ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2003Dosiswerte in der Röntgendiagnostik: Hinweise für Überweisungen zu radiologischen Untersuchungen

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Dosiswerte in der Röntgendiagnostik: Hinweise für Überweisungen zu radiologischen Untersuchungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(31-32): A-2087 / B-1737 / C-1641

Bauer, Burkhard; Veit, Richard

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LNSLNS Der Strahlenschutz des Patienten gewinnt zunehmend an Bedeutung. In der neuen Strahlenschutzverordnung (StrlSchV) von 2001 (3) und der novellierten Röntgenverordnung (RöV) von 2002 (4) sind deshalb, und zur Umsetzung der Patientenschutzrichtlinie der Europäischen Kommission (PatSRL) (2), Vorschriften über die rechtfertigende Indikation von radiologischen Untersuchungen und Behandlungen enthalten. Die Rechtfertigung erfordert ein Abwägen des diagnostischen oder therapeutischen Nutzens der Maßnahme gegenüber dem damit verbundenen strahlenbedingten Risiko. Dies gilt für die Röntgendiagnostik ebenso wie für die Nuklearmedizin und die Strahlentherapie. Der folgende Artikel befasst sich nur mit der Röntgendiagnostik.
Der diagnostische Nutzen ergibt sich aus der Aussagekraft eines Untersuchungsverfahrens, das heißt dessen Sensitivität und Spezifität sowie des positiven und negativen Vorhersagewertes. Dies zu beurteilen, ist eine rein ärztliche Frage. Medizinisch begründete Empfehlungen für Diagnoseverfahren zur Abklärung unterschiedlicher Verdachtsdiagnosen beziehungsweise Erkrankungen werden zurzeit im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit vorbereitet, die, gesondert nach Organsystemen und Krankheiten, Empfehlungen geben werden, welche Untersuchungsverfahren in den unterschiedlichen Phasen der Diagnostik unter Strahlenschutzaspekten eingesetzt werden sollen. Alternative bildgebende Untersuchungsverfahren werden dabei berücksichtigt.
Das Strahlenrisiko von Röntgenuntersuchungen ergibt sich aus der mit den verschiedenen Untersuchungsverfahren verbundenen Strahlenexposition. Dazu hat das Bundesamt für Strahlenschutz Bereiche mittlerer Werte der effektiven Dosis E (Textkasten) für die häufigsten Untersuchungsverfahren in der diagnostischen Radiologie ermittelt (Tabelle).
Die effektive Dosis E eignet sich besonders gut für Dosisvergleiche, wenn unterschiedliche Körperteile von der Strahlung betroffen sind. Mithilfe des nominellen Risikokoeffizienten der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP) (1) für E von derzeit 5 Prozent pro Sv für die Mortalität kann man aus dem Zahlenwert von E das Strahlenrisiko einer Untersuchung grob abschätzen, das bei deren Rechtfertigung berücksichtigt werden muss. Dieser Wert ist ein Mittelwert für die Gesamtbevölkerung; er ist bei Jugendlichen und Kindern bis zum Dreifachen höher und nimmt mit zunehmendem Alter deutlich ab. Bei einer solchen Bewertung des Strahlenrisikos ist allerdings zu bedenken, dass die effektive Dosis für eine definierte Röntgenuntersuchung eine erhebliche Schwankungsbreite aufweist. Die wichtigsten Einflussgrößen sind dabei:
- Gewicht beziehungsweise Durchmesser des Patienten (schon eine Zunahme der Körperdicke um 3 bis 4 cm erhöht die Hautdosis auf der Strahleneintrittsseite auf das Doppelte),
- Geschlecht (zum Beispiel ist die weibliche Brust strahlensensibler als die männliche),
- eingesetzte Technik, insbesondere sind hier unter anderem die Film-Folien-Empfindlichkeit, die Röhrenspannung (kV), die Art des Rasters, der Abstand von der Röhre sowie die Feldgröße zu berücksichtigen,
- medizinische und diagnostische Schwierigkeiten, bedingt durch die individuell unterschiedlichen Verhältnisse bei den Patienten,
- die Erfahrung des Arztes.
Anhand der Tabelle sind diejenigen Untersuchungsverfahren gut zu erkennen, die mit geringerer Strahlenexposition verbunden sind, wie zum Beispiel Röntgenaufnahmen des Thorax und der Extremitäten. Ausgesprochen hohe Dosiswerte treten dagegen bei aufwendigen Durchleuchtungsuntersuchungen, wie zum Beispiel Röntgenuntersuchungen des Magendarmkanals aber auch bei interventionellen Maßnahmen und bei CT-Untersuchungen auf. Auch wenn die Computertomographie eine gegenüber den Übersichtsaufnahmen wesentlich höhere diagnostische Aussagekraft hat, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Dosis etwa bei einer Untersuchung des Thorax mittels CT circa 50mal höher liegt als bei Aufnahmen in zwei Ebenen.
Der Arzt kann damit also schon bei der Überweisung zum Radiologen erheblich zur Dosisminimierung des Patienten beitragen. Nach der Vorgabe der Röntgenverordnung (4) ist die endgültige Entscheidung über die Durchführung einer Röntgenuntersuchung, die so genannte „rechtfertigende Indikation“, dem ausführenden Arzt mit der erforderlichen Fachkunde im Strahlenschutz vorbehalten. Damit dieser Arzt eine möglichst fundierte Abwägung zwischen diagnostischem Nutzen und strahlenbedingtem Risiko treffen kann, ist der überweisende Arzt gehalten, dem Radiologen im Sinne der kollegialen Zusammenarbeit alle verfügbaren Informationen über bisherige medizinische Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen. Durch eine umfassende Information über den Patienten kann der Radiologe die Untersuchung gezielt durchführen und dadurch die Dosis verringern. Der überweisende Arzt kann auf diese Weise sehr zur Verringerung der Strahlenexposition des Patienten beitragen.
Manuskript eingereicht: 7. 4. 2003, revidierte Fassung
angenommen: 22. 4. 2003

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 2087–2088 [Heft 31–32]

Literatur
1. Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission 1990; Veröffentlichungen der ICRP 60; Deutsche Ausgabe. Stuttgart, Jena, New York: Gustav-Fischer-Verlag 1993.
2. Richtlinie 97/43/EURATOM des Rates vom 30. Juni 1997 über den Gesundheitsschutz von Personen gegen die Gefahren ionisierender Strahlung bei medizinischer Exposition und zur Aufhebung der Richtlinie 84/466/EURATOM; ABl. EG Nr. L169 S. 1.
3. Verordnung über den Schutz vor Schäden durch ionisierende Strahlen (Strahlenschutzverordnung – StrlSchV) vom 20. Juli 2001 (BGBl. I S. 1714), zuletzt geändert durch Art. 2 der Verordnung vom 18. Juni 2002 (BGBl. I S. 1869).
4. Verordnung über den Schutz vor Schäden durch Röntgenstrahlen (Röntgenverordnung – RöV) vom 18. Januar 1987 (BGBl. I S. 114), zuletzt geändert durch Art. 1 der Verordnung vom 18. Juni 2002
(BGBl. I S. 1869).

Anschrift der Verfasser:
Dr. med. Burkhard Bauer
Dipl.-Phys. Richard Veit
Bundesamt für Strahlenschutz
Institut für Strahlenhygiene
Ingolstädter Landstraße 1
85764 Oberschleißheim
E-Mail: rveit@bfs.de

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