ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2003Verwaltungskosten: Auch Krankenkassen sollen sparen

POLITIK

Verwaltungskosten: Auch Krankenkassen sollen sparen

Dtsch Arztebl 2003; 100(31-32): A-2053 / B-1707 / C-1611

Blöß, Timo

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LNSLNS Reformpunkte: Krankenversicherer sollen Ausgaben für Bürokratie senken.

Die jüngsten Wasserstandsmeldungen über die Einnahmen und Ausgaben in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) haben es noch einmal gezeigt: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Allein im ersten Quartal dieses Jahres belief sich das Minus der Krankenkassen auf 630 Millionen Euro. Der Anstieg, erklärte Staatssekretär Klaus Theo Schröder bei der Vorstellung der Zahlen in Berlin, sei hauptsächlich auf die zunehmenden Kosten für Heilmittel und höhere Fahrtkosten der Patienten zurückzuführen. Insbesondere kritisierte Schröder aber die steigenden Verwaltungskosten in der GKV. Erst Ende letzten Jahres hatte Ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt eine Nullrunde für die ausufernden Verwaltungskosten angeordnet. Trotzdem stiegen diese in den ersten Monaten dieses Jahres weiter um 3,2 Prozent. Insgesamt wenden die Kassen rund fünf Prozent der Ausgaben für Bürokratie auf.
Ausgabenflut eindämmen
Dabei ist es weniger die Höhe der Ausgaben, die die Kritiker bemängeln. „Es sind die Zuwachsraten, die mich stören“, erklärt der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm. Um mehr als 50 Prozent sind die Verwaltungskosten seit 1989 nach einer Statistik des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums allein im Westen gestiegen.
Nun will man mit der anstehenden Gesundheitsreform die Ausgabenflut eindämmen. Ausgerichtet auf das Ziel von Regierung und Opposition, die Krankenkassenbeiträge von derzeit 14,4 Prozent auf 13,6 Prozent innerhalb eines Jahres zu senken, sollen auch die Kassen ihren Teil beitragen. „Die Verwaltungsausgaben“, heißt es in den gemeinsam von Koalition und Opposition erarbeiteten Eckpunkten, „werden je Mitglied bis zum Jahr 2007 an die Grundlohnentwicklung gebunden.“ Steigen die Ausgaben dennoch auf mehr als zehn Prozent der durchschnittlich von den Kassen erbrachten Verwaltungsausgaben, sollen diese eingefroren werden.
Über die hohen Kosten wundert sich Prof. Dr. med. Fritz Beske, Direktor des Instituts für Gesundheits-System-Forschung in Kiel, nur wenig: Die umfangreichen Aufgaben der Kassen, wie beispielsweise die Betreuung der Versicherten oder auch die Ausarbeitung und Umsetzung verschiedener Chroniker- und Präventionsprogramme, koste eben Geld. „Die Politik ist unehrlich“, sagt Beske, „einerseits werden die Kassen mit immer mehr Aufgaben betraut, gleichzeitig sollen diese dann aber kostenneutral bewerkstelligt werden.“ Sicherlich gebe es noch Einsparpotenziale, räumt er ein, aber in den Beitragssätzen werde sich das kaum bemerkbar machen.
Ähnlich beurteilt das auch der Geschäftsführer des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung, Wilhelm F. Schräder. Auch er sieht durchaus noch Raum für kleinere Einsparungen. Viel wichtiger sei aber, dass sich die Krankenkassen vom „Payer zum Player“ entwickeln. Über jeweilig angepasste Verträge mit den Leistungserbringern, so der Geschäftsführer des privatwirtschaftlichen Beratungs- und Forschungsunternehmens, könnten die Krankenkassen ihre Ausgaben reduzieren. Diese Verträge müssten aber zunächst von einer „qualifizierten Verwaltung“ entwickelt und dann später auch kontrolliert werden. Schräder: „Man sieht also, dass mithilfe der Verwaltung auch bei den weit umfangreicheren Ausgaben, den Behandlungskosten, gespart werden kann. Danach muss die Höhe der Verwaltungskosten beurteilt werden.“
Dass komplexe Aufgaben nicht zwingend zu höheren Verwaltungskosten führen müssen, machen einige kleinere Betriebskrankenkassen (BKKen) vor. Der BKK Mobil Oil zum Beispiel gelang es nach eigenen Angaben, die Ausgaben für den Verwaltungsbereich seit 1999 kontinuierlich von sechs auf etwa zwei Prozent zu senken. „Dies liegt sicherlich auch an der übersichtlichen Größe unserer Kasse und den stark gestiegenen Mitgliederzahlen“, relativiert der Leiter der Finanzabteilung, Dr. Horst Breitenstein. Ein weiterer Grund ist, dass die BKK lediglich über zwei Standorte verfügt. Viele Vorgänge werden deswegen über das Internet abgewickelt, der direkte Kontakt mit den Versicherten ist hier die Ausnahme. „Um hohe Personalkosten zu vermeiden“, so Vorstandsvorsitzender Jan Bollhorn, „investieren wir lieber in effektive Technik.“
Davon ist auch Ralf Sjuts überzeugt. Sjuts ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen BKK. Die Verwaltungskosten seiner Kasse beziffert er auf ungefähr 4,5 Prozent. Ein „dicker Brocken“ hiervon, sagt er, seien die Personalkosten. Darum will man auch bei der Deutschen BKK über technische Innovationen die Verwaltungsausgaben senken. Schon jetzt ermögliche die im Frühjahr eingeführte „elektronische Bearbeitung“ den Kunden beispielsweise, rund um die Uhr Anträge über das Internet zu stellen. Das Neue dabei: Die Computeranwendung funktioniert ohne Mitarbeiter im Hintergrund. Lediglich etwa 20 Prozent der Anträge, die der Computer nicht direkt bearbeiten kann, werden am nächsten Tag von Hand erledigt. Ebenfalls seit Anfang des Jahres wird auch der per Post eingehende Schriftverkehr in Wolfsburg eingescannt und zum Teil auch maschinell bearbeitet. Dadurch könne man in den nächsten fünf Jahren einen Personalüberhang von etwa 30 Prozent erzielen. Dieser soll über „natürliche Fluktuation“, also ohne betriebsbedingte Kündigungen, abgebaut werden, fügt Sjuts hinzu.
Bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOKen) beanspruchten die Verwaltungskosten im letzten Jahr 5,79 Prozent der Leistungsausgaben. Durch den Ausbau von „EDV-Dienstleistungen“ will die AOK die Kosten senken. „Am Service für unsere Kunden wollen wir aber nicht sparen“, erklärt AOK-Sprecher Udo Barske.
Keine Beitragssatzsenkungen
In „modernen Technologien“ sieht auch Marion Caspers-Merck (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Sparpotenziale. Gleichzeitig bemängelt sie, dass die Versicherten bisher nicht wüssten, was mit ihren Beiträgen geschehe. Mit dem neuen Gesetz soll deswegen „Transparenz und Vergleichbarkeit“ zwischen den Kassen hergestellt werden: „Dazu gehört auch, die Vorstandsgehälter öffentlich zu machen — die der Krankenkassen und die der Kassenärztlichen Vereinigungen.“ Kalkulierbare Einsparungen seien das nicht, aber jeder müsse „seinen Teil“ zur Sanierung und zur Modernisierung beitragen, sagt Caspers-Merk. Timo Blöß
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