem Beitrag von Matthias Boentert und Christine Teller in Heft 20/2003
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LNSLNS Sie schreiben: „An John Rittmeister zu erinnern, bedeutet auch, seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus als extreme Ausnahme innerhalb der deutschen Ärzteschaft wahrzunehmen“ und weiter über „die mittlerweile vielfach gestützte These, dass es einen nennenswerten Widerstand aus den Reihen der deutschen Ärzteschaft nicht gab“, Erwähnung verdienten (es klingt fast wie „lediglich“) die „Weiße Rose und die deutschen Ärzte im spanischen Bürgerkrieg.
Richtig ist, dass offensichtlich insbesondere jene Ärzte von den Nationalsozialisten liquidiert wurden (ähnlich auch bei den Geistlichen), die Widerstand in Flugblättern und anderen Schriften leisteten.
Richtig ist aber auch, dass es unter Ärzten sehr wohl auch andere Formen nicht nur passiven, sondern auch aktiven Widerstandes gegeben hat, nicht organisiert, aber konsequent vor Ort bis zum Ende.
Alle damaligen ärztlichen Mitkämpfer meines Mannes sind wie er selbst lange verstorben, und so möchte ich hier an ihrer statt daran erinnern, dass diese Ärzte an den Fronten und später auf der Flucht und in Gefangenschaft, obwohl chirurgisch völlig unzureichend ausgebildet, ohne ausreichende medizinische Ausstattung und ohne Medikamente, nicht nur ihre eigenen Verwundeten versorgten, sondern auch den „Feind“, auch russische Partisanen, was unter Todesstrafe stand. Die eigene Stellung wurde genutzt, um Menschen bei sich zu beschäftigen, denen anderenfalls ein schreckliches Schicksal widerfahren wäre. Mein Mann hat die Flucht von Juden organisiert und gegen Kriegsende seine Verwundeten mit Lebensmitteln versorgt, was zu dem Zeitpunkt ebenfalls streng verboten war. Zweimal stand mein Mann wegen „Wehrkraftzersetzung“ vor dem Kriegsgericht.
Diese Aktivitäten von Ärzten, und es gab derer sicher mehr als nur den Kreis, den ich überschaue, sind vielleicht deshalb wenig bekannt, weil sich keiner von ihnen damit veröffentlicht hat, vielleicht auch, weil viele von ihnen in der Vorkriegszeit zwangsweise in die Partei eingetreten waren, nicht weil sie Nazi waren, sondern nur um sich niederlassen zu können, was ohne Parteimitgliedschaft nicht möglich war. Dann sind sie als Parteimitglieder eingezogen worden und mussten sich, trotz ihrer Kriegsgerichtsverfahren „entnazifizieren“ lassen, was natürlich zu Scham und Kränkung führte. Diese Männer kamen krank und erschöpft aus demKrieg, sie hatten sich zum Teil in Ausübung ihrer Tätigkeit angesteckt, vor allem mit Typhus und Hepatitis, und sie litten, weil ie eine große und schwere Verantwortung getragen haben in einer Zeit, in der durch ein bestialisches System, das in unauflösbare innere und äußere Konflikte zwang, ihr Berufs- und persönliches Ethos mit Füßen zertreten worden war. Sie waren gekennzeichnet für den Rest ihres Lebens, und sie litten – wie man es heute nennen würde – an einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung mit wiederkehrenden Albträumen bis an ihr Lebensende. Nicht zufällig hat es in der Nachkriegszeit so viele suchtmittelabhängige Mediziner gegeben, eine für Traumatisierte typische Symptomatik . . .
Hedwig Steinhauer,
Unterer Michelsbergweg 10 B, 55131 Mainz
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