ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2003Krankenhäuser: Strategien müssen sich ändern

POLITIK

Krankenhäuser: Strategien müssen sich ändern

Dtsch Arztebl 2003; 100(31-32): A-2054 / B-1708 / C-1612

Clade, Harald

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Gesundheitsökonom Prof. Dr. Peter O. Oberender auf dem Forum „Krankenhaus aktuell“ in Karlsruhe: „Fallkomplexpauschalen müssen zum Verkaufsmodell der Leistungserbringer werden.“ Foto: Archiv
Gesundheitsökonom Prof. Dr. Peter O. Oberender auf dem Forum „Krankenhaus aktuell“ in Karlsruhe: „Fallkomplexpauschalen müssen zum Verkaufsmodell der Leistungserbringer werden.“ Foto: Archiv
Der Krankenhausmarkt steht vor beschleunigten Anpassungsprozessen. Die Kliniken müssen sich auf einen wachsenden Leistungsdruck einstellen.

Dank der um drei Monate verlängerten Entscheidungsfrist für den Einstieg in das diagnosebezogene Fallpauschalensystem (Diagnosis Re-
lated Groups – DRGs) wollen fast 60 Prozent der rund 2 200 Krankenhäuser testen, wie das neue Finanzierungs- und Abrechnungssystem unter „geschützten Bedingungen“ funktioniert. Die Krankenhäuser, die für das DRG-System optiert haben, können noch im Laufe des ganzen Jahres 2003 in den neuen Bundesländern mit einer Budgeterhöhung um 2,09 Prozent, die in den alten Bundesländern um 0,89 Prozent rechnen.
Allerdings ist es ein Wagnis, vor dem Routinelauf ab 2004 vorzeitig in das DRG-Finanzierungssystem einzusteigen, wenn dieser Schritt von den Krankenhausträgern und dem Klinikmanagement nur halbherzig getan wird und die gesamte Klinikführungscrew sich nicht gründlich vorbereitet und das Leistungserstellungsziel nicht konsequent auf das neue Steuerungssystem umstellt. Auch „innerlich“ müssen sie von der Notwendigkeit einer mehr leistungsbezogenen internen Lenkung und den neu adjustierten (administrierten) Festpreisen überzeugt sein, andernfalls kann das Experiment vorzeitig scheitern. Ein Verlassen auf externe DRG-Berater kann gefährlich werden.
Konsequentes Denken in Funktionen
Die Klinikbetriebsführung muss Abschied nehmen von alten, tradierten Denkmustern. Künftig ist ein konsequentes Denken in Funktionen erforderlich. Die internen Kostenstrukturen müssen so geändert und auf das DRG-System ausgerichtet werden, dass die bisherigen abteilungsbezogenen und nicht konsequent auf das Unternehmensziel ausgerichteten Abteilungsschranken überwunden werden. Diese Umstellung muss konsequent erarbeitet werden und bedarf in manchen Fällen der Überzeugungskraft der Klinik-manager. Dies erfordert ein Abschiednehmen vom Zaunkönigreich mancher Klinik-Chefs. Medizinische Erfordernisse und betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten dürfen aber nicht die innerbetrieblichen Konflikte verstärken. Vielmehr müssen Gegensätze abgebaut, überwunden und auf ein ganzheitliches Klinikgesamtziel ausgerichtet werden. Dies ist einhellige Meinung von Krankenhausexperten.
Paradigmenwechsel offensiv annehmen
Beim 1. SRH-Forum „Krankenhaus Aktuell“, veranstaltet durch den Heidelberger Krankenhauskonzern SRH-Kliniken AG in Karlsruhe, wurde deutlich: Der gesamte Krankenhausmarkt steht vor gravierenden Anpassungs- und Umstrukturierungsprozessen. Die Krankenhäuser werden infolge des wachsenden Leistungsdrucks, der Leistungsverdichtung und der tendenziellen Verweildauerverkürzung noch mehr unter den Druck der Ökonomie und des Rationalisierungszwanges geraten. Die am Markt gut positionierten Krankenhäuser wären gut beraten, diesen Paradigmenwandel offensiv anzunehmen. Dazu riet der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Peter O. Oberender, Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth und Unternehmensberater für die Krankenhauswirtschaft, während des Karlsruher Kongresses.
Strategische Option:
Verbundbetriebe
Eine strategische Option im DRG-Zeitalter ist es, die externe Vernetzung der Krankenhausbetriebe zu Verbundbetrieben, Kooperationen und Ma-
nagementgesellschaften zu forcieren. Ein „Mittel der Wahl“ ist eine aktive, vertragsgebundene Einschaltung der Krankenhäuser in die seit 1. Juli 2002 im Sozialgesetzbuch V verankerten Disease-Management-Programme, eine vermehrte Gründung von Ärztehäusern an Krankenhäusern, die Förderung des kooperativen Belegarztwesens als eines der personalen Verzahnungsinstrumente und auch von Polikliniken neuer Prägung. Um die niedergelassenen Fachärzte vor dem existenziellen Exitus zu bewahren, empfehlen Experten, vermehrt Facharztpraxen an Krankenhäuser anzudocken – wenn möglich, auf vertraglicher Ebene auch auf dem Klinikgelände freiberuflich zu arbeiten.
Die interne Effizienz der Kranken-hausbetriebe muss durch ein klinikad-
äquates Controlling verbessert werden. Das DRG-Finanzierungssystem verstärkt den Trend, sich auf rentable, gewinnträchtige Leistungen zu konzentrieren und die Angebotsvielfalt entsprechend auszurichten. Dies haben ausländische Beispiele gezeigt, die seit längerem das diagnosebezogene Fallpauschalensystem praktizieren, so insbesondere auch Österreich, das dieses System vor fünfeinhalb Jahren erfolgreich eingeführt hat.
Produktivitätsfortschritte, so Ober-ender, seien künftig umso eher zu erzielen, als sich stationäre Versorgungseinheiten mit dem ambulanten und rehabilitativen Sektor zu Gesundheitsverbünden zusammenschließen, um als Netzwerk gesteuert zu werden.
Die Fachärzte geraten durch die Integrationsversorgung (§ 140 a ff. SGB V) und die Expansionswünsche der Krankenhäuser in Richtung übergreifender Gesundheitszentren zunehmend unter Druck. Für sie stellt sich die Existenzfrage vor allem darin, ob sie weiter als risikotragende niedergelassene Fachärzte selbstständig bleiben wollen oder sich aber vermehrt in stationären und klinikambulatorischen Einheiten und in Krankenhäusern anstellen lassen wollen oder vertraglich binden – mit allen daraus resultierenden Konsequenzen.
Die Krankenhäuser werden künftig flexibel bei der Leistungserstellung und im Unternehmensziel bleiben und ständig prüfen müssen, ob das Leistungsangebot zu einem einheitlichen Komplettangebot – von der ambulanten über die stationäre bis hin zur teilstationären und rehabilitativen Leistungserbringung – ausgebaut werden kann. Die Hauptaufgabe des konsequent betriebswirtschaftlich ausgerichteten Controllings ist der ständige Kostenvergleich mit
Erlösgrößen für „definierte Leistungspakete“ (Peter Oberender).
Industriewirtschaftliche Kostenrechnung erforderlich
Um das Portfolio ständig zu überprüfen und unternehmenszielgerecht zu bereinigen, ist eine funktionierende, industriewirtschaftlich ausgerichtete Kostenarten- und Kostenstellenrechnung erforderlich. Die bisher weitgehend selbstständigen Klinikabteilungen werden künftig ihre Autonomie weitgehend verlieren und müssen sich einem ganzheitlichen, fachgebietsübergreifenden funktionalen Leistungszielerstellungsprozess unterordnen.
Das Controlling muss Informationen über die Fall- beziehungsweise Prozess-kosten liefern und das Leistungsgeschehen im Hinblick auf die Kostendeckungsbeiträge transparenter gestalten. Bei negativen Kostendeckungsbeiträgen muss sofort auf die Bremse getreten und das Angebot und die Leistungserstellung müssen unternehmenszielgenau geändert werden.
Krankenhaus als moderner Dienstleister
Künftig gilt mehr als bisher, eine optimale Betriebsgröße zu finden und diese einzuhalten. Systematisch sollten Quersubventionen abgebaut werden, rät Oberender. Um einen verschärften Leistungs- und Qualitätswettbewerb, auf den die Krankenkassen als Kostenträger pochen, bestehen zu können, sollten die Krankenhausbetriebe vermehrt Erlöspotenziale außerhalb des gedeckelten sektoralen Budgets finden und erschließen. Die Krankenhäuser, so rät Oberender, seien gut beraten, wenn sie sich rechtzeitig als „kundenorientierte Dienstleister“ darstellten.
Ein Handicap beim Einführungs- und Umstellungsprozess auf das DRG-basierte Festpreissystem: Bei Fortführung der starren sektoralen Budgets und einer grundlohnorientierten Anhebung der Budgetdeckel werden bisher ineffiziente Krankenhäuser belohnt und falsche Anreize gesetzt. Dadurch werden die notwendige Marktbereinigung und der Abbau von Überkapazitäten eher schleppend erfolgen können. Immer noch wird die Kapazitätsanpassung und die Festlegung von Krankenhausstandorten weitgehend politisch bestimmt, nicht aber ökonomisch gesteuert, und den Krankenhäusern ermöglicht, sich marktgerecht zu positionieren. Dr. rer. pol. Harald Clade
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