ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2003Zervixkarzinom, HPV-Infektion und Screening: Dünnschichtzytologie nicht besser

MEDIZIN: Diskussion

Zervixkarzinom, HPV-Infektion und Screening: Dünnschichtzytologie nicht besser

Dtsch Arztebl 2003; 100(30): A-2020

Muth, Christiane; Velasco-Garrido, Marcial

zu dem Beitrag von Dr. rer. nat. Stefanie J. Klug Prof. Dr. rer. nat. Maria Blettner in Heft 03/2003
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LNSLNS In ihrem Artikel zum Stand der Dinge und zur Zukunftsperspektive des Zervixkarzinoms beziehen sich Klug und Blettner auf die flüssigkeitsgestützte Zytologie (LBC) und führen deren angeblich höhere Sensitivität im Vergleich mit dem konventionellen Abstrich an. An der Abteilung für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der Medizinischen Hochschule Hannover (Direktor: Prof. Dr. F. W. Schwartz) ist zu diesem Thema ein vom Bundesministerium für Gesundheit gefördertes Projekt zur systematischen und unabhängigen Bewertung der Methode durchgeführt worden. Die Studie ist inzwischen abgeschlossen, der vollständige Bericht wird demnächst auf der Homepage des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information veröffentlicht (www.dimdi.de).
Nach den Ergebnissen unserer Untersuchung liegt im Augenblick keine Evidenz für eine Überlegenheit der Dünnschichtmethode im Vergleich mit der konventionellen Methode vor. Ein Hauptproblem besteht darin, dass viele Studien nur über Findungsraten berichteten. Aus diesen Angaben allein können keine Aussagen über die Genauigkeit und Zuverlässigkeit eines Verfahrens getroffen werden. Die wenigen Studien, die über Sensitivität und Spezifität berichteten, also Aussagen zur Testgüte machten, wiesen so erhebliche Mängel im Studiendesign auf, dass die Wahrscheinlichkeit von Verzerrungen in den Ergebnissen sehr groß ist. Das wesentliche Problem besteht darin, dass die Studien inadäquate Referenzstandards einsetzten, um die zu evaluierenden Testergebnisse zu verifizieren. Die Schlussfolgerungen bereits vorliegender HTA-Berichte (HTA, Health Technology Assessment)aus Australien, den USA und Neuseeland werden auch unter Berücksichtigung der zwischenzeitlich durchgeführten Studien in unserer Untersuchung bestätigt.
Der von Klug und Blettner zitierte HTA-Bericht des National Coordinating Centre for HTA (NCCHTA, Großbritannien) kommt zu wesentlich differenzierteren Aussagen zur Testgüte der Dünnschichtmethode, die in der stark verkürzten Wiedergabe durch die Autoren einer verzerrten Interpretation unterliegen. So war die berichtete Sensitivität in der angegebenen Publikation bei der LBC-Methode zwar höher als oder gleich hoch wie bei konservativen Pap-Tests, jedoch wiesen die Autoren auf die unklare Evidenz des Verfahrens aufgrund der erheblichen methodischen Mängel der Studien hin (zum Beispiel fehlender Referenzstandard). Außerdem wurde die Spezifität als schwer abschätzbar und eventuell sogar schlechter als die der konventionellen Methode beurteilt.
Aufgrund dieser Datenlage kann zurzeit keine Empfehlung zum Einsatz der Dünnschichtzytologie außerhalb von Studien ausgesprochen werden. So lange kein Nachweis eines klinischen Nutzens für die Patientinnen vorliegt, halten wir es nicht für gerechtfertigt, diese Methode mit Kosten von 50 bis 120 Euro als Leistung bei Privatpatienten einzuführen oder als IGEL-Leistungen für Patienten der gesetzlichen Krankenkassen anzubieten.
Viele der Zervixkarzinome werden bei Frauen diagnostiziert, die nie oder selten beziehungsweise unregelmäßig gescreent wurden. Vor diesem Hintergrund, wie auch aus einer bevölkerungsmedizinischen Perspektive, erscheint es sinnvoller, die gesamte Effektivität des Screeningprogramms durch die Entwicklung von Strategien, welche die Inanspruchsnahme des Screenings steigern, zu verbessern, als die Sensitivität der einzelnen Test zu erhöhen.

Christiane Muth
Abteilung für Epidemiologie, Sozialmedizin
und Gesundheitssystemforschung
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30623 Hannover
E-Mail: muth.christiane@mh-hannover.de

Marcial Velasco-Garrido
Lehrstuhl Management im Gesundheitswesen
Technische Universität Berlin
Straße des 17. Juni 145
10623 Berlin
E-Mail: marcial.velasco@tu-berlin.de

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