ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2003Menschenwürde: Selbst Würde zeigen

BRIEFE

Menschenwürde: Selbst Würde zeigen

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-2004 / B-1666 / C-1570

Dinkel, Lothar

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LNSLNS Sittliche Fragen sind in der Tat nie rein naturwissenschaftlich zu beantworten. Gerade dies tut aber hier der Verfasser bei der „Menschenwürde“ der befruchteten Eizelle mit dem Hinweis, dass sie mit dem Erwachsenen von Anfang an das menschliche Keimgut, das „Programm“, wie es der Verfasser nennt, gemeinsam habe. Der Plan ist aber noch nicht das Bauwerk. Deshalb wird auch der Frömmste nicht bei jedem Abgang einer befruchteten Eizelle eine Totenmesse lesen lassen. Hieran ändert auch die Jurisprudenz nichts, da sie zwar in sich selbst logisch sein, aber als Ganzes nicht wieder auf unserem Grundgesetz wie einer modernen Bibel gründen kann, d. h. kein Kirchturm sein eigenes Fundament sein kann. Vielmehr blieb dem Gesetzgeber zu allen Zeiten nur, sich nach den guten Sitten zu richten, die zwar alles andere als ein unumstößliches „Sittengesetz“ sind, aber von unserer Ehrfurcht vor etwas Höherem und dem Bedürfnis herrühren, den Forderungen des eigenen Ich und der Gemeinschaft gleichermaßen gerecht zu werden. „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ und „Jeder ist sich selbst der Nächste“ sind deshalb krankhafte, weil einseitige Grundsätze, da jede Gemeinschaft nicht ohne den Einzelnen und dieser nicht ohne jene bestehen kann. Wem wir von Fall zu Fall mehr schulden, entscheidet keine Wissenschaft, sondern allein unser Gewissen. Sittlichkeit ist tief gegründetes Brauchtum und bedarf keiner akademischen Belehrung. „Ethos-Kommissionen“ sind ein Widerspruch in sich selbst. Statt gönnerhaft jedem anderen unterschiedslos eine völlig farblose „Menschenwürde“ zuzuerkennen, sollten wir zu allererst selbst mehr Würde zeigen. Denn „was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt“ (Schiller).
Dr. med. Lothar Dinkel,
Clußstraße 6, 74074 Heilbronn
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