ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2003Menschenwürde: Anmerkungen
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LNSLNS Das Problem der modernen Biotechnologie liegt darin, dass zu den gewohnheitsmäßigen Tötungshandlungen des Menschen, bis hin zum fabrikmäßigen Massenmord, weitere Tötungshandlungen, jetzt auf molekularer Ebene, hinzukommen. Darüber hinaus wird aber auch der Mensch dezentralisiert und als Gattung infrage gestellt. Vor diesem Hintergrund einen Orientierungs- und Haltepunkt durch die Anerkennung der Würde des Menschen von Anfang an aufzuzeigen ist Anliegen von Prof. Böckenförde. Es fragt sich aber schon an dieser Stelle, ob ein Andocken an dem flüssig gewordenen Menschenbegriff, und damit auch der Menschenwürde, Orientierungspunkt sein kann. Noch grundsätzlicher wird man auch zu fragen haben, warum eine Philosophie über das Töten, die das Grundparadigma des Lebens berührt, auf der Würde des Menschen gründen soll. Es kommt meines Erachtens nach jetzt darauf an, das Tötungsverbot tiefer als im Grundgesetz geschehen zu fassen, damit es auch in Zukunft für den Menschen verfügbar bleibt. Denn töten wird nicht nur der Mensch, töten wird auch der Klon. Getötet wird alles. Das erlaubt die große Gleichgültigkeit der Natur. Einen Horizont darüber hinaus und Erkenntnis jenseits der Naturwissenschaft gibt es nicht. Wohl aber können Naturwissenschaftler, Philosophen, Theologen und Rechtsgelehrte sich mit dem, was im Leben sein soll, beschäftigen. Damit begeben wir uns auf den Nebenschauplatz des Lebens. Leben muss nicht sein, aber wenn es ist, dann ist es Existenznot. Wenn wir uns dem Leben zuwenden wollen, was eine Option ist, dann sollen wir die Existenznot lindern. Da das Töten gesteigerte Existenznot schafft, sollen wir nicht töten. Du sollst nicht töten. Als verbindliches normatives Element der Verfassung würde man sich ein „du darfst nicht töten“ wünschen. Würde des Lebens als Zweck in sich selbst hätte dann erstmals ein Gesicht. Das Gesicht des Herrn der Erde. Dieser Orientierungspunkt hätte die von Böckenförde gewünschte Tragfähigkeit in der gegenwärtigen Debatte. Allerdings werden hier auch alle anderen Arten des gewohnheitsmäßigen Tötens eingeschlossen und somit einer noch anstehenden eigenständigen Argumentation geöffnet.
Dr. med. Gerhard Rinn,
Praxisklinik Mümmelmannsberg, Oskar-Schlemmer-Straße 17, 22117 Hamburg
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