ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2003Biologische Kriegsführung: Eine andere Perspektive

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Biologische Kriegsführung: Eine andere Perspektive

Dtsch Arztebl 2003; 100(31-32): A-2061 / B-1715 / C-1619

Roberts, Ian

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LNSLNS Ausgehend vom dritten Golfkrieg und den vorangegangenen Wirtschaftssanktionen, schlägt der Verfasser eine allgemeiner gefasste Definition von biologischer Kriegsführung vor.

Die einzige Eigenschaft von Mikroorganismen, die es ermöglicht, sie als biologische Waffe einzusetzen, besteht in der Fähigkeit, eine Infektionskrankheit auszulösen. Vorsätzlich kann man auf unterschiedliche Weise pathogenen Mikroorganismen ausgesetzt sein. Ob es zu einer Erkrankung kommt, wird dadurch bestimmt, ob eine Exposition gegenüber Mikroorganismen stattgefunden hat, und nicht, auf welche Weise dies geschah. Deshalb ist jede böswillige Intervention, die in der Zivilbevölkerung zu Infektionen führt, ein Angriff mit biologischen Waffen (biological attack).
Mikroorganismen sind zwar notwendig, aber nicht allein ausreichend, um eine Infektionskrankheit hervorzurufen; hierzu bedarf es weiterer Faktoren (5). So ist die Widerstandskraft des Wirtes gegenüber einer Infektion ein wichtiges Glied in dieser Kausalkette (7). Ob ein Mikroorganismus eine Infektion hervorrufen kann, hängt von der Immunität oder Anfälligkeit des Wirtes ab.
Ein Mangel an Vitaminen und essenziellen Spurenelementen erhöht die Anfälligkeit gegenüber einigen infektiösen Erregern und die Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion zu einer schweren oder tödlichen Erkrankung führt. In diesem Zusammenhang kann die abnehmende Inzidenz von Infektionskrankheiten in wirtschaftlich reichen Ländern eher mit einer verbesserten Widerstandsfähigkeit gegenüber den Erregern als mit einer reduzierten Virulenz der Mikroorganismen erklärt werden. Hieraus folgt, dass jede böswillige Intervention, die die Fähigkeit der Zivilbevölkerung beeinträchtigt, Infektionen zu widerstehen oder effektiv hierauf zu reagieren, biologische Kriegsführung bedeutet. Diese wissenschaftlichen Betrachtungen haben wichtige Implikationen dafür, wie biologische Kriegsführung im Zusammenhang mit dem Irakkrieg definiert wird.
Erstens: Dies bedeutet, dass ein Bombardement von Wasserwerken, sanitären Einrichtungen und Kraftwerken einen biologischen Angriff darstellt. Um ein biologisches Agens als Waffe auszuwählen, müssen drei Kriterien erfüllt werden: einfache Herstellbarkeit, Stabilität und Letalität. Die Mikroorganismen, die verheerende Diarrhö-Epidemien auslösen können, sind ubiquitär anzutreffen, letal und durch die Zerstörung der zivilen Infrastruktur von Sanitätsanlagen, Wasseraufbereitungs- und Abwassersystemen schnell verbreitet. Die Zerstörung der Einrichtungen wird eine schnelle Kontamination von Nahrung und Wasser für die Zivilbevölkerung zur Folge haben, und die Fäkalien von infizierten Personen werden das Trinkwasser noch weiter kontaminieren. Dies kann zu einer ausgedehnten, die gesamte Bevölkerung betreffenden und sich selbst beschleunigenden Epidemie führen. Aus ehemals geheimen Dokumenten der American Defense Intelligence Agency geht hervor, dass die Alliierten im zweiten Golfkrieg 1991 absichtlich die irakische Wasserversorgung angegriffen hatten. Zwölf Jahre danach war [vor dem dritten Golfkrieg] immer noch die Hälfte dieser Wasseranlagen nicht wieder in Betrieb (6).
Zweitens: Die Wirtschaftssanktionen der Vereinten Nationen führten zu einer weit verbreiteten Mangelernährung bei der Zivilbevölkerung. Auch hierdurch wurde die körperliche Widerstandskraft der Menschen ernsthaft geschwächt. Dies ist eine Form der biologischen Kriegsführung. Mikroorganismen, die bei intaktem Immunsystem lediglich eine kleine Bedrohung darstellen, können bei einer Immundefizienz, die durch eine Mangelernährung hervorgerufen wird, in hohem Maße tödlich sein. Beispielsweise können durch ubiquitäre Mikroben, wie Escherichia coli, lebensbedrohende Durchfallerkrankungen ausgelöst werden; gewöhnliche Viren des Respirationstraktes können zu tödlichen Pneumonien führen. Als eine Folge des gegen den Irak verhängten Embargos hat sich die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren mehr als verdoppelt. Der Großteil der zusätzlichen Todesfälle ist auf Diarrhöen und Pneumonien der durch Mangelernährung geschwächten Kinder zurückzuführen (1).
Drittens: Aufgrund der [bis vor kurzem bestehenden] Importbeschränkungen bei essenziellen Medikamenten und medizinischen Geräten konnte die irakische Bevölkerung nicht mehr auf Ausbrüche von Infektionskrankheiten reagieren. Ferner führte die Zerstörung der Infrastruktur des öffentlichen Gesundheitswesens und deren Überlastung dazu, dass Krankheiten nicht mehr effektiv behandelt werden konnten. Dies stellt einen biologischen Angriff dar.
Viertens: Der nicht erfolgte Wiederaufbau des öffentlichen Gesundheitswesens [nach dem zweiten Golfkrieg] und die nicht wieder instand gesetzte Trinkwasserversorgung für die Bevölkerung und die Kliniken ist ein biologischer Angriff.
Der Artikel gibt die Meinung des Verfassers wieder. Diskussionsbemerkungen sind willkommen. Das Deutsche Ärzteblatt hat zum Thema ein Internet-Forum „Biologische Waffen“ unter www.aerzteblatt.de/foren eingerichtet. Der Originalbeitrag und die Literatur im Internet: www.aerzteblatt.de/plus3103
Übersetzung: Stephan Mertens
Prof. Ian Roberts
London School of Hygiene and Tropical Medicine
University of London WC1B 3DP
E-Mail: ian.roberts@LSHTM.ac.uk
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1.
Arnove A (ed). Iraq under siege: The deadly impact of sanctions and war. London: Pluto Press, 2003.
2.
Berger A: What does zinc do? BMJ 2002;325:1062.
3.
Levy BS, Sidel VW (eds): Terrorism and public health. ISBN 9-780195158342.
4.
Palast G: New British empire of the dammed. Observer. Sunday April 23, 2000.
5.
Rothman KJ: Modern epidemiology. Boston: Little, Brown and Company 1986.
6.
Sengupta K: The Independent. Saturday April 19, 2003
7.
Stephensen CB: Vitamin A, infection and immune function. Annu Rev Nutr 2001;21:167–192.
1. Arnove A (ed). Iraq under siege: The deadly impact of sanctions and war. London: Pluto Press, 2003.
2. Berger A: What does zinc do? BMJ 2002;325:1062.
3. Levy BS, Sidel VW (eds): Terrorism and public health. ISBN 9-780195158342.
4. Palast G: New British empire of the dammed. Observer. Sunday April 23, 2000.
5. Rothman KJ: Modern epidemiology. Boston: Little, Brown and Company 1986.
6. Sengupta K: The Independent. Saturday April 19, 2003
7. Stephensen CB: Vitamin A, infection and immune function. Annu Rev Nutr 2001;21:167–192.

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