ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2003Brustabszess nach Brustwarzenpiercing: Zuerst vor der eigenen Tür kehren
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LNSLNS Die Autoren führen eine statistische Analyse von zehn interessanten Kasuistiken durch und fühlen sich danach berufen, einen Forderungskatalog an mindestens zwei Berufsstände und mehrere Gesetzgeber davon abzuleiten.
Dazu kann ich Folgendes bemerken:
1. Die Autoren stellen zwar fest, dass die (hygienischen) Empfehlungen zur Durchführung von Piercing ähnlich mit denen für das ambulante Operieren sind, behaupten aber im nächsten Satz, dass diese Empfehlungen selten eingehalten werden. Warum wird diese Feststellung getroffen? Haben die Autoren eine repräsentative Anzahl von Piercingstudios überprüft? Wenn das so nicht war, dann bleibt eine solche Behauptung eben nur Behauptung und hat in einer wissenschaftlichen Publikation nichts zu suchen. Nach meiner begrenzten Erfahrung verfügen viele Studios inzwischen über eine bessere hygienische Ausstattung und Dokumentation als die Arztpraxen.
2. Die Autoren fordern bessere Dokumentation von (Piercing-)Komplikationen. Wer soll diese Dokumentation führen. Die Piercingstudios? Übrigens: Wie sieht es aus mit der Dokumentation von Komplikationen nach viel gefährlicheren und genauso wie Piercing unnötigen ärztlichen Operationen wie Brustkorrekturen, Faltenbeseitigung, Laseranwendungen, Liposuktion?
3. Die Aufforderung zur Kontrolle von Piercings und Komplikationen bei jedem Arztbesuch erstaunt mich. Soll ich bei jeder Patientin mit einer Mandelentzündung auch den Bauchnabel und andere durch Piercing gefährdete Stellen inspizieren? Und mit welchem Recht soll ich ungebeten irgendwelche Ratschläge geben?
4. „Kein Piercing durch Ärzte“ erscheint mir unüberlegt. Gerade die piercenden Ärzte könnten die betroffene Kundschaft gut beraten und über die Risiken aufklären. Letztendlich geht es uns Ärzten darum, dass die
Rate an unnötigen Komplikationen gesenkt wird. Wir sollen nicht die Moralkeule schwingen und gleichzeitig a priori dieses Betätigungsfeld medizinischen Laien überlassen. Und nebenbei: wenn „vorsätzliche nichtindizierte Verletzung der körperlichen Integrität im Gegensatz zum ärztlichen Ethos steht“ denke ich an erster Stelle wieder an die unnötige und unnatürliche Faltenglättung, Liposuktion oder Brustkorrektur [. . .]. Deshalb würde ich den Satz aus Gerechtigkeit den Piercern gegenüber eher so akzeptieren: „keine Durchführung von unnötigen kosmetischen Eingriffen durch Ärzte“.
5. Die Autoren fordern weiterhin gesundheitspolitisches Handeln. Sie fordern Studien „[. . .] über die Prävalenz von Piercingkomplikationen“. Wer soll solche Studien bezahlen? Und wozu?
In der Szene ist es üblich, dass bei den Minderjährigen die Eltern eine entsprechend formulierte Einverständniserklärung unterschreiben. Ferner gibt es auch Piercingverbände, die die von Ihnen geforderten Aus- und Weiterbildungskurse sowie Kataloge mit Checklisten für die Kunden und für die Piercer anbieten (zum Beispiel: Erste Organisation Professioneller Piercer e.V., www.opp1997.de).
Nach der Lektüre des Artikels kann der Eindruck entstehen, dass die Autoren eine interessante wissenschaftliche Publikation nur für die Propagierung der eigenen moralisch-ästhetischen Ansichten benutzen wollten. Dafür sprechen einige in dem Text vorkommende negative Formulierungen über das Modephänomen „Piercing“ sowie die Forderung nach der Einführung von Standards, die entweder längst etabliert sind oder völlig überzogen sind.
Die Forderung nach HIV-, und HCV-Tests bei den Piercern erscheint grotesk, wenn man weiß, dass die berufstätigen Ärzte selbst so gut wie nie auf diese Krankheiten getestet werden.
Und zum Schluss noch eine Bemerkung: Die Piercingstudios werden von den Gesundheitsämtern regelmäßig kontrolliert. Hat jemand jemals von den regelmäßigen Begehungen der Arztpraxen oder Krankenhäuser durch die Gesundheitsämter gehört?

Dr. med. Richard Pawlak
Hauptstraße 93
76448 Durmersheim

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