ArchivDeutsches Ärzteblatt30/200360. Todestag von Dr. John Rittmeister: Schlusswort

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

60. Todestag von Dr. John Rittmeister: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-2000

Boentert, Matthias; Teller, Christine

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LNSLNS Die zahlreichen Leserbriefe und persönlichen Zuschriften als Reaktion auf unseren Artikel haben uns überrascht und zeigen, dass die Diskussion über den Widerstand von Ärzten in der NS-Zeit noch lange nicht abgeschlossen ist und durchaus auch kontrovers geführt werden kann. Wir haben uns besonders über das Schreiben von Dr. Runge gefreut, der mit Rittmeister in den Dreißigerjahren in Berlin zusammengearbeitet und unsere Recherchen um seinen persönlichen Eindruck bereichert hat.
Die Feststellung des Herrn Kollegen Schade, die Rote Kapelle sei nichts anderes als eine sowjetische Spionageorganisation gewesen, ist nach dem heutigen Stand der historischen Forschung unhaltbar und erinnert in ihrer Einseitigkeit an die Perspektive, die im Westdeutschland der Adenauerzeit dem „Zeitgeist“ des Kalten Krieges entsprach. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin hat sich eine unvoreingenommene und wissenschaftlich fundierte Erinnerung an die Rote Kapelle zur Aufgabe gemacht, nachdem insbesondere die Wende von 1989 den Zugang zu bisher nicht bekannten ostdeutschen und sowjetischen Quellen ermöglicht hat. Unter anderem der von der Gedenkstätte herausgegebene Band zur Roten Kapelle belegt mit großem Detailreichtum die Heterogenität der Gruppe Harnack/Schulze-Boysen, deren Mitglieder aus höchst unterschiedlichen politischen und persönlichen Motiven zum Widerstand im Allgemeinen und zur Roten Kapelle im Besonderen gefunden haben. Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen sowie einige andere Mitglieder der Roten Kapelle unterhielten in der Tat Kontakte zum sowjetischen Geheimdienst (aber auch zur amerikanischen Botschaft in Berlin!), die mit der Weitergabe von zum Teil kriegswichtigen Informationen verbunden waren und schließlich zur Aufdeckung der gesamten Roten Kapelle durch die Geheime Staatspolizei führten. Soweit heute bekannt ist, waren diese Aktivitäten jedoch nicht primär ideologisch motiviert, fanden auf sowjetischer Seite nur wenig Resonanz und waren den weitaus meisten anderen Mitgliedern der Gruppe (einschließlich John Rittmeister) nicht bekannt. Von einer „Steuerung“ der Roten Kapelle durch den KGB, wie von Dr. Schade behauptet, kann demnach sicher nicht die Rede sein. Über diesen Aspekt der historischen Seriosität hinaus bleibt anzumerken, dass die Diskussion über den politischen Widerstand zwischen 1933 und 1945 mittlerweile das Stadium überwunden hat, in dem aus offensichtlich ideologischen Gründen eine moralische Wertung der unterschiedlichen Widerstands-Zusammenhänge vorgenommen wurde.
Das ehrende Gedenken an John Rittmeister impliziert nicht die Unterstellung, dass nicht auch andere einzelne Mediziner und Medizinerinnen ihrer oppositionellen Haltung durch Taten Ausdruck verliehen hätten. Wie viele es waren, die auf sehr ehrenhafte Weise Widerstand leisteten oder sich Befehlen widersetzten, ist unzulänglich dokumentiert und lässt sich kaum abschätzen. Wir sind ebenso wie Frau Steinhauer der Ansicht, dass sich wegen dieser, zum großen Teil sicher namenlos gebliebenen Menschen die Behauptung verbietet, sämtliche Ärzte hätten im so genannten Dritten Reich versagt. Eine differenzierte Betrachtung der Frage, was unter Widerstand eigentlich zu verstehen ist, macht allerdings deutlich, warum dennoch von einem bedeutsamen Widerstand aus der deutschen Ärzteschaft nicht die Rede sein kann und welche besondere Bedeutung daher dem Schicksal Rittmeisters zukommt: In Anlehnung an Fridolf Kudlien ist zwischen bewusst politischen Formen des Widerstands einerseits und nicht bewusst politischen Formen des Widerstands andererseits zu unterscheiden. Erstere basierten auf weltanschaulicher und religiöser Vorprägung und waren gekennzeichnet durch einen mehr oder weniger hohen Organisationsgrad sowie das konkrete Ziel der Beseitigung oder zumindest systematischen Schädigung des Regimes. Als nicht bewusst politische Formen des Widerstands sind punktuelle Kritik und Verweigerung oder Hilfe für Verfolgte und Kriegsgegner zu bezeichnen, die zwar ebenfalls aus religiös-humanitären Motiven heraus praktiziert wurden, aber nicht den Anspruch hatten, die Verhältnisse grundlegend zu ändern. Die Grenzen zwischen diesen Grundformen des Widerstands verliefen in der Realität des „Dritten Reiches“ oft fließend; riskant und mitunter lebensgefährlich waren zweifellos beide.
Gemessen an den genannten Kriterien, war bewusst politischer Widerstand unter den deutschen Ärzten eine absolute Randerscheinung, die sich eben nur mit wenigen Namen, wie z. B. dem John Rittmeisters, verbinden lässt. Die Ärzteschaft als Ganzes hat sogar – ebenso wie andere gesellschaftliche Eliten – dem NS-Staat nicht nur nichts entgegengestellt, sondern auf vielfältige Weise mit ihm kooperiert und von ihm profitiert. Selbstverständlich stellt sich auch die bedrückende Frage, wie man selbst damals gehandelt hätte. Solange uns heute eine Entscheidung zwischen „Widerstand und Ergebung“ (D. Bonhoeffer) nicht mit solchen Konsequenzen abverlangt wird wie damals Rittmeister, bleibt jede Auseinandersetzung mit dieser Frage allerdings nur theoretisch. Allein deshalb liegt uns die von Dr. Motschmann kritisierte „moralische Überheblichkeit“ fern.
Allerdings ist es nicht möglich, an John Rittmeister zu erinnern, ohne auch die kollektive Rolle der Ärzteschaft im NS-Staat in den Blick zu nehmen. Wer darin bereits eine Verurteilung unserer ärztlichen Väter und Großväter sieht, muss sich fragen lassen, ob nicht ein falsch verstandener Respekt vor dieser Ärztegeneration dazu verleitet, jeden Hinweis auf die mitunter unangenehmen historischen Tatsachen als Nestbeschmutzung abzuwehren. Matthias Boentert, Christine Teller
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